Formel 1 2017, Team für Team: Wer braucht ein gutes Jahr?

geteilte inhalte
kommentare
Formel 1 2017, Team für Team: Wer braucht ein gutes Jahr?
Charles Bradley
Autor: Charles Bradley
Übersetzung: Petra Wiesmayer
15.01.2017, 13:04

Es geht wieder bei Null los. Die Erfolge der Vergangenheit sind Geschichte und auch, wenn das ein guter Leitfaden ist, zählt nur das, was als nächstes passiert. Charles Bradley konzentriert sich auf die, die sich beweisen müssen.

Willkommen in der Formel 1 2017, und falls Sie denken, die Saison fängt erst an, wenn sich im Februar in Barcelona das erste Rad dreht, wurden doch die Grundsteine bereits in den vergangenen Monaten gelegt. Sie waren wichtig, um eine solide Chance auf eine erfolgreiche Saison zu haben.

Abgesehen davon, ob Manor wieder dabei sein wird oder nicht und ein paar inoffiziellen Deals wissen wir, wer in diesem Jahr wo fahren wird.

Und wo anders sollte man anfangen, als bei Weltmeister Mercedes, der zum 3. Mal in Folge den Fahrer- und Konstrukteurstitel geholt hat – und bei dem dann der aktuelle Weltmeister seine Karriere beendet hat, und bei dem Technikchef Paddy Lowe zu Williams abwandert!

Wir untersuchen ein zentrales Teil jedes Teams: Passt das Stück ins Puzzle? Kreiert es das Bild eines Siegers?

Valtteri Bottas, Williams FW37 and Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W06 battle for position
Valtteri Bottas, Williams FW37, und Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W06, im Zweikampf

XPB Images

Mercedes: Valtteri Bottas

Es ist schwierig, sich Umstände auszudenken, die denen entsprechen, die Bottas, den kräftigen Fahrer des vorderen Mittelfelds, dazu bringen, seinen Traumplatz neben dem dreimaligen Weltmeister Lewis Hamilton bei Mercedes zu ergattern.

Nico Rosberg hat große Fußstapfen hinterlassen, die es zu füllen gilt. Auf der anderen Seite ist Bottas kein Rookie. Er hat in seinen 4 Saisons bei Williams eine Menge Punkte geholt, sowie auch 3 Startplätze in der 1. Reihe und ein paar 2. Plätze. Mit 27 geht er wahrscheinlich auf den Höhepunkt seiner Karriere zu und hat bereits 3 Grands Prix angeführt – wenn auch nur kurz.

Mir drängt sich dieses Bild von Mika Häkkinen auf, der 1993 Teamkollege von Ayrton Senna bei McLaren wurde: Man hat das Gefühl, dass Bottas sich sehr schnell wird beweisen müssen, wie Häkkinen das bei seinem McLaren-Debüt beim Qualifying in Estoril getan hat, ein Ausrufezeichen gegen Lewis setzen.

Natürlich trieb das Senna zu genialen Siegen in Suzuka und Adelaide – und das ist das, was Mercedes von dem Fahrer neben Hamiltons wohl auch erwartet. Jemand, der Lewis auf Trab hält, damit seine Gedanken nicht zu all den Ablenkungen neben der Strecke abschweifen.

Auch, wenn das neue Auto mit dem neuen Look dem der vergangenen 3 Saisons nur etwas ähnelt, muss Bottas zum Wohl der Meisterschaft zu Hochform auflaufen.

Urteil: Bottas muss noch eine Schippe drauflegen, wenn er mit Hamilton mithalten will, geschweige denn ihn schlagen.

Adrian Newey, Chief Technical Officer of Red Bull Racing
Adrian Newey, Technischer Direktor, Red Bull Racing

Photo by: Red Bull Content Pool

Red Bull: Adrian Newey

Daniel Ricciardo war der große Liebling in den Medien-Umfragen nach der Saison nach den Top-10-Fahrern, und nach Max Verstappens verblüffenden Leistungen in so einem zarten Alter, gibt es nur wenig, was die Red-Bull-Piloten beweisen müssten.

Derjenige, der den Nagel dagegen auf den Kopf treffen muss – wie er es schon so oft in der Formel 1 getan hat – ist Technikgenie Adrian Newey.

Mit einem TAG (Renault)-Motor, der nun, dank Updates, die sich tatsächlich als effektiv erwiesen haben, einigermaßen mit den anderen mithalten kann, ist der Ball nun im Feld des Superhirns, ein Auto zu liefern, das um den Titel kämpfen und die kleine, gemütliche Welt von Mercedes erschüttern kann.

Wissen Sie, es wurmt ihn noch immer, dass er den Trick mit dem Doppeldiffusor in den Aerodynamikregeln 2009 "verpasst" hat, (trotz seiner entschlossenen Revanche von dieser gefühlten Ungerechtigkeit) und man weiß, dass er mit den Hufen gescharrt hat, eine weitere Chance zu bekommen, ein nagelneues Chassis zu kreieren, das die Konkurrenz auf Anhieb schlägt.

Hat er es mit 58 immer noch drauf, trotz all der Ablenkungen, die das Design von Booten und Hypercars mit sich bringt und der Rennkarriere seines Sohnes Harrison, die er unterstützt?

Urteil: Ich kann es kaum erwarten, dieses neue Auto zu sehen.

Kimi Raikkonen, Ferrari F60 and Sebastian Vettel, Ferrari F60
Kimi Räikkönen und Sebastian Vettel beim Ferrari Weltfinale in Daytona

Photo by: Alexander Trienitz

Ferrari: Aerodynamikabteilung

Sergio Marchionne erinnerte an Tony Soprano, als er sein Urteil über "signifikanten Löcher" bei der Entwicklung des Formel-1-Ferrari verkündete, als er beim Ferrari Weltfinale in Daytona den Medien gegenüber saß. Nachdem er bei Saisonmitte eine Untersuchung bis ins kleinste Detail, wie das Formel-1-Team arbeitet, angeordnet hatte, war die Hauptbaustelle, auf die man achten müsste, die Aerodynamik-Entwicklung während der Saison.

Die Leistung von Ferrari später in der Saison schien dann auch viel besser zu sein, aber wie viel davon war darauf zurückzuführen, dass die Konkurrenz ihren Fokus bereits auf die Autos für 2017 gelegt hatte?

Marchionne schien fest davon überzeugt zu sein, dass die Scuderia keinen "großen Helden" braucht, um das Blatt zu wenden (auch wenn es einen Nerv treffen muss, wenn Mercedes den Ex-Ferrari-Mann Also Costa für seine kürzliche Erfolgssträhne lobt).

Nachdem James Allison ebenfalls diesen Weg von Maranello nach Brackley geht, bleibt zu hoffen, dass diejenigen, die übrig bleiben, für 2017 alles richtig auf die Reihe bekommen. Oder es könnte Konsequenzen geben..

Urteil: Der Druck ist groß und wann hat das Ferrari zuletzt weitergebracht?

Esteban Ocon, Sahara Force India F1 VJM08 Test Driver
Esteban Ocon, Sahara Force India F1 VJM08, Testfahrer

XPB Images

Force India: Esteban Ocon

Zu sagen, dass das Team aus Silverstone 2016 Wunder vollbracht hat, ist nicht ganz falsch. Es hat absolut das Maximum aus seinem Auto herausgeholt und Williams in einem offenen Kampf geschlagen. Für den hoch gehandelten Yougster Esteban Ocon ist es als fest etabliertes Top-5-Team ein fantastisches Umfeld.

Seine 9 Rennen mit Manor sind kein gutes Beispiel, nach dem man ihn beurteilen könnte, mitunter ließ er aber besondere Leitung aufblitzen und er hat nun eine gute Datenbank, auf der er in der kurzen Zeit der Wintertestfahrten aufbauen kann.

Es wird faszinierend sein zu sehen, wie er den Sprung vom Ende des Feldes zu einem Top-5-Team schafft und Veteran Sergio Perez mit jahrelanger Erfahrung wird, bei dem Versuch zu beweisen, dass er einen Platz bei einem Top Team verdient, zweifellos versuchen, bei ihm einen Volltreffer zu landen.

Urteil: Wenn er Perez in Schach hält, hat Ocon eine großartige Zukunft vor sich.

Podium: Paddy Lowe, Mercedes AMG F1 Executive Director celebrates on the podium with Nico Rosberg, Mercedes AMG F1
Podium: Paddy Lowe, Mercedes-Technikchef, feiert mit Nico Rosberg, Mercedes AMG F1

XPB Images

Williams: Paddy Lowe

Wenn Nico Rosberg nicht zurückgetreten wäre, wäre das im Winter das heiße Thema bei Mercedes gewesen. Der Mann, der die Silberpfeile – aus technischer Sicht – geleitet hat, wird in diesem Jahr nicht mehr an der Boxenmauer sitzen und wird unseren Informationen zufolge ein paar Meter weiter bei Williams sein.

Für Paddy, der (insbesondere als Softwaregenie hinter dem Programm der aktiven Radaufhängung) bei Williams gearbeitet hat, bevor er sich mehr als 20 Jahre lang bei McLaren einen Namen gemacht hat, wird es so etwas wie eine Heimkehr.

Es ist unklar, wie Lowes Rolle genau aussehen wird, seine intimen Kenntnisse, wie das feingeschliffene Mercedes-Team arbeitet, wird für Williams von großem Nutzen sein.

Es wird aber interessant, diese Rolle zu definieren, in der er Erfolg haben kann. Es ist noch nicht allzu lange her, dass wir uns Sorgen machten, dass Williams das nächste Tyrrell oder Brabham werden könnte, so schlecht waren die Ergebnisse.

Ich denke, wir werden aufgrund des Schicksals von Williams von nun an viel über Lowes wahre Wirkung erfahren.

Urteil: Ein Coup für Williams, aber Massa/Stroll sind nicht Hamilton/Rosberg.

Jenson Button, McLaren Honda
McLaren Honda

Photo by: XPB Images

McLaren: Honda

Diese Partnerschaft geht nun in ihr 3. Jahr und die Zeit, in der man mit Honda Nachsicht haben kann, ist wahrlich vorbei. Es hat nicht geholfen, dass man ein Jahr später in die Turbo-Hybrid-Ära gestartet ist, das, worüber man sich Sorgen machen musste, war aber, dass Honda immer ein Jahr hinter dem zurück zu sein schien, wo sie hätten sein sollen. Das kann einfach nicht zur Gewohnheit werden.

Die Idee des "Größe-0-Motors" wird fallengelassen, wobei auch hilft, dass das Token-System abgeschafft wurde.

Wir wissen alle, wozu diese Partnerschaft fähig ist; die Geschichte hat das gezeigt. Man kann aber nicht in der Vergangenheit leben. Einer kann nicht ohne den anderen gewinnen. Das ist eine Verbindung, die verschmelzen muss und die Zeit der Entschuldigungen ist vorbei.

Man wird sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben, wenn diese Partnerschaft in diesem Jahr keinen entscheidenden Schritt nach vorne macht.

Urteil: Da McLaren in ein neue Ära geht, sollte Honda das ebenfalls tun.

Carlos Sainz Jr., Scuderia Toro Rosso STR11
Carlos Sainz Jr., Scuderia Toro Rosso STR11

Photo by: XPB Images 

Toro Rosso: Carlos Sainz

Es scheint seltsam, das zu sagen, nachdem Sainz auf vielen Top-10-Listen der Formel-1-Fahrer weit oben steht. Die Art, wie er damit umgegangen ist, zugunsten des Max-Verstappen-D-Zugs übergangen worden zu sein, war beeindruckend und er ließ nie den Kopf hängen.

Die Verlockung, die Red-Bull-Familie zu verlassen, muss groß gewesen sein, als es Optionen bei Haas und Renault gab, jetzt besteht seine Herausforderung aber darin, im Rampenlicht zu bleiben.

Toro Rosso hat sich von den Ferrari-Motoren abgewendet und setzt wieder Renault-Motoren ein, die bezüglich der Leistung vielleicht ein Rückschritt sind. Sainz braucht eine weitere Saison wie die vergangene, dann werden wir sehen, wie seine Zukunft aussehen könnte.

Urteil: Eine schwere Aufgabe, diese 3 Top-6-Ergebnisse zu wiederholen.

Kevin Magnussen, Renault Sport F1 Team
Kevin Magnussen, Renault Sport F1 Team

Photo by: XPB Images

Haas: Kevin Magnussen

Wir müssen über Kevin reden.

Auf der einen Seite, hat er, wie sein Vater, dieses fantastische Talent als Rennfahrer. Er vereint erstaunliche Fähigkeiten mit der Widerstandsfähigkeit eines Wickingers und nicht viele hätten diesen schweren Unfall in Spa so leicht wegstecken können.

Auf der anderen Seite fragt man sich manchmal, genau wie bei seinem Papa, ob er nicht selbst sein ärgster Feind ist. Es sieht mitunter so aus, als ob ihm alles nicht wirklich wichtig zu sein scheint und zu anderen Zeiten, wenn er einfach mit dem Strom schwimmen sollte, gibt er sich kampflustig.

Sein Wechsel zu Haas ist logisch und da gibt es großes Potential und seine Beziehung zu dem manchmal stacheligen Romain Grosjean wird faszinierend zu beobachten sein. Günther Steiner ist aber ein Mann, der nicht mit sich spaßen lässt.

Das könnte so oder so ausgehen...

Urteil: Er muss aus seinem 3. Versuch mit einem unterschiedlichen Formel-1-Team was machen.

Nico Hulkenberg, Renault F1 Team
Nico Hülkenberg, Renault F1 Team

Photo by: Renault F1 

Renault: Nico Hülkenberg

Ähnlich wie bei Carlos Sainz bei Toro Rosso hatte man bei ihm schon Befürchtungen, dass er versauern könnte, wenn er bei Force India bleibt – trotz einiger beeindruckender Ergebnisse (überraschenderweise aber noch immer kein Podium). Und, dass sein Teamkollege Sergio Perez ihn in den vergangenen 2 Jahren geschlagen hat, hat seine Aktien sicher nicht steigen lassen...

Er wollte unbedingt einen Platz in einem Werksteam und er war in Enstone schon früher knapp dran. Renault hat, wie auch McLaren-Honda, das nötige Kleingeld, sich an die Spitze der Formel 1 zu arbeiten. Momentan ist man von den guten alten Zeiten aber weit entfernt.

Mit Hülkenberg hat das Team jemand, der Bescheid weiß. Ist das die Gelegenheit, bei der er endlich das zeigen kann, das er so viele Saisons lang versprochen hat? Es gibt hier einige großartige Zutaten, aber können sie gemeinsam einen Sturm zusammenbrauen?

Einen Stolperstein gab es schon, als Frederic Vasseur, ein riesiger Fan seines Talents, das Team vor Saisonbeginn verlassen hat. Das ist nicht wieder eine Geschichte dessen, was hätte sein können, oder?

Urteil: Renault hat eine schlaue Wahl getroffen, aber Vasseurs Weggang bereitet ihm großes Kopfzerbrechen.

Marcus Ericsson, Sauber C35 and Pascal Wehrlein, Manor Racing MRT05 battle for position
Marcus Ericsson, Sauber C35; Pascal Wehrlein, Manor Racing MRT05 

Photo by: XPB Images 

Sauber: Pascal Wehrlein

Man kann nur vermuten, welches Gefühlschaos dieser junge Mann durchgemacht hat, seit Nico Rosberg die Welt mit seinem Rücktritt schockiert hat. Von der Aufregung, an der Schwelle zu stehen, zum aktuellen Weltmeisterteam zu gehen, bis zum, ähm, Entsetzen, für 1 Jahr zu Sauber abgeschoben zu werden. Bei allem Respekt, kann die Kluft größer sein?

Das ist viel zu verdauen. Und der Schmerz von Force India zugunsten des (aus F1-Sicht) weniger erfahrenen Ocon übersehen worden zu sein, muss auch sehr weh getan haben.

Auf der positiven Seite haben wir bei Manor genug von ihm gesehen, um zu wissen, dass er ganz klar Formel-1-Standard ist und großes Potential hat. Aber auch die besten Boxer müssen mitunter starke Schläge in die Magengrube hinnehmen. Es kommt darauf an, wie sie diese Schläge wegstecken.

Urteil: Du kannst nur auf der Geige spielen, die du hast – Kopf hoch, Junge!

Pascal Wehrlein, Manor Racing MRT05, Esteban Ocon, Manor Racing MRT05
Pascal Wehrlein, Manor Racing MRT05, Esteban Ocon, Manor Racing MRT05

Photo by: LAT Images 

Manor: Neue Investoren

Was kann man da noch sagen? Die Nachricht, dass Manor wieder Insolvenz angemeldet hat, ist sehr enttäuschend, besonders, nachdem sie letztes Jahr Fortschritte gezeigt haben. Es gibt da gute Leute und es wäre so eine Verschwendung, sie zu verlieren.

Urteil: Man braucht den Ritter auf dem weißen Pferd, und zwar schnell!

Nächster Formel 1 Artikel
Formel 1 2017: Renault kündigt neues Energierückgewinnungssystem an

Vorheriger Artikel

Formel 1 2017: Renault kündigt neues Energierückgewinnungssystem an

Nächster Artikel

Heute vor 10 Jahren: McLaren stellt Formel-1-Auto MP4-22 vor

Heute vor 10 Jahren: McLaren stellt Formel-1-Auto MP4-22 vor
Kommentare laden

Artikel-Info

Rennserie Formel 1
Urheber Charles Bradley
Artikelsorte Kommentar