"Kirche im Dorf lassen": Andreas Seidl bleibt nach Doppelsieg zurückhaltend

Keine Spur von großen Emotionen: Andreas Seidl freut sich zwar über McLarens Doppelsieg in Monza, weiß aber, dass McLarens weg noch weit ist

"Kirche im Dorf lassen": Andreas Seidl bleibt nach Doppelsieg zurückhaltend

Andreas Seidl gilt nicht als Mann großer Worte, sondern als konzentrierter Arbeiter. Und so war es dann auch wenig verwunderlich, dass er im Online-Mediengespräch nach dem McLaren-Doppelsieg in Monza keine emotionalen Ausbrüche zeigte, sondern seinen ersten Grand-Prix-Sieg als Teamchef ganz nüchtern und trocken analysierte.

"Wir müssen jetzt aufpassen, dass wir die Kirche im Dorf lassen, denn vor einer Woche in Zandvoort wurden wir noch total zerstört. Umso mehr müssen wir hart daran arbeiten, in Zukunft wieder in diese Situation zu kommen", warnt Seidl davor, McLaren nach der Sternstunde von Monza gleich in den elitären Kreis der Topteams aufzunehmen.

Dabei war der Sieg kein Zufall. Eine Woche zuvor, in Zandvoort, hatte McLaren das Rennen auf den Positionen zehn und elf beendet. Beim Grand Prix von Italien hingegen führte Daniel Ricciardo schon aus eigener Kraft, als sich hinter ihm Lewis Hamilton und Max Verstappen, seine wahrscheinlich gefährlichsten Gegner, gegenseitig aus dem Rennen nahmen.

"Nach den Leistungen am Freitag und im Sprint wussten wir schon, dass wir eine Chance haben, wenn wir die schnelleren Autos von Lewis und Max hinter uns halten können", verrät Seidl. "Uns war klar, dass es für die schwierig wird, an uns dranzubleiben und zu überholen. Und so ist es am Ende ja auch gekommen."

Seidl: Lob für das Team im Vordergrund

"Ich bin beeindruckt, wie das Team und Daniel unter Druck abgeliefert haben. Wir hatten aber auch ein konkurrenzfähiges Auto und wussten um die Chance, dass viele Punkte möglich sein könnten. Selbst ohne den Crash haben wir das Rennen gut kontrolliert. Die Abstände hinter Daniel und Lando hatten wir im Griff. Und Boxenstopps, Reifenmanagement und Strategie haben genau gepasst."

 

Dass Ricciardo ganz zum Schluss auch noch die schnellste Runde gefahren ist, hatte Seidl bei seinem Medientermin noch gar nicht auf dem Zettel: "Ist er die schnellste Runde gefahren? Wirklich?" Nur um dann ganz pragmatisch festzuhalten: "Sehr gut. Ein weiterer Punkt." 45 Punkte an einem Wochenende sind übrigens neuer Formel-1-Rekord (Saisonfinale 2014 mit doppelten Punkten in Abu Dhabi einmal ausgenommen). Das Sprintformat macht's möglich.

Aber Seidl bleibt geerdet, wenn er sagt: "Was ich an Mercedes und Red Bull so respektiere, ist, dass sie ein Auto haben, mit dem sie jedes einzelne Wochenende um den Sieg kämpfen können. Auf diese Jungs haben wir schon noch Rückstand. Ein Doppelsieg ist ein sensationelles Ergebnis. Aber nochmal: Sieben Tage davor wurden wir in Zandvoort total zerstört. Wir sind immer noch hinten."

"Tage wie heute", räumt er immerhin ein, "sind die beste Motivation, genauso fleißig weiterzuarbeiten. Ich freue mich sehr, dass Daniel seit der Sommerpause Fortschritte gemacht hat, und Lando ist sowieso in unglaublicher Form. Das ist genau der Antrieb, den wir brauchen, wenn wir den Kampf gegen Ferrari gewinnen und wieder an die Spitze der Formel 1 kommen wollen."

Das erste Zwischenziel, nämlich den dritten Platz in der Konstrukteurs-WM erfolgreich zu verteidigen, ist mit dem Doppelsieg in Monza wieder in greifbare Nähe gerückt. McLaren hat jetzt 215 Punkte auf dem Konto und ist damit an Ferrari vorbeigezogen. Die Italiener halten nach 14 von geplanten 23 Rennen bei 201,5 Punkten.

Alle haben gewonnen - nur McLaren nicht!

Alpine (95 Punkte), AlphaTauri (84) und Aston Martin (ehemals Racing Point, 59) haben da klar das Nachsehen - hatten aber vor Monza, anders als McLaren, allesamt kürzlich Rennen gewonnen: Alpine mit Esteban Ocon in Budapest, AlphaTauri mit Pierre Gasly vor einem Jahr in Monza, Racing Point Ende 2020 mit Sergio Perez in Bahrain.

"Für mich ist es nicht frustrierend, wenn andere gewinnen. Wenn du ein Rennen gewinnst, hast du den Sieg letztendlich auch verdient", winkt Seidl ab. Viel wichtiger als einzelne Sternstunden ist ihm ohnedies, "als Team kontinuierlich Fortschritte zu machen. Denn wir wollen da hinkommen, dass wir jedes Wochenende aus eigener Kraft gewinnen können."

Dann merkt man Seidl die Bedeutung des Moments doch noch an, als er sagt, dass der Rennsonntag in Monza 2021 für immer "unvergesslich" bleiben werde. "Und zwar für das ganze Team: das Rennteam, die Leute in der Fabrik, für Daniel, für Lando, für all unsere Kollegen bei Mercedes, die auch hart am Erfolg arbeiten."

"Es ist wichtig, diese Momente dann auch zu feiern, denn für uns passieren die nicht so oft", grinst er. Wie dann gefeiert wurde, das entzieht sich unserer Kenntnis. Der McLaren-Teamchef hatte aber auch die Journalisten im Spaß eingeladen. Man könne sich ja einwählen und virtuell ein Bier mittrinken, schlug er am Ende seines Zoom-Medienmeetings vor.

Auf die Frage von 'Motorsport.com', wo dieser Tag neben den Siegen bei den 24 Stunden von Le Mans und den WM-Titeln auf der Langstrecke mit Porsche steht, antwortet Seidl bescheiden: "Es geht heute nicht um mich, sondern es geht ums McLaren-Team, und damit meine ich jeden einzelnen Mitarbeiter, der beim McLaren-Team arbeitet."

"Das ist, was ich an diesem Sport so liebe, wenn die Leute in der Fabrik und in der Box nach einem Rennen happy sind. Das motiviert mich. Ein Sieg in Monza ist etwas Besonderes. Und die Art und Weise, wie wir ihn geholt haben, ist auch besonders. Ich bin mir sicher, ich werde noch darüber nachdenken, was mir dieser Sieg bedeutet. Vielleicht bei einem Bier, irgendwann mal."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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