"Im Kreis gedreht": Wie Mercedes in Austin vom Kurs abgekommen ist

Austin hat's bewiesen: Zwischen Red Bull und Mercedes können schon allerkleinste Nuancen den Unterschied zwischen Sieg oder Niederlage bedeuten

"Im Kreis gedreht": Wie Mercedes in Austin vom Kurs abgekommen ist

Es sind oft kleinste Nuancen, die in der Formel-1-WM 2021 zwischen Red Bull und Mercedes einen entscheidenden Unterschied darstellen - und die können sogar ein ganzes Rennwochenende kippen lassen. Ein gutes Beispiel dafür war der Grand Prix der USA in Austin, wo Mercedes einen perfekten Start erwischte und am Ende trotzdem Max Verstappen gewann.

Im ersten Freien Training lagen Valtteri Bottas und Lewis Hamilton souverän an der Spitze und hatten eine Sekunde Vorsprung auf Verstappen. Doch danach drehte das Kräfteverhältnis. Dafür gab es mehrere Gründe bei beiden Teams.

Auf Mercedes-Seite war die Performance beim Trainingsauftakt im Nachhinein betrachtet wohl nicht ganz repräsentativ. "Wir sahen gut aus und dachten, wir seien richtig gut in Form", erklärt Andrew Shovlin, der Leiter des Mercedes-Ingenieursteams an der Rennstrecke. "Allerdings wussten wir, dass wir unsere Powerunit zu dem Zeitpunkt schon ziemlich stark aufgedreht hatten."

"Max bekam zudem keine saubere Runde hin, er hatte Probleme mit Verkehr. So gesehen waren wir etwas zu optimistisch. Vielleicht ist 'optimistisch' das das falsche Wort - aber wir hatten das Gefühl, sehr gut ins Wochenende gestartet zu sein. Das zweite Training war dann schon ein realistischeres Bild davon, wo wir wirklich standen", sagt Shovlin.

Ab FT2: Red Bull entwickelt schneller weiter

Im zweiten Freien Training fuhr Sergio Perez Bestzeit, und Hamilton hatte als Dritter 0,364 Sekunden Rückstand. Verstappen schaffte wieder keine saubere Runde und lag mit 0,878 Sekunden Rückstand auf Rang acht.

Bei Mercedes war die aufgedrehte Powerunit in FT1 nicht der einzige Grund, warum die Steigerung danach moderater ausfiel als bei Red Bull. Teamchef Toto Wolff deutete schon am Samstag an, dass man nach dem Freitag "präventiv" Maßnahmen setzen musste, "damit das Auto nicht massakriert wird". Stichwort Bodenwellen.

"Am Freitagmorgen wurde uns klar, dass das Auto zu stark am Boden aufsitzt. Also mussten wir ein bisschen höher gehen", bestätigt der Österreicher. "Es gibt aber nie den einen Grund, warum du plötzlich Performance verlierst. Es sind immer die Zusammenhänge zwischen mehreren Entscheidungen in Sachen Set-Up, die den Unterschied machen."

Letztendlich habe man sich "im Kreis gedreht", gibt Wolff zu: "Wir müssen im Nachhinein verstehen, was wir besser hätten machen können." Shovlin ergänzt: "Es war nicht so, dass wir schlechte Set-up-Entscheidungen getroffen haben. Aber es wurde wärmer und ein bisschen windiger, und damit taten wir uns schwer. Das Bild aus dem zweiten Training war dann das, was wir auch am Samstag und Sonntag vorfanden."

Shovlin will das aber nicht nur auf die Bodenwellen schieben und die Notwendigkeit, das Auto höher einzustellen, was für die Performance nachteilig ist: "Schwer zu sagen, ob die Bodenwellen für uns das größere Thema waren als für Red Bull. Sie hatten einfach ein besseres Heck. Und wenn das Heck nicht hält, überhitzt du die Reifen. Grip im Heck ist dein Freund. Da scheinen sie ein sehr starkes Auto zu haben."

Letztendlich waren die Fortschritte von Mercedes in Sachen Set-up im Verlauf des Wochenendes einfach zu gering. "Es gab eigentlich kein großes Problem", bestätigt Hamilton. "Stimmt schon, die Strecke hat viele Bodenwellen. Aber es war unterm Strich so, dass wir zu dem zurückgegangen sind, wie wir ins Wochenende gestartet waren. Ich glaube nicht, dass das ein großes Thema war."

Wolff warnt: So schnell kann's gehen ...

Auch Wolff warnt davor, nur einen Grund in der Analyse zu bewerten: "Wir müssen vorsichtig sein, dass wir nicht zwischen Euphorie und Depression hin und her schwanken", sagt er. "Wir müssen stattdessen analytisch vorgehen und verstehen, warum wir nach dem Freitag nicht mehr wirklich vorangekommen sind."

"Da dachten alle: 'Eure Jungs dominieren, und was soll Red Bull dagegen tun?' 24 Stunden später sah es genau andersrum aus. Ich denke, es geht darum, unser Produkt maximal auszuschöpfen. Das Auto ist ein Produkt, das wir feintunen müssen. Wie holen wir die bestmögliche Performance raus? Das macht den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage."

Parallel dazu verlief die Formkurve bei Red Bull genau entgegengesetzt: "Sie sind einfach schneller geworden. Keine Ahnung warum", rätselt Hamilton. Verstappen antwortet: "Wir haben ein besseres Set-up gefunden. Im Rennen sind wir dann auf eine aggressive Strategie gegangen. Aber wenn es zwischen zwei Teams so eng zugeht, kann's halt ganz schnell drehen."

Red-Bull-Teamchef Christian Horner bestätigt: "Ich glaube wirklich, dass wir am Freitag noch nicht optimal aufgestellt waren, und ich glaube auch, dass Mercedes die Leistung weiter aufgedreht hatte als wir. Wir haben mit dem Auto zunächst kein gutes Fenster gefunden. Aber die Ingenieure haben dann einen tollen Job gemacht und ein besseres Fenster entdeckt."

Das zeigt, wie eng es zwischen Red Bull und Mercedes in der Schlussphase der Formel-1-WM 2021 zugeht. Das Kräfteverhältnis kann nicht mehr nur von Strecke zu Strecke drehen, sondern kann auch im Qualifying ein ganz anderes sein als noch im ersten Freitagstraining - wie man in Austin eindrucksvoll gesehen hat ...

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Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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