Flaggen-Wirrwarr: Warum die Zielflagge zu früh gezeigt wurde

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Flaggen-Wirrwarr: Warum die Zielflagge zu früh gezeigt wurde
Stefan Ehlen
Autor: Stefan Ehlen , German Editor
Co-Autor: Adam Cooper
11.06.2018, 19:26

Na, wer hat's verbockt? Formel-1-Rennleiter Charlie Whiting musste sich nach dem zu frühen Abwinken des Kanada-GPs 2018 in Montreal unangenehmen Fragen stellen …

Stell Dir vor, es ist Kanada-Grand-Prix und jemand drückt Dir die Zielflagge zum Abwinken in die Hand. Du machst es und schwenkst die Fahne, stellst dann aber fest: Es war zu früh! Das Rennen ist noch gar nicht vorbei! Klingt unglaublich? Ist aber wirklich passiert – bei der Formel 1 2018 in Montreal, als das Model Winnie Harlow nach 69 von 70 Runden abwinkte. Das Rennen fand so ein abruptes Ende und wurde schließlich nach Runde 68 gewertet, also ganze zwei Runden vor dem eigentlichen Schluss.

Glück im Unglück für die Formel 1: Es änderte sich dadurch nichts am Klassement. In der allgemeinen Verwirrung kam es zu keinen Zwischenfällen. Nur Daniel Ricciardo verlor die schnellste Rennrunde an seinen Red-Bull-Teamkollegen Max Verstappen, weil seine noch bessere Runde so gar nicht mehr gewertet wurde – sehr zu seiner Enttäuschung.

Insgesamt also gerade noch mal gutgegangen, könnte man meinen. Doch der Image-Schaden für die Formel 1 und Promi-Zielflaggen-Schwenkerin Harlow ist groß, inklusive Shitstorms in den sozialen Netzwerken. TV-Experte Timo Glock brachte es bei 'RTL' auf den Punkt, in dem er sagte: "Das darf natürlich nicht passieren. Denn so etwas kann ein Rennen entscheiden und leicht zu Chaos führen."

Charlie Whiting auf Spurensuche

Wie also ist es so weit gekommen? Diese Frage wurde unmittelbar nach dem verkürzten Grand Prix an Formel-1-Rennleiter Charlie Whiting gerichtet. Er nannte ein "Missverständnis" zwischen Startturm und Rennleitung als Grund für den Fauxpas, bezeichnete die Situation als "sehr ärgerlich". Und er stellte umgehend klar: "Den Promi trifft keine Schuld!"

Wenn überhaupt, dann sei der sogenannte Starter für den Zwischenfall verantwortlich. Dabei habe sich dieser kurz zuvor noch an die Rennleitung gewandt. "Er fragte: 'Das ist die letzte Runde, ja?' Die Rennleitung bestätigte, weil man dachte, er würde die Flagge zeigen, keine Frage stellen", sagt Whiting. "Das ist unsere erste Erkenntnis." Sprich: Die Kommunikation hat nicht funktioniert.

Charlie Whiting, FIA Delegate in a Press Conference

Charlie Whiting, FIA Delegate in a Press Conference

Foto: Sutton Images

Andererseits hätte der Starter aber auch nur die Rundenanzeige lesen und verstehen müssen. Oder hat er diese Anzeige etwa falsch interpretiert? Whiting schließt das aus und meint: "Er hat die Anzeige richtig gelesen. Deshalb hat er nachgefragt. Er wollte es bestätigt haben und dachte, er habe die Bestätigung erhalten. Doch so war es nicht. Er interpretierte das 'ok' der Rennleitung vielmehr als 'ja, das ist richtig'. Ich muss mir die Situation aber noch einmal genau ansehen, weil es scheint, als habe niemand wirklich Bescheid gewusst." Und das sei "nicht zufriedenstellend", wie Whiting anmerkt.

Braucht es neue Abläufe?

"Vielleicht müssen wir unsere Abläufe überprüfen und sicherstellen, dass wir an jeder Rennstrecke ein klares Prozedere haben. Denn überall gibt es unterschiedliche Kommunikationssysteme, andere Netzwerke", erklärt der Formel-1-Rennleiter und schlägt vor, als kurzfristige Maßnahme künftig jedes Mal einen speziellen Countdown einzurichten. "Dann könnte man herunterzählen und sagen: Der Führende ist in der drittletzten Runde, in der zweitletzten, in der letzten Runde. Danach würde man den Starter – oder wer auch immer die Flagge zeigt – darauf hinweisen, wer der Führende ist. 'Das nächste Auto', etwas dergleichen. Das wurde hier nicht gründlich genug gemacht."

Deshalb kam es zu dieser Situation, die Glock als "kurios" bezeichnete. Dabei ist es nicht das erste Mal in der Geschichte der Formel 1, dass das Timing beim Abwinken nicht gestimmt hat: Pelé, Fußball-Legende aus Brasilien, zeigte 2002 in Interlagos erst dem Achtplatzierten die Zielflagge. 2014 zückte ein Sportwart beim China-Grand-Prix in Schanghai die Flagge ebenfalls eine Runde zu früh. Und selbst der fünfmalige Formel-1-Weltmeister Juan Manuel Fangio kam in Buenos Aires einmal nicht mit, als er 1978 statt Mario Andretti den fünftplatzierten Ronnie Peterson abwinkte …

 

Auch die aktuellen Formel-1-Piloten räumten ein, "ein bisschen verwirrt" gewesen zu sein, als plötzlich schon das Rennende angezeigt wurde. "Es war schon lustig", sagt etwa Rennsieger Sebastian Vettel. "Auf meinem Lenkrad-Display habe ich eine Rundenanzeige, dazu kommt die Boxentafel – und beides sagte, es stünde noch eine Runde aus. Ich funkte zur Box und sagte: 'Freunde, ich glaube, das Rennen ist noch nicht vorbei.' Und man sagte mir: 'Nein, nein, nein – fahr weiter!'"

Verwirrung bei den Fahrern

Renault-Fahrer Carlos Sainz wiederum hatte das vorzeitige Abwinken gar nicht mitbekommen. "Ich habe die Flagge nicht gesehen, weil ich gar nicht hingeschaut hatte. Ich hatte ja nicht damit gerechnet", erklärt der Spanier. Sein Vordermann Kimi Räikkönen im Ferrari wiederum nahm Tempo raus. "Dann aber merkte er, dass es doch nicht vorbei war, und fuhr wieder schneller", berichtet Sainz.

Anders erging es Toro-Rosso-Mann Pierre Gasly, dem im Cockpit noch größere Fragezeichen aufgingen: "Ich glaube, es war das erste Mal in meiner Karriere, dass ich in einem Rennen gleich zwei Mal die karierte Flagge gesehen habe! Keine Ahnung, was da los war", so der Franzose. "Mein Ingenieur sagte mir nur: 'Ignoriere das einfach!' Doch das ist ein Risiko. Denn wenn du vom Gas gehst, aber dich alle anderen überholen, dann … Es kam auf jeden Fall ein bisschen überraschend. Und ich dachte nur: Was zur Hölle?!"

 

Überrascht wurden auch die vielen Sportwarte an den Streckenposten rund um den Kurs. Einige von ihnen traten für die vermeintliche Ehrenrunde hinter den Mauern und Leitplanken hervor, um mit ihren Flaggen den Sieger und die Platzierten zu feiern. Vettel befürchtete zu diesem Zeitpunkt, es könnte Verletzte geben. "Ich machte mir Sorgen", sagte der Deutsche. "Ich funkte, damit nicht in der letzten Runde plötzlich Leute auf die Fahrbahn rennen und feiern, wenn wir mit Vollgas um die Ecke kommen …"

... und plötzlich Menschen auf der Strecke!

Auch hierbei ist es offenbar zu Missverständnissen gekommen, wie Whiting einräumt. "Man hat den Sportwarten wohl gesagt, die Zielflagge sei gezeigt worden. Sie wussten aber offenbar nicht, dass das zu früh passiert war." Das habe ebenfalls zur Verwirrung beigetragen, sagt Whiting. Die Teams wiederum hätten nichts anbrennen lassen und seien auf Nummer sicher gegangen. "Sie würden eher noch eine weitere Runde drehen, für den Fall der Fälle."

Genau das habe er auf Nachfrage auch als Auskunft erteilt, meint Whiting. "Ich gab jedem, der fragte, den Rat, dass sie einfach das Rennen beenden sollten. Das wäre in Ordnung gewesen. Das Problem war aber, dass die Sportwarte bereits auf die Strecke gekommen waren, die Autos aber noch fuhren." Dies gelte es in Zukunft zu vermeiden, möglicherweise mit einer entsprechenden Mitteilung an alle Beteiligten.

"Vielleicht", sagt Whiting, "müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie wir ein besseres Signal für das Rennende setzen können. Die Zielflagge mag Tradition haben, aber wie sich nun gezeigt hat, ist dieses Verfahren eben auch fehleranfällig." Er könne sich auch eine neue, große Anzeigetafel vorstellen. "Doch so einfach ist auch das nicht. Denn die Frage ist immer, wann es aktiviert wird. Wir müssen uns einfach ein paar Gedanken dazu machen", meint Whiting. "Die Frage ist nur: Müssen wir wirklich einen Prozess anstoßen, um hier Klarheit zu schaffen – für etwas, das alle zehn Jahre mal vorkommt? Auch damit müssen wir uns befassen."

Immerhin: Eine Regel für den Fall der Fälle gibt es bereits. Denn das nach 69 Runden beendete Rennen wurde nach 68 Runden gewertet. "So sieht es das Reglement vor", sagt Whiting. "Der Hintergrund ist: Wenn es Verwirrung gab, dann gehst du einfach auf die Runde davor, dann wirst du ein tatsächliches Klassement haben. Es ist wie bei einem Rennabbruch, wenn das Rennen nicht mehr fortgesetzt werden kann. Dann nimmst du ebenfalls die Runde vor dem Rennabbruch."

Nur dass diese Regel eigentlich nicht für ein normales Rennende gedacht ist …

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Rennserie Formel 1
Event Montreal
Urheber Stefan Ehlen
Artikelsorte News