Formel-1-Technik 2021: Ist Ferrari auf Mercedes-Finte reingefallen?

Formel-1-Technikexperte Gary Anderson analysiert den Ferrari SF21: Die Scuderia konzentriert sich auf Verbesserungen am Heck - War es das, was Mercedes wollte?

Formel-1-Technik 2021: Ist Ferrari auf Mercedes-Finte reingefallen?

"Ferrari sagt, dass sie ihre Token vor allem am Heck investiert haben. Das überrascht mich nicht, schließlich hat Mercedes im Jahr 2020 öffentlich behauptet, dass die Hinterradaufhängung ihre größte Geheimwaffe sei. Und wir alle wissen, dass sie bei Mercedes ganz ehrliche Leute sind, die die anderen niemals täuschen würden, oder?"

Gary Anderson, ehemaliger Jordan-Techniker und bis heute Technikexperte der Formel 1, fürchtet bei 'The Race', dass Ferrari bei der Überarbeitung seines Fahrzeugs auf eine Finte von Mercedes hereingefallen sein dürfte. Die Entwicklungstoken für die Formel-1-Saison 2021 haben die Roten vor allem im Bereich des Hecks investiert. Im Bereich der Front hingegen habe die Scuderia einiges verpasst.

Ferrari will mit dem SF21 die katastrophale Formel-1-Saison 2020 vergessen machen. Es war eines der schwächsten Jahre des Traditionsteams in der Formel 1. Und ausgerechnet basierend auf diesem Vorgänger, dem SF1000, musste das 2021er-Auto entwickelt werden. Das macht die Sache grundsätzlich schon einmal schwer.

"Ich denke nicht, dass ich hier ein Auto sehe, das Mercedes oder Red Bull schlagen wird", so Anderson. "Das Hauptproblem [am SF1000] war das Zwischenstück zwischen dem hinteren Teil des Chassis und dem Getriebe. Wenn Ferrari dort einen 'Heureka'-Moment hatte, könnten sie vielleicht eine Chance haben."

Alexander Albon, Vorderradaufhängung

Den Red-Bull-Trick mit der Vorderradaufhängung sucht man am SF21 vergeblich

Foto: Motorsport Images

Bei der Vorderradaufhängung geschlafen

Anderson glaubt, dass Ferrari gerade im Bereich der Vorderradaufhängung eine wichtige Entwicklung verpasst hat. Nachdem es in der Formel-1-Saison 2013 vermehrt zu Reifenschäden gekommen war, weil Teams die damals noch empfohlenen Vorgaben von Pirelli überschritten hatten, wurde der statische Radsturz verbindlich festgelegt.

Doch die Teams haben längst Lösungen gefunden, diese Vorgabe zu umgehen. Im Bereich der Vorderradaufhängung befindet sich der Anlenkpunkt des oberen Querlenker mittlerweile weit oben am Rad.

Dadurch wird der Radsturz bei Kompression der Federung, also vor allem bei der Kurvenfahrt, kurzzeitig vergrößert. Die sich zusammenziehende Feder "zieht" die obere Hälfte des Rads mit und vergrößert damit temporär den Radsturz.

Das erlaubt es Teams wie Red Bull oder Mercedes sogar, auf bestimmten Strecken weniger statischen Sturz zu fahren als erlaubt wäre, was wiederum höheren Grip in langsamen Kurven bedeutet. "Ich glaube, Ferrari hat hier einen Trick verschlafen", findet Anderson.

Schmale Nase hätten Token-Investition erfordert

An der Front ähnelt der Ferrari SF21 stark seinem Vorgänger was keine guten Nachrichten sind. Der vordere Bereich der Nase, das seitliche Cape und der Frontflügel sind leicht geändert worden, die große Revolution ist aber ausgeblieben.

Das verwundert Anderson: "Ich bin überrascht, dass Ferrari nicht auf die ganz schmale Nase gesetzt hat. Sie haben genug Cash und Personal, um das zu machen und durch den Crashtest zu kommen. Was ihnen gefehlt hat, sind Entwicklungstoken."

"Als Ferrari sich dazu entschlossen hat, diese am Heck zu investieren müssen, müssen sie das Gefühl gehabt haben, dass dort mehr zu holen war. Aber wie ich immer zu sagen pflege: Der Luftstrom beginnt vorne und das Heck kann nur mit dem arbeiten, was vorne eingesammelt wird. Ich denke, Ferrari hat auch hier etwas verpasst."

Starke Änderungen am Heck

Was hat Ferrari also im Bereich des Hecks neben einem komplett neuen Getriebe gemacht? "Nach dem, was wir gehört haben, hat Ferrari das Differenzial angehoben", so Anderson. Das bedeutet zunächst einen Nachteil durch einen höheren Schwerpunkt, eröffnet aber auch gleichzeitig neue aerodynamische Möglichkeiten.

Die Antriebswellen liegen ein bisschen höher. Den so gewonnenen Freiraum zwischen Antriebswelle und Diffusor können die Aeerodynamiker nun nutzen, um den Anpressdruck an der Oberseite des Diffusors zu verbessern und die Wellen hinter dem Fahrzeug zu glätten - vor allem, wenn der Fahrer die Bremse betätigt.

Ansonsten hat Ferrari die Seitenkästen weiter verkleinern können, was aerodynamische Vorteile mit sich bringt. Das wurde möglich, weil der Kühlschacht in der Lufthutze vergrößert wurde, was sich optisch in der runden statt wie bisher dreieckigen Öffnung niederschlägt. Das Dreieck ist in die Hutze gewandert und sammelt weiterhin Luft für Motor und Turbolader.

Die Kühlung der Hybridkomponenten, der Batterie und der Hydraulik erfolgt über die seitliche Öffnung. Die klassische Motorkühlung liegt weiter in den Seitenkästen, die 2020 auch noch Luft für die oben genannten Komponenten einsammeln mussten.

Bargeboards mit neuen Aufgaben

Eine weitere interessante Änderung gibt es in der Mitte des Fahrzeugs: Die Funktion der Bargeboards hat sich für die Formel-1-Saison 2021 nämlich verändert.

Ferrari SF21, Bargeboard, Seitenkasten

Neuer Fokus-Bereich: Der Beginn des Unterbodens hinter den Bargeboards

Foto: Ferrari

Bislang war ihre primäre Funktion, möglichst viel Luft einzusammeln und den Strom dann um den Seitenkasten herum zu lenken. Von dort wurde die Oberseite des Unterbodens angeströmt, wo die Luft dann mit kleinen senkrechten Streben für den Bereich des Diffusors vorbereitet wurde. Ein weiterer Teil des Luftstroms dichtete den Unterboden seitlich als Schürze aus Luft ab.

Da der Unterboden jedoch aufgrund der neuen Regeln nach hinten stark beschnitten werden musste, haben sich die Prioritäten beim Bargeboard verschoben: Der Luftstrom wird nun auf den Beginn des Unterbodens geleitet. "Die Priorität liegt nun darin, die Performance dieses vorderen Bereichs zu maximieren. Hier kommen auch die neuen senkrechten Streben ins Spiel."

"Sie arbeiten zusammen mit dem nach oben gebogenem äußerem Ende des Unterbodens und bilden so für sich genommen einen kleinen Diffusor. Einige Flügel werden noch immer dafür verwendet, die Seiten des Unterbodens soweit abzudichten wie möglich. Aber wenn es gelingt, diesen vorderen Bereich zu optimieren, hat die Regeländerung keine so große Auswirkung auf die Gesamtperformance des Unterbodens."

Wie erfolgreich Ferrari in der Formel-1-Saison 2021 wird, hängt in erster Linie davon ab, wie stark der Motor dieses Jahr sein wird beziehungsweise sein darf. Mika Salo hatte jüngst Spekulationen angeregt, dass Ferrari die Saison 2020 als Teil des mysteriösen FIA-Deals mit verringerter Sprintmenge bestreiten musste.

Mit Bildmaterial von Ferrari.

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Artikel-Info

Rennserie Formel 1
Teams Ferrari
Urheber Heiko Stritzke