Große Investitionen: So will Racing Point an die Spitze der Formel 1

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Große Investitionen: So will Racing Point an die Spitze der Formel 1
Autor: Heiko Stritzke
07.01.2019, 11:00

Lawrence Stroll kündigt eine Investitions-Offensive beim Force-India-Nachfolgeteam an - Technikchef Andy Green könnte Luftsprünge machen

Eines der besten Teams der Formel 1 - das ist Lawrence Strolls Anspruch für das Team Racing Point, sollte die Budgetgrenze wie angedacht zur Saison 2021 in Kraft treten. Dass der Modemogul beim Force-India-Team eingestiegen ist, beschert der Mannschaft aus Silverstone wichtige finanzielle Stabilität. Doch dabei soll es nicht bleiben: Stroll will investieren und somit ganz nach vorn kommen.

Das Mittelfeld der Formel 1 befindet sich in einem Rüstungswettlauf: Renault baut den Standort Enstone seit dem Lotus-Rückkauf massiv aus, McLaren bleibt seit Jahren unter seinen Möglichkeiten. Das Haas-Team wiederum hat in drei Jahren Formel 1 langsam erst gelernt, seine Möglichkeiten richtig zu nutzen. Nun macht also auch noch der Force-India-Nachfolger mit.

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Sportdirektor Andy Stevenson erklärt gegenüber 'Formula1.com', was das Team vorhat: "Wir denken gute zwei Jahre im Voraus. Natürlich wollen wir hier nichts überstürzen, können aber auch keinen Stillstand riskieren. Wir brauchen Infrastruktur, um konkurrenzfähig zu sein. Dafür wollen wir unsere Produktionskapazitäten ausbauen, sowohl bei den Verbundwerkstoffen als auch auf Metallseite." Das soll es dem Team erlauben, mehr Neuentwicklungen schneller ans Fahrzeug zu bringen.

Am meisten davon profitieren wird Technikchef Andy Green. "Jetzt können wir endlich optimistisch planen, statt ständig nachrechnen zu müssen, ob wir etwas wirklich bringen wollen", sagt er. "Das loszuwerden ist eine große Sache, denn jetzt können wir neue Teile ans Auto packen, wann immer sie es schneller machen, statt zwei oder drei Updatepakete in einer Saison zu bringen. Das ist strategisch gesehen eine riesige Änderung für uns."

Zeiten des Knauserns sind vorbei

Der Nachteil zeigte sich bereits in der Formel-1-Saison 2018, als Force India durch die finanziellen Schwierigkeiten die Entwicklung gar nicht wie geplant durchziehen konnte. Am Computer und im Windkanal war das Auto viel weiter entwickelt als in seiner letzten Ausbaustufe in Abu Dhabi. "Es lag Monate zurück", erinnert sich Green.

"Das werden wir jetzt reduzieren und schauen, dass wir immer das schnellstmögliche Fahrzeug auf der Strecke haben. Es ist unglaublich frustrierend, wenn man weiß, dass man Projekte in der Pipeline hat, die die Rundenzeit verbessern, aber man sie aus welchen Gründen auch immer nicht ans Auto packen kann. Dass das der Vergangenheit angehört, ist extrem positiv."

Fotostrecke
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Force India VJM11 halo detail

Force India VJM11 halo detail
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Foto: Mark Sutton / Sutton Images

Technikchef Andy Green macht kein Geheimnis daraus, dass die Einführung von Halo zu einem für das Team äußerst ungünstigen Zeitpunkt kam. Ohne dessen Einführung wäre es ein Leichtes gewesen, einfach das Chassis der Formel-1-Saison 2017 zu übernehmen und in andere Entwicklungsbereiche zu investieren. Das machte das neue Sicherheits-Feature unmöglich und so musste ein neues Design her, was viel Budget verschlang.

Racing Point Force India VJM11 steering wheel

Racing Point Force India VJM11 steering wheel
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Foto: Mark Sutton / Sutton Images

Das Lenkrad des VJM11. Erstmals war die Oberfläche aus Carbon gefertigt und kam nicht wie in der Vergangenheit aus dem 3D-Drucker.

Racing Point Force India VJM11 rear detail

Racing Point Force India VJM11 rear detail
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Foto: Giorgio Piola

Ein Blick auf das Heck des Boliden. Auffällig: Die Ummantelung der unteren Querlenker versteckt auch die Antriebswellen.

Racing Point Force India VJM11 front suspension detail

Racing Point Force India VJM11 front suspension detail
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Foto: Simon Galloway / Sutton Images

An der Vorderradbremse fällt eine metallische Struktur auf. Diese interagiert thermisch mit der Felge des Fahrzeugs. Die Abwärme der Bremsen spielt beim Aufwärmen der Reifen eine zentrale Rolle.

Racing Point Force India VJM11 mirror detail

Racing Point Force India VJM11 mirror detail
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Foto: Mark Sutton / Sutton Images

Der Rückspiegel am VJM11 ist auf zwei Stelzen angebracht, die auch als Vortex-Generatoren fungieren. Der weiße Arm, der auf die Cockpitwand übergreift, verschwand im Laufe der Saison.

Force India VJM11 engine

Force India VJM11 engine
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Foto: Giorgio Piola

Ein seltener Einblick auf das Innenleben des Formel-1-Boliden ohne Karosserie. Der Motor sitzt so tief wie nur irgendwie möglich.

Sergio Perez, Force India VJM11

Sergio Perez, Force India VJM11
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Foto: Sutton Images

Eine Ansicht von oben auf das Fahrzeug während der Testfahrten in Barcelona. Das war die Basisversion des VJM11.

Force India VJM11 floor detail

Force India VJM11 floor detail
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Foto: Giorgio Piola

Nachdem das Team scheinbar Probleme mit dem Luftstrom um den Seitenkasten hatte, erschien dieses kleine Winglet auf dem Unterboden für ein paar Rennen auf der Bildfläche.

Force India VJM11 with aero paint on rear diffuser

Force India VJM11 with aero paint on rear diffuser
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Foto: Sutton Images

Aufgrund der kleineren aerodynamischen Probleme zu Beginn der Saison sprühte Force India den Diffusor in Aserbaidschan mit Flow-Viz an.

Force India VJM11 front wing

Force India VJM11 front wing
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Foto: Giorgio Piola

In Bahrain zeigte das Team einen neuen Frontflügel. Allerdings gab es zunächst nur einen davon, weil die Ersatzteilversorgung stockte, die Budgetprobleme machten sich erstmals bemerkbar. Erst ab Monaco hing der Flügel auch im Rennen an den Autos. Das Hauptelement wurde an der Grenze zum standardisierten Mittelteil neu gestaltet, um die Wirbel an der sogenannten Verbindungsstelle Y250 abzuändern. Die Wirbel heißen deshalb im Fachjargon auch "Y250 Vortex".

Force India VJM11 new diffuser, China GP

Force India VJM11 new diffuser, China GP
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Foto: Giorgio Piola

Das Team führte ab dem Großen Preis von China einen neuen, komplexeren Diffusor ein. Dieser beinhaltet an der Oberseite einen über die ganze Breite reichenden Gurney - einer der Trends in der Formel-1-Saison 2018.

Force India VJM11 detail

Force India VJM11 detail
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Foto: Giorgio Piola

Ab dem Großen Preis von Spanien gab es langgezogene Einschnitte im Unterboden, die das Ziel hatten, die Seite aerodynamisch abzudichten, also eine Art Schürze aus Luft zu kreieren.

Force India VJM11 rear wing detail

Force India VJM11 rear wing detail
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Bei den Testfahrten in Barcelona unmittelbar nach dem Rennen wartete Force India mit diesem interessanten Teil am Heckflügel auf. Es ging darum, mehr Daten über die Interaktion zwischen dem Auspuff und dem Heckflügel zu gewinnen. In der Mitte ist der Sensor mit einem Hitzeschutz abgeklebt.

Force India VJM11 barge board British GP

Force India VJM11 barge board British GP
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Foto: Giorgio Piola

Beim Großen Preis von Großbritannien standen für das Team die Bargeboards im Fokus. Die Form der sensenförmigen Grundplatte (blauer Pfeil) und die Einschnitte davor (roter Pfeil) wurden modifiziert. Hinzu kam ein Winglet kurz vor dem Lufteinlass des Seitenkastens, um den Luftstrom in ihm und um ihn herum zu verbessern.

Force India VJM11 high downforce rear wing comparison

Force India VJM11 high downforce rear wing comparison
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Foto: Giorgio Piola

Beim Großen Preis von Ungarn kommt es auf jeden Punkt Abtrieb an. Das Team verwendete daher dieselben doppelten T-Flügel wie beim Großen Preis von Monaco.

Nicholas Latifi, Force India VJM11

Nicholas Latifi, Force India VJM11
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Foto: Joe Portlock / LAT Images

Force India gehörte zu den Teams, die in dieser Saison beim Ungarn-Test mit einem Flügel der 2019er-Generation unterwegs waren. Natürlich wieder mit Flow-Viz.

Nicholas Latifi, Force India VJM11

Nicholas Latifi, Force India VJM11
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Foto: Mark Sutton / Sutton Images

Außerdem schaute sich das Team genau an, welchen Einfluss der neue Flügel auf die Bereiche dahinter hat. Dazu war man mit dieser Apparatur unterwegs.

Force India new bargeboard floor comparison

Force India new bargeboard floor comparison
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Foto: Gorgio Piola

Ab Singapur hatte das pinke Team plötzlich viele neue Teile am Auto, eine erste Folge des frischen Geldes nach der Stroll-Übernahme. Das Bargeboard wies ein neues, größeres Vorderteil auf (zum Vergleich: Der rechte Kreis zeigt das alte). Die Anzahl der Einschnitte verdoppelte sich von drei auf sechs.

Force India VJM11 diffuser comparison

Force India VJM11 diffuser comparison
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Foto: Giorgio Piola

Ein Vergleich des neuen Diffusors aus Singapur mit dem alten; der Pfeil verdeutlicht die Änderungen an der Oberseite.

Force India VJM11 floor detail

Force India VJM11 floor detail
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Foto: Giorgio Piola

Auch änderte das Team den Unterboden unmittelbar vor dem Hinterreifen ab. Die Kante wurde leicht angehoben und ein neuer Flap gesellte sich hinzu (roter Pfeil).

Racing Point Force India VJM11 with aero paint

Racing Point Force India VJM11 with aero paint
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Foto: Jerry Andre / Sutton Images

Um die Wirkung der Änderungen auf der Strecke zu prüfen und mit den CFD-Daten zu vergleichen, verwendete Force India - Sie liegen richtig - Flow-Viz.

Racing Point Force India VJM11 bargeboards

Racing Point Force India VJM11 bargeboards
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Foto: Rubio / Sutton Images

Ein Blick von oben auf den aerodynamisch empfindlichen Bereich hinter dem Vorderreifen. Auffällig: Die sechs Einschnitte am Beginn des Unterbodens (oberer Bildrand) und die Fülle sägezahnartiger Elemente an der Bodenplatte des Bargeboards. Diese änderte sich während der Saison immer wieder.

Racing Point Force India VJM11 front wing detail

Racing Point Force India VJM11 front wing detail
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Foto: Giorgio Piola

Ein Blick auf jenen Frontflügel, der fast das ganze erste Viertel der Saison brauchte, um endlich an beiden Autos im Rennen zu hängen. Das Hauptblatt (pink) ist stark geschwungen und bildet gemeinsam mit dem sich anschließenden Flap (schwarz) einen regelrechten Tunnel unter dem Flügel, was sich im nächsten Bild besser zeigen wird.

Racing Point Force India VJM11 wing

Racing Point Force India VJM11 wing
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Foto: Sam Bloxham / LAT Images

Der angesprochene Tunnel von hinten aus betrachtet.

Racing Point Force India VJM11

Racing Point Force India VJM11
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Foto: Manuel Goria / Sutton Images

Am Ende der Saison wird der VJM11 selbst wie auch seine Bezeichnung ausgemustert. Das Team hat zugegeben, dass es aufgrund der Budgetsorgen während der Saison einen Entwicklungsschritt verpasst hat.

Gerade in Anbetracht der neuen Regularien beim Frontflügel. "Weil alles neu ist, werden wir ihn zu Beginn der Saison oft updaten", weiß Green. Da kommt die Finanzspritze gerade recht. "Ein neuer Frontflügel bringt immer hohe Kosten mit sich. Und im kommenden Jahr werden sie noch breiter sein, also auch häufiger kaputt gehen. Deshalb brauchen wir sie in größeren Stückzahlen. Das hätte dem alten Force-India-Team große Kopfschmerzen bereitet. Zwar tut es das jetzt noch immer, aber deutlich weniger ausgeprägt."

Dennoch will das Team an seinen alten Stärken festhalten. Die hohe Effizienz soll dem warmen Geldstrom nicht zum Opfer fallen, mahnt Teamchef Otmar Szafnauer: "Man muss mit schnellen Änderungen vorsichtig sein. Man will nicht, dass sie nach hinten losgehen."

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