Kolumne

Formel 1 Zandvoort

Hamiltons Funkausraster war angebracht, die Entschuldigung aber auch!

Lewis Hamiltons Funk-Ausraster in Zandvoort und seine spätere Entschuldigung zeigen, dass er und Ferrari erst noch lernen müssen, einander richtig zu verstehen

Oleg Karpow

Veröffentlicht: 03.09.2026, 08:53

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Hamiltons Funkausraster war angebracht, die Entschuldigung aber auch!

Lewis Hamilton war nach dem Rennen in Zandvoort bedient

Foto: Speedpictures Speedpictures

"Großartige Zeitverschwendung hier, Leute." - "Nutzt ihr mich als Versuchskaninchen?": Die Wortwahl und vor allem der Tonfall - ziemlich sarkastisch - waren vielleicht tatsächlich drüber. Es überrascht daher nicht, dass Lewis Hamilton diese Funksprüche nicht wirklich gefielen, als er sie sich nach dem Rennen in Zandvoort noch einmal anhörte.

Er entschuldigte sich und betonte, dass er sich eigentlich besser im Griff habe. Doch er war nicht der Einzige, der nach Zandvoort Grund zum Nachdenken hatte. Ferrari beendete das Rennen auf den Plätzen vier und fünf hinter beiden Mercedes - an einem Wochenende, an dem die Rennpace eigentlich besser schien als die des Hauptkonkurrenten.

Frederic Vasseur räumte dies im Anschluss ein und gab gleichzeitig zu, dass die operative Umsetzung bei Ferrari nicht gut genug gewesen sei.

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass das Team eklatante Fehler gemacht hat.

Der Running-Gag über die Ferrari-Strategie entspricht keineswegs immer der Realität. Es gibt reichlich Beispiele, in denen die Scuderia die richtigen Entscheidungen traf - darunter Hamiltons Sieg in Barcelona vor einigen Wochen.

Und auch in Zandvoort ging es nicht zwingend darum, Chancen liegen gelassen zu haben. Das Rennergebnis war primär die Konsequenz eines (im Vergleich zur Konkurrenz) schwachen Qualifyings. Beide Autos aus der dritten Startreihe auf einer Strecke ins Rennen zu schicken, auf der Überholen extrem schwierig ist, ist schlichtweg kein Rezept für einen Sieg.

Das dürfte zu Hamiltons Frustration beigetragen haben, denn hinter langsameren Autos festzustecken ist in etwa so nervtötend, wie zu versuchen, eine Tasche ohne Henkel und gleichzeitig ein Goldfischglas zu tragen.

Klare Kommunikation vermisst

Doch es war scheinbar nicht die reine Uneinigkeit mit dem Vorhaben der Ferrari-Strategen, die Lewis das Gefühl gab, ein Versuchskaninchen zu sein, sondern ein kompletter Mangel an klarer Kommunikation.

Vasseur lieferte im Nachgang eine plausible Erklärung dafür, warum Ferrari Hamilton nicht die gewünschten Informationen lieferte. Der Plan vor dem späten Virtual Safety-Car sah vor, seine Reifen womöglich bis zum Rennende durchzufahren. Ferrari wollte das jedoch bewusst nicht über Funk ausspucken, um der Konkurrenz keine wertvollen Informationen zu liefern.

Verständlich.

Allerdings hätte Ferrari Hamilton nicht zwingend haarklein erklären müssen, was man vorhatte. Das Team hätte ihm lediglich vermitteln müssen, dass man das Renngeschehen im Griff hat.

Und genau das macht den Unterschied.

Vielleicht hätten nicht alle seine Fragen beantwortet werden können. Aber eine klare, bestimmte Antwort hätte womöglich gereicht, um ihn davon abzuhalten, voreilig den Schluss zu ziehen, dass ihm das Rennen entgleitet, während der Kommandostand ratlos wirkt.

Vertrauen muss sich aufbauen

Es wäre natürlich eine maßlose Übertreibung, Max Verstappens Erfolge in der Formel 1 rein auf das perfekte Zusammenspiel mit Red Bull und Gianpiero Lambiase zu reduzieren. Wer jedoch aufmerksam den Funkdialogen zwischen Verstappen und "GP" lauscht, erkennt sofort den feinen Unterschied zu vielen anderen Fahrer-Ingenieur-Paarungen.

Verstappen kann wütend werden. Er kann sarkastisch sein. Er kann anderer Meinung sein. Er kann all das gleichzeitig sein. Aber Lambiase scheut sich nicht, ihm ebenso bestimmt zu widersprechen. Und keiner von beiden spürt im Nachgang das Bedürfnis, sich für irgendetwas zu entschuldigen.

Das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden ist auf einem Niveau, auf dem sie sich nach dem Rennen nichts mehr erklären müssen. Max weiß schlichtweg: GP gibt nicht klein bei, wenn es dafür einen triftigen Grund gibt.

Diese Art von Vertrauen braucht Zeit.

Hamilton hatte mit Peter Bonnington bei Mercedes eine vergleichbare Dynamik. Er konnte nach wie vor behaupten, seine Reifen seien hinüber - und wusste im selben Moment, dass "Bono" besser beurteilen konnte, ob das tatsächlich der Fall war. Bono war ebenfalls nicht da, um Lewis in allem recht zu geben.

Und genau da fehlt es zwischen Ferrari und Hamilton womöglich noch.

Kann Carlo Santi "Bono"?

Seine zweite Ferrari-Saison verläuft bedeutend besser als seine erste, und die Beziehung zum Team ist spürbar gewachsen. Er hat Carlo Santi sogar schon als seinen "italienischen Bono" bezeichnet. Aber jemanden Bono zu nennen, ersetzt noch keine Beziehung, die über ein Jahrzehnt hinweg gewachsen ist.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Santi arbeitet nicht mit demselben Hamilton zusammen, den Bonnington 2013 bei Mercedes vorfand. Er arbeitet mit einem siebenfachen Weltmeister, dem erfolgreichsten Fahrer seiner Generation und jemandem, der jahrelang in einem Team agierte, das acht Konstrukteurstitel in Folge gewann.

Man stelle sich vor, man ist die Person, die diesem Fahrer nun sagen muss, dass er falsch liegt - oder zumindest: "Wir wissen es besser."

Deshalb kann sich diese Beziehung nicht nur dadurch weiterentwickeln, dass Ferrari lernt, wie Hamilton geführt werden möchte. Hamilton muss es Ferrari - und insbesondere seinem Renningenieur - auch ermöglichen, ihn herauszufordern.

Und genau hier kommt seine Entschuldigung ins Spiel.

Hamilton musste sich keineswegs dafür entschuldigen, dass er von Ferrari mehr fordert. Seine Erklärung direkt nach dem Rennen war simpel: "Ich bin hier, um zu gewinnen."

Hamilton braucht Kontra

Ferrari sollte auch gar nicht wollen, dass diese Eigenschaft an ihm verschwindet. Ein Fahrer, der sieben Weltmeisterschaften gewonnen hat und sich immer noch maßlos darüber aufregt, im Kampf um Platz drei wertvolle Sekunden zu verlieren, ist einem Team vermutlich um ein Vielfaches lieber als einer, der so etwas mit einem Schulterzucken hinnimmt.

Das bedeutet nicht, dass er immer im Recht ist. Das Team am Kommandostand wird während des Rennens immer über mehr Daten verfügen - und es muss sicherstellen, dass er weiß, dass diese Daten auch sinnvoll genutzt werden.

Was Zandvoort gezeigt hat, ist, dass beide Seiten noch nicht ganz an diesem Punkt angekommen sind.

Selbst mit dem Wissen um Vasseurs spätere Erklärungen bleiben Fragen zur Umsetzung bei Ferrari offen. Er gab selbst zu, dass das Team die Chance verpasst hat, Leclerc per Undercut an George Russell vorbeizuschleusen - und es in der Folge versäumte, seinen Stint zu verlängern, um einen ausreichend großes Reifendelta für eine Aufholjagd zu kreieren. Charles wurde ebenso wenig angewiesen, Hamilton vorbeizulassen.

Ob eine einzelne Entscheidung Ferrari letztlich das Podium gekostet hat, ist streitbar. Was jedoch außer Frage steht: Aus Hamiltons Cockpit sah es in der Tat nach kompletter Tatenlosigkeit aus.

Gepaart mit der fehlenden Kommunikation brachte das das Fass zum Überlaufen. Und das, obwohl am Kommandostand eigentlich ein brauchbarer Plan vorlag - hätte Hamilton diesen gekannt, wäre ihm ein Großteil des Sarkasmus wohl erspart geblieben.

Genau deshalb war sowohl das Geschehen am Sonntag als auch die Aufarbeitung danach so wichtig.

Beide Seiten sollten hohe Ansprüche haben

Hamiltons Frust schickte eine klare Botschaft an Ferrari bezüglich der Ansprüche, die er hegt. Wenn er hier ist, um zu gewinnen, darf sich auch sein Team mit nichts weniger zufriedengeben. Seine Entschuldigung sendete eine zweite Botschaft: Diese Ansprüche einzufordern bedeutet nicht, jede Meinungsverschiedenheit in eine Konfrontation ausarten zu lassen.

Er wird nicht aufhören, anspruchsvoll zu sein. Das sollte Ferrari auch gar nicht von ihm verlangen.

Und selbst wenn manche Funksprüche in Zandvoort deplatziert waren - oder auf falschen Annahmen beruhten -, waren sie eine gute Erinnerung daran, dass er nach wie vor hungrig und motiviert ist. Es war zugleich ein Wink mit dem Zaunpfahl, wo sich Ferrari verbessern muss.

Denn Hamilton braucht Ferrari nicht nur als Zuhörer. Er braucht ein Ferrari, das kein Problem damit hat, einem siebenfachen Weltmeister auch mal zu sagen, dass er falsch liegt.

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