"Habe keine Glaskugel": Hat Ferrari den möglichen Australien-Sieg verschenkt?
Ferrari führt das Rennen in Australien zu Beginn an, verzichtet dann jedoch auf einen Boxenstopp beim virtuellen Safety-Car - War das ein Fehler, der den Sieg kostete?
Hätte Ferrari mit einem Stopp beim virtuellen Safety-Car eine Siegchance gehabt?
Foto: AFP
Ferrari beendet den Großen Preis von Australien hinter den beiden siegreichen Mercedes-Piloten George Russell und Andrea Kimi Antonelli auf den Plätzen drei und vier. Beim Saisonauftakt zeigt sich die Scuderia als zweitstärkste Kraft, doch eine Frage bleibt: Hätten Charles Leclerc und Lewis Hamilton eine Chance auf den Sieg gehabt?
Denn anders als die beiden Mercedes-Piloten, die während des ersten virtuellen Safety-Cars zum Boxenstopp kamen, entschied sich Ferrari gegen einen frühen Stopp. Hamilton monierte diese Entscheidung sofort im Funk: "Mindestens einer von uns hätte kommen sollen", klagte der Brite. (Hier zum Rennergebnis)
Das Problem: Bei noch 46 zu absolvierenden Runden war unklar, ob ein einziger Stopp ausreichen würde - oder im Verlauf des Rennens ein zweiter Reifenwechsel nötig gewesen wäre. Ferrari entschied sich deshalb, auf Nummer sicherzugehen und weiterhin den ursprünglichen "Plan A", also mit einem Boxenstopp zur Rennhälfte, zu verfolgen.
Auch Hamilton bleibt nach dem Rennen skeptisch. "Schwer zu sagen", betont der Ferrari-Pilot gegenüber Sky. "Ich glaube, Mercedes hat zu dieser Zeit nicht wirklich gepusht, es war noch ziemlich früh für einen Ein-Stopp. Wir müssen uns anschauen, ob es für uns besser gewesen wäre, zu stoppen."
"Ich hatte das Gefühl, wir hätten es tun können", ergänzt der Brite. "Als ich gesehen habe, dass sie hereinkommen, dachte ich, ich hätte gleichzeitig reinkommen sollen. Aber ja, man lebt und lernt, und wir werden versuchen, es nächstes Mal besser zu machen."
Ferrari mit Pech beim zweiten virtuellen Safety-Car
"Ich weiß nicht, ob uns eine diversifizierte Strategie geholfen hätte", glaubt allerdings Ferrari-Teamchef Frederic Vasseur im Gespräch mit Sky Italien. "Ich habe keine Glaskugel, aber ich glaube nicht. Als sie ihren Boxenstopp einlegten, war es schwer vorstellbar, dass es nur ein einziger sein würde."
"Unser Ziel war es, viel später im Rennen nur einen Boxenstopp zu machen", erinnert der Franzose an den ursprünglichen "Plan A" des Teams. "Aber dann hatten wir Pech mit dem zweiten virtuellen Safety-Car, als die Boxengasse geschlossen wurde."

In den ersten Runden kämpfen Leclerc und Russell noch um die Führung
Foto: AFP
Das Problem: Valtteri Bottas hatte seinen Cadillac kurz vor der Boxeneinfahrt abgestellt. Als Leclerc und Hamilton das erste Mal vorbeikamen, war die gelbe Flagge zwar schon knapp 20 Sekunden draußen, ein virtuelles Safety-Car gab es zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht. Ein Stopp hätte also kaum einen Vorteil gebracht.
Deshalb fuhren beide Ferrari-Piloten zunächst weiter, was sich kurz darauf als Fehler herausstellte, als das zweite virtuelle Safety-Car ausgerufen wurde. Weil die Marshals den Boliden von Bottas durch die Boxeneinfahrt schoben, wurde der Eingang geschlossen, weshalb ein Ferrari-Stopp in der Folgerunde nicht mehr möglich war.
"Dadurch gerieten wir in eine schwierige Lage", ergänzt der drittplatzierte Leclerc, der seiner Mannschaft aber keinen Vorwurf für die Entscheidungen im Rennen macht. Auch Ferrari-Teamchef Vasseur kommentiert knapp: "So ist es nun mal gelaufen."
Ferrari hätte Mercedes "nicht wirklich halten können"
Bleibt die Frage, ob Ferrari beim ersten virtuellen Safety-Car nach dem Ausfall von Isack Hadjar bereits einen Fehler gemacht hat. "Man hätte es splitten können, aber wie es Lewis Hamilton sagt, man muss sich in den Daten anschauen, ob es aufgegangen wäre", erinnert Timo Glock bei Sky.
Der Experte hat eine klare Meinung: "Ich glaube, der Speed von Ferrari war in meinen Augen nicht auf dem Niveau von Mercedes. Da hätte man die Mercedes nicht wirklich halten können." Ein früher Boxenstopp hätte also kaum etwas am Ergebnis geändert, wie auch die Daten über die Rennpace zeigen. Ferrari war einfach zu langsam.
"Man hat es auf eine andere Art und Weise versucht", ergänzt der frühere Formel-1-Pilot, der keine Kritik äußert: "Ich glaube, es war trotzdem ein positiver Auftakt für Ferrari, für beide. Und auch Lewis Hamilton, der sehr happy war und wirklich auf Augenhöhe mit Charles Leclerc ist."
Wie Mercedes auf die Ferrari-Strategie reagiert
Mercedes-Teamchef Toto Wolff war im Gespräch mit Sky dennoch "überrascht, dass sie es nicht zumindest mit einem [Auto] gedeckt haben, vor allem, wenn noch eine Runde Zeit gewesen wäre. Aber am Ende weiß man es immer besser, denn zu dem Zeitpunkt war es nicht hundertprozentig klar."
Doch Mercedes hatte Glück, denn weder Russell noch Antonelli mussten im Verlauf des Rennens ein zweites Mal stoppen und konnten den gewonnenen Vorsprung über die Distanz retten. "Ich dachte, der Reifen würde erst dann nachlassen, wenn er fast abgefahren wäre, also komplett abgenutzt", sagt Russell.
"Deshalb war ich in den letzten Runden etwas besorgt", gibt der Brite zu, wobei er sich auf seinen dominanten W17 verlassen konnte: "Ich hatte einfach Vertrauen in das Auto und wusste, wo ich pushen und wo ich sparen musste. Und ja, zum Glück habe ich es gerade noch ins Ziel gebracht."
Charles Leclerc: "Es war eine bewusste Entscheidung"
"Ich bereue es nicht. Es war eine bewusste Entscheidung", ergänzt Charles Leclerc und erklärt: "Seit dem ersten Freien Training gab es in jeder Session mindestens ein Auto, das ausfiel. Wir wussten, dass die Wahrscheinlichkeit sehr hoch war, dass es nicht die einzige VSC des Rennens bleiben würde."
Daher dachte Ferrari, dass es "besser wäre, auf eine weitere zu warten", gibt der Monegasse zu. "Das ist natürlich immer ein Risiko. Wir wussten nicht, dass es so kommen würde." Das zweite virtuelle Safety-Car sei zeitlich sogar noch besser gewesen, allerdings wurde die Boxeneinfahrt geschlossen.
"Wir hatten also etwas Pech, aber es war eine bewusste Entscheidung", räumt Leclerc alle Spekulationen aus dem Weg, dass Ferrari in die typische Strategiefalle gelaufen ist. Die Entscheidung sei keineswegs falsch gewesen. "Ich bereue sie nicht wirklich."
Lewis Hamilton kann "sehr viel Positives mitnehmen"
Auch Hamilton rudert mit seiner anfänglichen Kritik an der Ferrari-Strategie zurück. Der Ferrari-Pilot betont deutlich, dass er beim diesjährigen Saisonauftakt "nichts" verpasst habe und im Nachhinein nicht bereut, auf den Boxenstopp während des virtuellen Safety-Cars verzichtet zu haben.
"Nein, ich weiß es wirklich nicht. Ich schaue es mir nochmal an", ergänzt der Brite lediglich. "Aber ich bin generell sehr stolz auf das Team. Ich denke, wir haben einen fantastischen Job gemacht, um das Auto so weit zu bringen. Ein paar Runden mehr und ich hätte Charles noch geschlagen."
"Ich hatte also ein super Tempo und kann heute sehr viel Positives mitnehmen", freut sich Hamilton, wobei er auch die Kritikpunkte anspricht, an denen die Scuderia in den kommenden Wochen noch arbeiten muss: "Natürlich sind wir nicht so schnell wie Mercedes."
"Wir haben noch einiges zu tun, um die Lücke zu Mercedes zu schließen, aber ich glaube wirklich, dass wir das schaffen können", sagt der Ferrari-Pilot. "Trotzdem bin ich sehr zufrieden mit unserem Rennen und wie wir uns geschlagen haben."
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