Hat Ferrari die Nase mittlerweile vor McLaren?

Noch liegt McLaren in der Gesamtwertung knapp vor Ferrari, doch die Scuderia zeigte zuletzt die bessere Form und ist auch für das Rennen in Mexiko zuversichtlich

Hat Ferrari die Nase mittlerweile vor McLaren?

Genau wie sich das Duell um den WM-Titel in der Formel 1 zuspitzt, spitzt sich auch das Duell um den dritten Platz bei den Konstrukteuren zu. 254 zu 250,5 Punkte steht es in der Konstrukteurswertung zwischen McLaren und Ferrari. Das heißt, gerade einmal 3,5 Punkte trennen die beiden einstigen Spitzenteams voneinander.

McLaren kann dabei vor allem vom überraschenden Doppelsieg in Monza zehren, ansonsten wäre Ferrari wohl schon vorbeigezogen. Denn die jüngste Formkurve spricht derzeit für die Scuderia. In Austin konnte Ferrari vier Punkte mehr holen und wäre damit beim gleichen Ergebnis in Mexiko vorbei, zuvor in Istanbul konnten die Roten sogar zehn Punkte aufholen.

"Im Moment scheinen sie im Qualifying und im Rennen die Nase vorne zu haben. Das ist so spät in der Saison keine schöne Position", sagt McLarens Lando Norris. "Wir müssen definitiv etwas finden, um ihren Angriff kontern zu können."

In Austin war Ferrari eindeutig das schnellere Auto. Im Qualifying konnte sich die Scuderia mit beiden Fahrzeugen vor McLaren setzen, im Rennen zeigte vor allem Charles Leclerc den guten Speed des Autos und fuhr Daniel Ricciardo fast 25 Sekunden davon.

"Ferrari war ziemlich offensichtlich schneller als wir, auch wenn es vielleicht nicht so aussah, weil Carlos [Sainz] hinter Daniel festhing", sagt Norris, ist aber überzeugt: "Wenn Carlos vor Daniel gewesen wäre, wäre er genauso weggezogen wie Charles."

McLaren: Ferrari hat das schnellere Auto

Mittlerweile geht es beiden Teams nicht mehr primär um ein gutes Ergebnis, sondern vor allem darum, den jeweils anderen zu besiegen. Sollten ein Alpine oder ein AlphaTauri mal vorne mitmischen, ist das nicht so relevant. Der Fokus ist ganz klar auf dem Gegner, auch wenn Ricciardo betont, dass man selbst gar keinen anderen Ansatz verfolge als zuvor.

"Es ist nicht so, dass wir sie jetzt auf andere Weise schlagen oder unser Auto anders so schnell wie möglich machen", sagt der Australier. "Aber die Aufmerksamkeit lag auf ihnen. Beide sind vor mir gestartet, und ich wusste, dass die erste Runde entscheidend sein würde. Darum war ich auch so aufgedreht, nachdem ich Carlos überholt hatte."

Daniel Ricciardo, McLaren MCL35M

Daniel Ricciardo, McLaren MCL35M

Foto: Zak Mauger / Motorsport Images

Somit konnte Riccardo verhindern, dass sich Ferrari schon in Austin den dritten Platz schnappt. Die Frage ist nur: Gelingt das auch den Rest der Saison über?

Noch sind fünf Rennen zu fahren, doch bislang konnte McLaren vorne bleiben, auch wenn die Fahrer glauben, dass Ferrari generell das schnellere Auto hatte: "Sie hatten mehr Polepositions als wir und hatten wohl über den Großteil der Saison das schnellere Auto", sagt Norris. "Aber wir waren in den Rennen besser."

Tatsächlich konnte McLaren am Sonntag eher die Ausrufezeichen setzen: Viermal gelang Norris der Sprung auf das Podest, hinzu kam der Sieg Ricciardos in Monza. Leclerc hatte zwar die beiden Poles in Monaco und Baku, stand aber nur einmal auf dem Podest. Teamkollege Sainz steht auch schon bei drei Podestplätzen, punktet aber eher damit, dass er seit Spielberg immer in den Top 10 war.

Aber: Auch Norris hatte zu Saisonbeginn eine Strähne von zehn Rennen in den Punkten.

Schritt dank neuer Powerunit?

"Mittlerweile haben sie aber einen Schritt gemacht, mit dem sie eine Nasenlänge voraus sind", glaubt Ricciardo. Die Frage ist aber: Wo kommt der her? Eine Vermutung liegt in der neuen Motorenspezifikation, die bei Ferrari nach der Sommerpause eingeführt wurde. Beide Fahrer mussten zwar Strafversetzungen in Kauf nehmen, haben seitdem aber ein Leistungsupgrade.

"Ja, wir haben ein bisschen gewonnen dadurch", gibt Leclerc zu. "Das war genug, um uns in die bestmögliche Position zu bringen. Auch wenn wir uns 2021 auf 2022 fokussieren, hatten wir zwei oder drei Upgrades, die uns jedes Mal besser gemacht haben", vermutet der Monegasse die Ursache in den Verbesserungen.

Und auch Norris glaubt, dass das Motorenupgrade das Pendel noch einmal in Richtung Ferrari hat ausschlagen lassen. Das wurde für ihn vor allem in Austin sichtbar: "Im ersten, zweiten und dritten Training waren wir noch gut dabei, aber dann - ich weiß nicht, ob sie sich etwas aufgespart haben -, haben sie uns im Qualifying immer ein bisschen mehr abgenommen."

Zwar sei der Ferrari nicht überall schneller, dafür aber konstanter und etwas fahrbarer, meint der Brite. Das sei ihm vor allem im Wind aufgefallen, als es für die McLaren-Piloten leichter war, Fehler zu machen. "Bei ihnen schien das viel einfacher zu sein", sagt er.

Ferrari-Teamchef Mattia Binotto sieht McLaren in mittelschnellen und schnellen Kurven noch vorne, Ferraris Pace in Austin sei aber generell deutlich schneller gewesen als die von der Konkurrenz.

Binotto: Austin lag Ferrari gar nicht

Was ihn dabei vor allem freut: "Auf dem Papier lag die Strecke unserem Auto eigentlich gar nicht", so Binotto. "Das gibt mir Zuversicht für die kommenden Rennen." Schon in Mexiko am übernächsten Wochenende rechnet er wieder mit einem starken Auftritt.

Denn in der Höhe müssen die Teams auf eine Menge Abtrieb am Auto setzen, um die fehlende Luft auszugleichen. Zudem schadet die dünne Luft den starken Mercedes-Motoren wohl mehr als den Ferrari-Aggregaten. "Die Strecke wird uns mehr liegen als Austin", kündigt er an.

Charles Leclerc, Ferrari SF21

Charles Leclerc, Ferrari SF21

Foto: Charles Coates / Motorsport Images

Gut möglich, dass die Ausgangslage nach Mexiko wechselt und Ferrari vom Jäger zum Gejagten wird. McLaren muss also aufpassen, Sorgen macht sich Teamchef Andreas Seidl aber keine: "Das hilft weder mir, noch dem Team", winkt er ab.

"Es ist einfach wichtig, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren. Wir wissen, dass es beim Auto und beim Motor keine Updates mehr geben wird", so der Deutsche. "Wir wissen, dass noch Strecken kommen werden, die uns in die Hände spielen, aber auch Strecken, auf denen wir Probleme bekommen werden im Vergleich zu Ferrari."

"Daher ist es wichtig, dass wir an jedem Wochenende das Maximum aus unseren vorhandenen Mitteln holen, saubere Wochenenden und saubere Rennen haben und auch eine gute Strategie", sagt er weiter. "Und das reicht dann hoffentlich aus, um bis zur letzten Runde von Abu Dhabi gegen sie zu kämpfen."

Ferrari vs. McLaren: "Historisches Duell"

Am Ende des Jahres geht es nicht nur um viele Millionen an Preisgeld, sondern auch um Prestige. Denn den Kampf zwischen McLaren und Ferrari kennen viele Fans vor allem als Duell um die ganz großen Erfolge und Pokale.

Und es ist das Duell des einstmals beliebtesten und wohl immer noch bekanntesten Formel-1-Team mit dem aktuell beliebtesten Rennstall, wenn es nach der jüngsten Formel-1-Umfrage geht.

"Vielleicht interessiert es die Leute dadurch etwas mehr", meint Norris. "McLaren und Ferrari sind zwei der größten Teams in diesem Sport. Von daher ist es cool, so ein historisches Duell zu haben."

Weiterer Co-Autor: Adam Cooper, Alex Kalinauckas. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

geteilte inhalte
kommentare
Rennen für Rennen: Das WM-Duell 2021 zwischen Hamilton und Verstappen
Vorheriger Artikel

Rennen für Rennen: Das WM-Duell 2021 zwischen Hamilton und Verstappen

Nächster Artikel

Formel-1-Liveticker: Mercedes erklärt Strategie-Dilemma in Austin

Formel-1-Liveticker: Mercedes erklärt Strategie-Dilemma in Austin
Kommentare laden