Formel-1-Regeln 2021: So steht es um die Ideen von Liberty aktuell

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Formel-1-Regeln 2021: So steht es um die Ideen von Liberty aktuell
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Co-Autor: Jonathan Noble
09.04.2019, 13:10

Budgetobergrenze, neue Verteilung der Einnahmen und mehr: Wie sehen die Ideen von Liberty für 2021 aus was bedeuten die geplanten Maßnahmen für die Teams?

Ende März fand in London ein für die Zukunft der Formel 1 richtungsweisendes Treffen statt. Dort stellte Liberty Media den Formel-1-Teams die aktuellen Pläne für eine Kostendeckelung, die Einnahmenverteilung, sportliches sowie technisches Reglement und mehr vor. Offiziell wurde über den Inhalt des Meetings anschließend nichts bekanntgegeben. Doch langsam sickern mehr und mehr Informationen durch.

Klar ist zum Beispiel, dass Liberty bei den Diskussionen mit den Teams in einigen Punkten noch nicht so weit ist, wie man gerne wäre. "Es gibt viele Punkte, über die wir noch sprechen müssen: Führung, Einnahmen, finanzielle Regelungen, technische Regeln, Vereinheitlichung ... Die Liste ist ziemlich lang", verrät Ferrari-Teamchef Mattia Binotto und erklärt: "Wir arbeiten gut mit der FIA und der Formel 1 zusammen."

"Es gibt noch immer Punkte, in denen ihre Position von der abweicht, die wir für Ferrari als richtig betrachten. Aber wir sprechen weiter darüber", so der Italiener. Immerhin: Er sei sich "sehr sicher", dass meine eine Lösung finden werde - aber wann? Binotto selbst erklärt, man dürfe sich von der Zeit nicht unter Druck setzen lassen. Red-Bull-Teamchef Christian Horner findet in diesem Zusammenhang deutliche Worte.

Neues Reglement im Sommer 2019 unrealistisch?

Gegenüber 'Sky' erklärt er unmissverständlich, es gebe "keine Chance", dass das gesamte Reglement für 2021 bereits in diesem Juni stehe. Hintergrund: Laut Artikel 18.2.2 des Internationalen Sportgesetzbuches der FIA müssen die Regeln für 2021 spätestens bis zum 30. Juni 2019 stehen - für Horner unrealistisch. "Es ist momentan ein bisschen, als würde man einen Brexit-Deal aushandeln", zieht er einen Vergleich zur aktuellen politischen Situation.

"Es ist hart, denn alle haben unterschiedliche Interessen", erklärt er und erinnert zudem, dass aktuell "zu viele Dinge" auf der Agenda stehen, um zu einer schnellen Einigung zu kommen. "Es wird in diesem Jahr passieren", ist er überzeugt. Allerdings rechnet er damit, dass das Reglement eher im Dezember und nicht schon im Juni stehen wird. Das würde bedeuten, dass die Juni-Deadline verschoben werden muss - der Brexit lässt grüßen.

Laut Horner wäre es aber auch gar nicht so schlecht für die Teams, wenn die neuen technischen Regeln erst etwas später beschlossen werden. Er warnt, dass vor allem die großen Rennställe ansonsten bereits sehr früh damit beginnen würden, Ressourcen für 2021 abzustellen - was zusätzliche Kosten verursachen würde. Er selbst hält einen möglichen "Startschuss" im Dezember daher für eine gut Lösung.

"Es ist nicht zu spät für die kleinen und nicht zu früh für die großen Teams", erklärt er. "Wir müssen das eher früher als später erledigen", mahnt Haas-Teamchef Günther Steiner trotzdem, nicht zu trödeln. "Die Zeit wird jetzt ein wichtiger Faktor, denn wir müssen uns entscheiden - oder sie müssen entscheiden", stimmt auch Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost zu und erklärt, dass er eine Entscheidung "innerhalb der nächsten Jahreshälfte" erwartet.

Brawn: "Sehr nah" am neuen Reglement dran

Und Formel-1-Sportchef Ross Brawn erklärt im Gespräch mit 'Sky', dass es für die unterschiedlichen Punkte auch unterschiedliche Deadlines gebe. Doch wo genau steht man bei Dingen wie Budgetobergrenze, Einnahmeverteilung et cetera jeweils? Welche Fortschritte hat es seit dem vergangenen Jahr gegeben, als man in Bahrain erstmals Pläne für die Formel 1 ab 2021 vorstellte?

Offiziell ist von den Teamchefs der Königsklasse lediglich immer wieder zu hören, dass Liberty in den vergangenen zwölf Monaten Schritte "in die richtige Richtung" gemacht habe und "auf dem richtigen Weg" sei. Tost erklärt zudem, dass es "einige wirklich gute Ideen" gebe. Aber warum gibt es dann keine offizielle Stellungnahme der Formel 1 zu den Fortschritten? Warum gab es nach dem London-Meeting kein Statement?

Günther Steiner erklärt, man könne Fortschritte nicht nur auf dem Papier messen. "Ich denke, es ist auch ein Fortschritt, dass die FIA, die FOM und wir uns jetzt besser gegenseitig verstehen", erklärt er. Ross Brawn erklärt derweil, dass man "sehr nah" dran sei, die neuen Regeln fest zu machen. "Es war harte Arbeit. Aber ehrlich gesagt habe ich in der Formel 1 auch nichts anderes erwartet", so Brawn.

Man habe das vergangene Jahr damit verbracht, sich die Wünsche aller Teams anzuhören und viele Gespräche zu führen. Tatsächlich habe man in diesem Zeitraum auch "massive Fortschritte" gemacht. Auch er vermeidet es allerdings, wirklich konkret über Änderungen zu sprechen. Zwar nennt er in allen Bereichen viele Pläne und Vorhaben von Liberty. Abgesegnet ist aktuell aber noch nichts davon.

Einnahmenverteilung: Weniger Geld für Ferrari und Co.

Ein gutes Beispiel ist die geplante Budgetobergrenze. 'RaceFans' sprach nach eigenen Angaben mit sechs verschiedenen Teamchefs und erhielt sechs verschieden Ansichten zu dem Thema. Hier scheint es noch viele offene Fragen zu geben. Offenbar ist zum Beispiel noch immer nicht geklärt, ob beispielsweise Fahrgehälter mit unter den Budgetdeckel fallen oder nicht.

Grundsätzlich sind sich die Teams zwar einig, dass die Kosten gebremst werden müssen. Aber wie genau das aussehen und umgesetzt werden soll, scheint noch offen zu sein. Brawn verrät, dass er beim Thema Kostenreduktion zudem an kleinen Stellschreiben drehen möchte. "Wir wollen zum Beispiel, dass alle Teams das gleiche Boxenequipment haben", nennt er ein Beispiel.

Ross Brawn

Ross Brawn hat eine klare Idee, wo es mit der Formel 1 2021 hingehen soll

Es geht um kleine Dinge, die zwar Geld kosten, aber keine Performance bringen. Klar ist aber auch: Die ganz großen Summen wird man hier nicht einsparen können. Auch bei der neuen Verteilung der Einnahmen ab 2021 gibt es aktuell keine offiziellen Aussagen. Dort ist aus mehreren Quellen zu hören, dass die Bonuszahlungen für Ferrari und Co. zwar nicht komplett gestrichen aber gemindert werden sollen.

"Ich verstehe, wie wichtig Ferrari ist. Aber es muss begründet und ausbalanciert sein", erklärt Brawn zu dem Thema lediglich. Laut 'RaceFans' soll Ferrari ab 2021 "nur noch" Boni von rund 50 Millionen US-Dollar erhalten. Zum Vergleich: 2019 sackt die Scuderia noch 114 Millionen ein - also mehr als das Doppelte. Die Boni sollen sich ab 2021 aus historischen Erfolgen und den WM-Ergebnissen der vergangenen Jahre zusammensetzen.

Vereinfachung bei der Regelfindung

Auch an einer anderen Front muss Ferrari wohl Abstriche machen. Hier geht es um das Vetorecht, das die Scuderia aktuell bei der Aufstellung neuer Regeln hat. Auf dem Papier soll dieses zwar erhalten bleiben, allerdings in abgeschwächter Form. Auch grundsätzlich soll sich der Prozess der Regelfindung in der Formel 1 in Zukunft ändern - und die Machtverhältnisse in Richtung Liberty Media und FIA verschieben.

Aktuell müssen neue Regeln einen dreistufigen Prozess durchlaufen. Zunächst werden in der Strategiegruppe Ideen für neue Regeln ausgearbeitet, die dann an die Formel-1-Kommission weitergegeben werden. Stimmt auch diese zu, geht die Regel zur Absegnung an den Motorsport-Weltrat der FIA. Das soll in Zukunft vereinfacht werden, indem die Strategiegruppe in ihrer aktuellen Form abgeschafft hat.

Dafür soll laut 'RaceFans' die Kommission neu zusammengesetzt werden - und zwar aus FIA, FOM (Liberty) und allen zehn Teams. Jedes Team hätte dort eine Stimme, FIA und FOM jeweils zehn. Heißt im Umkehrschluss: Sind sich FIA und FOM einig, könnten sie die Teams mit ihren 20 von insgesamt 30 Stimmen immer überstimmen, sofern lediglich eine einfach Mehrheit notwendig ist.

Daher sollen die Teams angesichts dieses Modells momentan noch skeptisch sein. Aktuell sind in der Kommission unter anderem auch Sponsoren und Promoter vertreten. Diese hätten in Zukunft dort keinen Platz mehr. Die Regeln würden von der Kommission dann wie gehabt an den Weltrat zur Ratifizierung weitergegeben werden.

Keine großen Änderungen am Motor

Ein weiterer Plan von Liberty ist es, die Teams an den Wochenenden zu entlasten. So soll es beispielsweise in Zukunft bereits am Donnerstag eine Sperrstunde geben, damit die Mechaniker dort nicht mehr die ganze Nacht arbeiten können. Außerdem soll auch die Arbeit an Freitag, Samstag und Sonntag eingeschränkt werden. Dieser Plan ist allerdings nicht ohne Hintergedanken.

Denn Liberty macht kein Geheimnis daraus, dass man den Kalender noch weiter aufblähen und mehr als 21 Rennen möchte. Und dadurch steigen natürlich auch die Belastungen für die Teams noch weiter. Daher soll nun zumindest die Arbeitslast an den Rennwochenenden reduziert werden. Am grundsätzlichen Grand-Prix-Format mit drei Tagen, drei Freien Trainings, Qualifying und Rennen möchte man allerdings festhalten.

Lediglich eine leichte Anpassung des Qualifyings, bereits ab 2020, steht im Raum. Dort soll es in Zukunft vier statt wie aktuell drei Segmente geben. Das Eliminationsprinzip soll jedoch beibehalten werden. Auch bei den Motoren sieht es aktuell danach aus, dass die Änderungen 2021 sehr überschaubar bleiben. "Sie werden 2021 lauter und leistungsstärker sein", verspricht Brawn.

Mittlerweile scheint allerdings klar zu sein, dass die ganz große Revolution ausbleiben wird. Die vier aktuellen Motorenhersteller haben sich unter anderem aus Kostengründen für ein stabiles Reglement eingesetzt - und scheinen damit Erfolg zu haben. Ursprüngliche Ideen, wie die Abschaffung der MGU-H, hat Liberty mittlerweile verworfen. Dass es grundsätzlich eine Hybridformel bleiben wird, ist ohnehin klar.

Neues Chassis soll "dramatischen Unterschied" machen

Beim Chassis für 2021 gibt es laut Brawn hingegen einen "dramatischen Unterschied" zum aktuellen Auto. Bei 'Sky' erklärt er: "Momentan haben wir ein Auto[-Modell], mit dem wir CFD- und Windkanaltests machen, das nur 5 Prozent Abtrieb verliert, wenn es hinter einem anderen Auto fährt. Das ist sehr wenig. Aktuell [2019] verliert ein Auto 50 Prozent, wenn es direkt hinter einem anderen fährt."

Die Idee: Ab 2021 soll es wieder deutlich mehr Zweikämpfe geben, indem man das Fahren hinter einem anderen Auto deutlich erleichtert. Laut 'RaceFans' ist das Modell, das auf den Namen "India 2" hört, bereits weit fortgeschritten. Unter anderem verfügt es über eine stark vereinfachte Aerodynamik und zwei Tunnel am Unterboden, die in einem Diffusor münden, um zusätzlichen Abtrieb zu generieren.

Ferrari Logo

Ferrari soll ab 2021 nur noch deutlich geringere Bonuszahlungen erhalten

Wann das technische Reglement tatsächlich auch offiziell steht, bleibt weiterhin abzuwarten - so wie auch in allen anderen Bereichen. "Es ist ist vermutlich nicht für alle zehn Teams eine ideale Situation. Aber wenn man zehn Teams hat, dann wird man nie etwas finden, was für alle funktioniert", erklärt McLaren-Boss Zak Brown im Hinblick auf die geplanten Neuerungen ab 2021.

Fakt ist aber, dass sich Liberty irgendwann festlegen muss - auch auf die Gefahr hin, damit das ein oder andere Team leicht zu verärgern. Zwar sind es bis zum Start der Formel-1-Saison 2021 noch fast zwei Jahre. Doch die Teams brauchen deutlich früher Gewissheit, wie es mit der Königsklasse weitergehen wird - auf der sportlichen und auch auf der geschäftlichen Seite.

Mit Bildmaterial von LAT.

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Rennserie Formel 1
Urheber Ruben Zimmermann
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