Hamiltons Taktik-Tohuwabohu: Noch 60 Sekunden, 59, 58 ...

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Hamiltons Taktik-Tohuwabohu: Noch 60 Sekunden, 59, 58 ...
Autor: Dominik Sharaf
Co-Autor: Edd Straw
02.07.2018, 08:52

Mercedes vertraute bei seiner Taktikentscheidung unter Zeitdruck nicht auf seine eigene Statistik, sondern wollte Platz vier absichern - Vowles droht kein Rauswurf

Obwohl Lewis Hamilton keine halbe Stunde später mit defektem Auto in der Auslaufzone stand und ohnehin alles hinfällig war, gab es bei Mercedes nach dem Österreich-Grand-Prix am Sonntag kaum ein anderes Thema als die verpatzte Boxenstrategie des Weltmeisters. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, die in einem großen Patzer mündete. Die Anatomie einer Fehlentscheidung.

Das Unheil nahm seinen Lauf, als Hamiltons Stallgefährte Valtteri Bottas in der 14. Runde ausrollte. Weil das Auto des Finnen unglücklich am Streckenrand parkte, entschied sich die Rennleitung für eine virtuelle Safety-Car-Phase (VSC) – in einem Moment, in dem Hamilton gerade auf die Remus-Kurve zufuhr, also noch rund zwei Kilometer von der Boxeneinfahrt entfernt war.

Bei den Silberpfeilen herrschte aufgrund der Bottas-Panne Aufruhr. "Plötzlich bleibt das zweite Auto einfach stehen!", beschreibt Sportchef Toto Wolff eine Gemütslage geprägt von Schock, Unsicherheit und Hektik. "Das VSC kam und uns blieb eine halbe Runde um zu reagieren." Da während der Neutralisation um 60 Prozent langsamer gefahren werden muss, nicht mehr als eine Minute.

Doch Mercedes schien wie gelähmt. Die einzige Überlegung, die das Team anstellte, war, vor Sebastian Vettel im zweiten Ferrari zu bleiben. Aufgrund der Strafversetzung und seines schlechten Starts war Hamiltons WM-Rivale zu diesem Zeitpunkt nur Fünfter und kein Siegkandidat. Mit einem Rückstand von 13,2 Sekunden wäre er mit oder ohne Boxenstopp keine Gefahr gewesen.

Die Ingenieure richteten ihre Taktik also nicht danach aus, das Rennen zu gewinnen. Der Anfang vom Ende. Ein weiterer Gedankengang drehte sich um ein mögliches Splitten der Strategien bei Ferrari und Red Bull. "Weil wir nur ein Auto auf der Strecke hatten, aber zwei Konkurrenten, haben wir uns überlegt: 'Was ist, wenn sie mit einem ihrer Wagen an die Box kommen?", sagt Toto Wolff.

Mercedes gelangte zu der Erkenntnis, dass Hamilton mit einem Boxenstopp auf jeden Fall hinter den bis dato drittplatzierten Kimi Räikkönen (Rückstand: 9,1 Sekunden) zurückfallen würde und möglicherweise hinter Daniel Ricciardo auf Platz vier. Selbst ein Reifenwechsel unter dem VSC hätte zu lange gedauert. Mehr Zeit zum Nachdenken blieb nicht – und Hamilton auf der Strecke.

Dabei wäre ein Boxenstopp die richtige Entscheidung gewesen. "Wir haben es nicht getan. Punkt. Da haben wir das Rennen verloren", räumt Wolff rückblickend ein. Schließlich verschenkte Mercedes die Chance, "kostengünstig" zu stoppen und die Spitzengruppe entweder gegen Autos mit schlechteren Reifen von hinten aufzurollen (wenn die Konkurrenz nicht gestoppt hätte) oder komfortabel in Führung zu bleiben (wenn die Konkurrenz – wie geschehen – auch gestoppt hätte).

Die bittere Realität: Räikkönen und Ricciardo verloren beim Reifenwechsel nur 7,2 Sekunden auf Hamilton und waren nach der Wiederfreigabe mit frischen Reifen in der Lage, den Rückstand konstant zu halten. Währenddessen brachen die Supersoft-Pneus bei Hamilton ein. Als er in Runde 27 nicht mehr anders konnte als an die Box abzubiegen, waren Ricciardo und Räikkönen 16,1 respektive 17,9 Sekunden zurück. Nur gegen Vettel (21,8 Sekunden Rückstand) passte wie berechnet alles.

Lewis Hamilton, Mercedes-AMG F1 W09 pit stop

Lewis Hamilton, Mercedes-AMG F1 W09 pit stop

Foto: Mark Sutton / Sutton Images

Auf Platz vier und ohne jede strategische Option (bei allen Teams waren Einstopp-Strategien angedacht) war der Sieg futsch – das wusste Hamilton. Dabei hätte Mercedes nur den eigenen Statistiken vertrauen müssen, um die richtige Entscheidung zu treffen. "In dieser Rennphase ist es in rund 80 Prozent der Fälle richtig, unter VSC zu stoppen", sagt Wolff. Und so war es auch am Sonntag.

Der Sportchef ist überzeugt, dass sein Pilot mit einer Führung nach dem Boxenstopp nicht die gleichen Reifenprobleme bekommen hätte, die ihn später zu einem zweiten Wechsel zwangen: "Es war zehn Grad Celsius wärmer als angekündigt, aber ich denke, dass alle Autos mit Bläschenbildung angegriffen haben. Wir sind Vollgas gefahren und haben damit die Oberfläche des Reifens überhitzt."

Heißt: Hamilton konnte seine Reifen nicht mit freier Fahrt nach Belieben schonen, sondern musste versuchen, den vor ihm rollenden Räikkönen auf der Strecke zu überholen. Das war Gift für die Gummis. Ganz besonders, weil Ferrari von dem Phänomen weniger betroffen war als Mercedes und sich so nicht in Probleme hetzen ließ. "Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet", meint Wolff.

Er spricht von einem "gewaltigen Weckruf" für das Team, doch dem verantwortlichen Chefstrategen James Volwes drohen wohl keine persönlichen Konsequenzen – obwohl er 2018 schon in Australien und in China Entscheidungen traf, die Hamilton möglicherweise Rennsiege kosteten. "Nein, wir müssen da nichts ändern", wiegelt Wolff ab. Wichtiger sei es, die eigenen Schnitzer zu analysieren und zu verstehen. "Ich denke nicht, dass wir einen Fehler zum zweiten Mal begehen würden."

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