Hartes Räikkönen-Debüt: "Nach drei Runden brauchte er 15 Minuten Pause"

Teammanager Beat Zehnder hält Kimi Räikkönen für Saubers schnellsten Fahrer, und erinnert an die schwierigen Anfänge - Finne sagte: Gehe zu McLaren oder höre auf!

Hartes Räikkönen-Debüt: "Nach drei Runden brauchte er 15 Minuten Pause"
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Heinz-Harald Frentzen, Nick Heidfeld, Jacques Villeneuve, Felipe Massa, Robert Kubica oder Charles Leclerc: Das Sauber-Team hat in seiner mittlerweile schon 30-jährigen Formel-1-Zeit eine Menge guter Fahrer gesehen. Einer, der jeden einzelnen davon miterlebt hat, ist Teammanager Beat Zehnder, der bei jedem Rennen des Schweizer Rennstalls seit 1993 dabei war.

Auf die Frage nach dem schnellsten Fahrer, der je für Sauber in der Formel 1 gefahren ist, hat er eine klare Antwort: "Es war Kimi. Vom reinen Talent her ist es definitiv Kimi", sagt Zehnder im Podcast 'Beyond the Grid' und ist der Meinung, dass Räikkönen ohne Technikpech in den Jahren 2003 und 2005 heute dreimaliger Weltmeister sein müsste.

Räikkönen hatte seine Karriere 2001 bei Sauber begonnen, was für viele damals überraschend kam - auch für Zehnder selbst. Denn der Finne war damals ein unbeschriebenes Blatt und hatte vor seinem Formel-1-Debüt gerade einmal 23 Autorennen in seiner Karriere absolviert.

Peter Sauber hatte Räikkönen damals im September 2000 eine Testchance in Mugello gegeben, und laut Zehnder gibt es auch heute noch keine Erklärung dafür. Das Team wusste aber, dass Landsmann Mika Salo das Team für 2001 in Richtung des neuen Toyota-Projektes verlassen würde und man einen Nachfolger brauchen würde.

Aller drei Runden 15 Minuten Pause

Und dann war plötzlich Räikkönen da, der auf Zehnder nicht gerade den besten Eindruck machte. Wie beeindruckend Räikkönen damals gewesen sei, wird er gefragt. Seine Antwort: "Nicht sonderlich."

Vor allem physisch wies der Finne deutliche Defizite auf: "Aber was erwartet man auch von einem Fahrer aus der Formel Renault?", sagt Zehnder und erzählt, wie schwierig der Test damals war: "Wir sind drei oder vier Runden gefahren, und dann brauchte er eine Pause von 15 bis 20 Minuten."

Kimi Räikkönen Melbourne Australien 2001 Debüt

Dem Finnen fehlte am Anfang die Physis für ein Formel-1-Auto

Foto: LAT

Nur mit Hilfe von Teamphysiotherapeut Josef Leberer kam Räikkönen damals über die beiden Tage.

Aber: In Sachen Geschwindigkeit wusste Räikkönen durchaus zu glänzen und war sogar schneller als Stammfahrer Pedro Diniz. Und wortkarg, wie Räikkönen schon damals war, habe er nur gesagt: "Ich kann es besser."

Sauber gibt Räikkönen die Chance

"Er war außergewöhnlich", erinnert sich Zehnder. "Und wie er dich angesehen hat: Du hattest das Gefühl, wenn du ihm eine Chance gibst, ergreift er sie und macht das Beste daraus."

Sauber gab Räikkönen tatsächlich das Cockpit für 2001 und die FIA dem Finnen eine Superlizenz unter Vorbehalt. Doch der Finne enttäuschte nicht: Schon beim ersten Rennen in Melbourne holte er als Sechster seinen ersten Punkt und fuhr im weiteren Jahresverlauf noch drei weitere Male unter die Top 5.

Zusammen mit seinem Teamkollegen Nick Heidfeld sorgte Räikkönen für die bis heute beste Saison von Sauber - abgesehen von der Zeit unter dem Werksbanner von BMW -, die auf dem vierten Gesamtrang endete.

Kimi setzte Sauber die Pistole auf die Brust

Doch der Erfolg machte auch die Konkurrenz aufmerksam. McLaren wollte den Finnen nach nur einer Saison als Nachfolger des zurücktretenden Doppelweltmeisters Mika Häkkinen abwerben - sehr zum Ärger von Heidfeld, der zuvor Testfahrer von McLaren gewesen war und auch in der Gesamtwertung vor Räikkönen lag.

Kimi Räikkönen und David Coulthard bei der Präsentation des McLaren 2002

McLaren schnappte Sauber den Finnen nach nur einem Jahr weg

Foto: Motorsport Images

Das Problem: Räikkönen hatte laut Zehnder einen "wasserdichten Dreijahresvertrag" bei Sauber unterschrieben. Doch der Teammanager sagt, dass Sauber keine andere Wahl hatte, als seinen Piloten gehen zu lassen. "Er hat klargestellt, dass er lieber aufhören als weitermachen würde. Entweder geht er zu McLaren oder er hört auf. Das hat er deutlich gemacht."

Zumindest wurde Sauber von McLaren finanziell für den Verlust entschädigt. "Und mit der finanziellen Entschädigung haben wir unseren Windkanal gebaut", sagt er. Der galt lange Zeit als State-of-the-Art und gehört auch heute noch zu den besten Modellen.

Bei Rückkehr 2019 Qualifying-Pace verloren

Doch Räikkönen kam zurück, und zwar 18 Jahre später. 2019 wechselte der Ex-Weltmeister im Spätherbst seiner Karriere noch einmal zu seinem ersten Team zurück, das nun Alfa Romeo hieß und aktuell immer noch heißt.

Zehnder muss zugeben, dass er in einigen Bereichen nicht mehr ganz der Alte war: "Was er verloren hat, war sein Qualifying-Speed", sagt er. "Als er jung war, war er einer der schnellsten Qualifyer", so Zehnder, doch bei Alfa Romeo verlor er das Qualifying-Duell gegen Teamkollege Antonio Giovinazzi zuletzt recht deutlich.

¿pbfsfs_741|Fotostrecke: Karriere-Meilensteine: Kimi Räikkönen|http://www.motorsport-total.com/bilder/strecken/14kimiraikkonenkarriere/1568894458_mst.jpgpb¿"Das ist eine Frage des Alters. Im Alter von 42 kommen die Kurven wohl etwas schneller auf einen zu als mit 20", lacht Zehnder.

Was Räikkönen allerdings nicht verloren habe, sei seine Brillanz im Rennen. "Du sprichst während des Rennens nicht mit Kimi, er macht das alles selbst", so der Teammanager. Noch bevor die Motoreningenieure im Hintergrund entscheiden konnten, welche Motoreneinstellung er verwenden soll, hatte es Räikkönen schon selbst umgesetzt.

"Für mich ist er einer der cleversten Rennfahrer. Er kann Rennen lesen und weiß genau, wann er verteidigen muss, wann er pushen muss und wann es besser ist, jemanden überholen zu lassen", so Zehnder.

Mit Bildmaterial von Sutton.

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