Formel-1-Technik mit Giorgio Piola

Formel-1-Technik: Evolution des Kupplungshebels am Lenkrad

Das Lenkrad eines Formel-1-Autos dient schon lange nicht mehr nur dazu, um die Kurven zu fahren. Seit Jahrzehnten gibt es am Lenkrad eine Vielzahl von Knöpfen, Schaltern und Wippen, unter anderem den Kupplungshebel in diversen Ausprägungen.

Wir müssen bis in die 1980er-Jahre zurückgehen, um den Beginn der Zeit zu finden, als das Lenkrad eines Formel-1-Boliden erstmals mit Knöpfen versehen war. Es war die Zeit, als man begann, Einstellungen des Autos nicht mehr nur am Armaturenbrett, sondern direkt am Lenkrad vorzunehmen.

Nachdem Dinge wie die Einstellung des Ladedrucks für den Turbolader oder die Aktivierung der Trinkflasche den Anfang gemacht hatten, betrat Ferrari in der Saison 1989 Neuland. Der aus der Feder von John Barnard stammende Ferrari 640 hatte auf der Rückseite des Lenkrads 2 Hebel zum Rauf- und Runterschalten. Diese Schaltwippe ersetzte den herkömmlichen Schalthebel rechts vom Fahrer.

Lenkrad, Ferrari 640
Lenkrad im Ferrari 640 von 1989

Illustration: Giorgio Piola

McLaren ging 1994 einen Schritt weiter, als sich Mika Häkkinen dazu entschied, nicht nur die Schaltung (blau eingefärbt), sondern auch die Kupplung (gelb eingefärbt) mit der Hand vom Lenkrad aus zu bedienen. Häkkinens Teamkollege Martin Brundle vertraute derweil weiterhin auf das konventionelle Kupplungspedal im Fußraum. David Coulthard, ab 1996 Häkkinens Teamkollege bei McLaren, zog es vor, das Kupplungspedal für den Fall eines Drehers im Auto zu behalten.

Hakkinen and Coulthard clutch pedals, 1994
Kupplung der McLaren-Piloten 1994 bis 1996

Illustration: Giorgio Piola

Jacques Villeneuve bat Williams in der Saison 1997 darum, einen der 2 Schalthebel am Lenkrad zu entfernen und für ihn stattdessen auf nur einen einzigen Hebel zu setzen, mit dem sowohl rauf- als auch runterschaltete.

Villeneuves Schalthebel (blau eingefärbt) funktionierte so, dass beim Ziehen zum Fahrer rauf- und beim Drücken vom Fahrer weg runtergeschaltet wurde. So hatte Williams im FW19 von Villeneuve auf der linken Seite des Lenkrads Platz für den Kupplungshebel, der ähnlich groß gestaltet war (gelb eingefärbt).

Villeneuve's steering wheel, 1997
Lenkrad von Jacques Villeneuve im Williams FW19 von 1997

Illustration: Giorgio Piola

Seither sind 2 Jahrzehnte vergangen und das Lenkrad ist inzwischen ein deutlich komplexeres Bedienelement geworden. So hat der Fahrer an einem modernen Formel-1-Lenkrad nicht nur die Möglichkeit, diverse Einstellungen vorzunehmen. Er kann auch viel mehr Informationen direkt über das Lenkrad abrufen.

Innerhalb eines Teams gibt es Unterschiede, je nach persönlicher Vorliebe der Fahrer. Wenngleich die Lenkräder auf den ersten Blick gleich aussehen mögen, so gibt es aufgrund der individuellen Konfiguration doch Unterschiede im Detail, wie etwa bei Ferrari zwischen Kimi Räikkönen und Sebastian Vettel.

Was die Kupplung betrifft, so hat sich das Hauptaugenmerk in den zurückliegenden Jahren darauf verlagert, die Fehler durch den Fahrer zu minimieren. Für den Startvorgang ist vom Fahrer heutzutage ein routinemäßiger Ablauf zu befolgen. Dabei wird er von der Technik unterstützt. So gibt es etwa den Schleifpunktfinder (Bite Point Finder oder kurz: BPF), der automatisch den Punkt findet, an dem idealerweise einzukuppeln ist.

Der Fahrer betätigte dazu 2 Kupplungshebel. Hebel Nummer 1 kuppelte komplett aus. Hebel Nummer 2 hielt die Kupplung an dem Punkt, der vom BPF gefunden wurde. Der 2. Hebel wurde als letztes losgelassen, sodass der Fahrer mit der optimalen Drehzahl starten konnte.

Im Verlauf der Saison 2015 wurden die Regeln jedoch dahingehend geändert, dass dem Fahrer wieder mehr Kontrolle über den Startvorgang gegeben wurde und das Eingreifen der Technik eingeschränkt wurde. Zur Saison 2016 wurden die Regeln nochmals modifiziert. Seither ist nur noch ein einziger Kupplungshebel erlaubt.

Ferrari SF15T and Ferrari SF16H steering wheels comparison
Ferrari SF15-T vs. Ferrari SF16-H: Verlgeich, Lenkrad

Illustration: Giorgio Piola

Für die Saison 2017 wurden die Regeln weiter verschärft. So gilt nun die Vorgabe, dass die Drehmomentkurve beim Start linear verlaufen muss. Die Ingenieure haben es somit ab sofort mit Einschränkungen zu tun.

Darüber hinaus wurde der Bereich, in dem der Kupplungshebel bewegt werden kann, auf 80 Millimeter eingeschränkt. Zudem gibt es die Vorgabe, dass alle anderen Elemente des Lenkrads mindestens 50 Millimeter entfernt liegen müssen, sodass der Fahrer beim Betätigen der Kupplung keine direkte Referenz hat.

Ferrari SF16-H steering wheel clutch movement
Lenkrad im Ferrari SF16-H von 2016

Illustration: Giorgio Piola

Die einzige Ausnahme der 50-Millimeter-Regel ist ein sogenannter Stopp-Punkt. Für einen solchen hat sich Mercedes am Lenkrad des F1 W08 entschieden. Wie das nachfolgende Video zeigt, legen die Mercedes-Piloten ihren Zeigefinger und Mittelfinger in die dafür vorgesehenen Grifflöcher am Kupplungshebel. Wird der Stopp-Punkt erreicht, hat der Fahrer ein anderes Gefühl und kann somit den optimalen Zeitpunkt zum Einkuppeln besser abwägen.

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Artikelsorte Analyse
Tags entwicklung, evolution, f1, kupplung, lenkrad, piola, schaltung, schaltwippe, technik
Topic Formel-1-Technik mit Giorgio Piola