George Russell fliegt beim Heimspiel auf P8: "Ich will mehr davon"

George Russell sorgt im Formel-1-Qualifying in Silverstone für Jubelstürme bei den britischen Fans, obwohl er selbst mit Platz acht noch haderte

George Russell fliegt beim Heimspiel auf P8: "Ich will mehr davon"

Frenetisch bejubelt von zehntausenden britischen Fans drehte George Russell seine Runden im dritten Abschnitt des Formel-1-Qualifying in Silverstone. Während die Konkurrenten ihren ersten Versuch bereits absolviert hatten und den Weg in die Box antraten, begab sich der Williams-Pilot auf seinen einzigen Versuch in Q3 - und wurde quasi durch jede einzelne Kurve geschrien.

Dass es der 23-Jährige überhaupt bis dahin geschafft hatte, unterstrich erneut sein übergroßes Talent. Schon in Österreich war der Einzug in den letzten Abschnitt des Qualifyings eine große Überraschung. Auf dem ehemaligen Flughafen in England kamen diese Leistung und die Tatsache, dass er am Ende sogar den achten Platz belegte, einer Sensation gleich.

"Es ist unglaublich, unser bestes Qualifying in diesem Jahr in Silverstone und auch noch vor Fans zeigen zu können. Es ist mein Heimpublikum und so ein aufregendes Gefühl, in jeder Runde konnte ich sehen, wie sie gejubelt haben", strahlt er: "Im vergangenen Jahr hatten wir diese Möglichkeit nicht, deshalb bin ich etwas sprachlos. Es ist so ein großartiges Gefühl, ich will mehr davon."

Russell nach dem Training "völlig verloren"

Diese Vorstellung von Russell kam nach den Eindrücken aus dem 1. Freien Training völlig aus dem Nichts. In der 60-minütigen Session, die aufgrund des Sprintqualifyings am Samstag sowohl der Auftakt ins Wochenende als auch die Generalprobe für das Qualifying war, wurde Russell tatsächlich Letzter. Nicht schien zu funktionieren.

"Nach dem Training war ich völlig verloren, ich hatte kein Selbstvertrauen", schildert Russell. Danach habe das Team vor einer Grundsatzentscheidung gestanden. "Entweder wir versuchen, das Auto zu verbessern und stellen es auf den Kopf. Oder wir bleiben dabei und hoffen, dass sich die Strecke für uns entwickelt", erläutert Russell die Überlegungen.

Williams habe sich dazu entschieden, das Auto nicht großartig zu verändern. "Wir haben es dabei belassen und die Strecke und die Reifen kamen in unsere Richtung. Alles kam in ein besseres Fenster. Ich habe mich da draußen so wohl gefühlt, wodurch ich dieses eine Zehntel oder zwei zusätzlich rausholen konnte", so Russell. Vor allem auf seiner zweiten Runde in Q2 habe er einen "massiven Schritt" gemacht.

Capito adelt, Russell spürt Verantwortung

Teamchef und CEO Jost Capito war hellauf begeistert von der Leistung seines Fahrers. "Er ist unter Druck einfach noch besser, ohne Zweifel", sagt er. Laut Capito habe es aber dann doch ein paar leichte Anpassungen am Set-up gegeben. "Wir haben uns die Daten angeschaut und gesehen, wo die Reifentemperaturen waren", sagt er. "Wenn man fast drei Jahre mit ihm zusammenarbeitet, dann weiß man, was er mag", so Capito mit Blick auf Russell.

 

Russell selbst bestätigt den Druck, bezeichnet es aber eher als "Verantwortung", die er gegenüber den Zuschauern und seinem Rennstall gespürt habe. "Ich habe zum ersten Mal seit zwei Jahren meine Familie hier, Freunde auf den Tribünen, dazu die Erwartungen des Teams und von jedem. Ich weiß nicht, aber ich mag es einfach. Ich blühe durch den Druck nur noch mehr auf", sagt Russell.

Auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff, den Russell im kommenden Jahr bei aller Sympathie für Capito sehr gerne als Boss hätte, ist der erneute Husarenritt des Mercedes-Juniors nicht verborgen geblieben. "Es ist wirklich eine Augenweide, ihm zuzusehen", sagt er bei 'Sky' und erkannte in Russell einen "kleinen Löwen im Auto".

Russell hadert: War Platz vier möglich?

Verschlechtert haben dürften sich Russells Chancen, im kommenden Jahr im Mercedes-Cockpit zu sitzen, an diesem Freitag in Silverstone sicher nicht. Doch trotz dieses schlussendlich auf den ersten Blick komplett gelungenen Tages war Russell mit seinem Qualifying nicht komplett zufrieden. Vor allem in Q1 erkennt er Rennen für Rennen Reserven bei sich selbst.

"Es war schon immer mein Stil, dass ich mich im Laufe eines Stints halbwegs gesteigert habe, aber vielleicht bin ich in Q1 etwas unterfordert, und das ist etwas, was ich natürlich verbessern muss", sagt er. Doch diese Schwäche könne er sich aktuell sogar erlauben. "In diesem Jahr ist das großartig, weil wir sozusagen durch Q1 segeln und dann die Möglichkeit haben, in Q2 noch etwas mehr zu finden", erklärt er.

Aber auch Q3 sei nicht optimal gewesen. Denn da er antizyklisch zum Rest des Feldes seine Runde fuhr, hatte er zwar freie Bahn, aber anders als geplant auch überhaupt keinen Windschatten. "Das war so nicht beabsichtigt", gibt er zu. Im Vergleich zu seiner Runde in Q2 habe er anderthalb Zehntel verloren - "nur auf den Geraden". Er rechnet vor: "Anderthalb Zehntel hätten uns auf Rang vier gebracht."

Keine Zurückhaltung im Sprint

Insgesamt sei es aber ein "fantastischer Job" gewesen, den das Team gemacht habe. Doch anders als bislang steht nach dem Qualifying nicht nur ein Rennen an, sondern gleich zwei. Sein achter Startplatz gilt zunächst nur für den Sprint am Samstag, das Ergebnis dort entscheidet über die Startaufstellung im Rennen am Sonntag.

Doch Zurückhaltung will Russell im Sprintqualifying nicht üben. "Wir haben uns in diese Position gebracht, indem wir alles auf den Tisch gelegt haben und das müssen wir morgen wieder tun", stellt er klar. Er kündigt an, "aggressiv" zu Werke zu gehen, "sonst werden wir von den schnelleren Autos um uns herum aufgefressen", ist er überzeugt.

Gleichzeitig rechnet er sich Chancen aus, weil er denkt, dass einige Konkurrenten eher nicht so viel Risiko eingehen werden. "Wir müssen es einfach versuchen und was auch immer passiert, passiert. Wir sind nur dabei, weil wir die Dinge so angehen", sagt er.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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