Kommentar

Formel 1 GP Abu Dhabi

Kommentar: Warum Hamiltons Verhalten für Mercedes 2017 zum Problem wird

Beim Finale der Formel-1-Saison 2016 in Abu Dhabi hat Lewis Hamilton mehrfach direkte Anweisungen seines Mercedes-Teams ignoriert. Jonathon Noble schreibt darüber, was das für die Zukunft bedeuten kann.

Jonathan Noble

Jonathan Noble

Bearbeitet: 30.11.2016, 10:40

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Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 im Parc Ferme

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 und Nico Rosberg, Mercedes AMG F1

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid führt beim Start zum Rennen

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid vor  Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid;  Sebastian

Zielflagge für Sieger Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid und den 2, und neuen Weltmeister Ni

Podium: 1. Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1; 2. Nico Rosberg, Mercedes AMG F1

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid; Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Toto Wolff, Mercedes AMG F1 Anteilseigner und Geschäftsführer

Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid feiert seinen 2. Platz und den WM-Titel nach dem Rennen

Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W06, beim Boxenstopp

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid, überholt Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid, und Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid, und Daniel Ricciardo, Red Bull Racing RB12

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid mit Toto Wolff, Mercedes AMG F1 Sportchef

Boxenstopp: Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1

Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 mit Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 in der FIA Pressekonferenz

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Podium: 2. Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 feiert seinen WM-Titel mit Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid

Sieger Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 mit Nico Rosberg, Mercedes AMG F1 im Parc Ferme

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1 W07 Hybrid führt beim Start zum Rennen

Lewis Hamilton, Mercedes AMG F1; Max Verstappen, Red Bull Racing

Nein, eine Teamorder ist in der Formel 1 alles andere als beliebt. Und die Fans schreien nicht gerade hurra, wenn der Kommandostand eines Rennstalls Einfluss nimmt auf das Geschehen auf der Rennstrecke.

Doch das Thema Stallregie war schon immer ein notwendiges Übel im Motorsport und wird es auch immer sein – etwa mit dem Kommando, die Positionen zu halten. Oder, wie in Abu Dhabi, mit der Anweisung, schneller zu fahren, weil sonst ein Angriff von hinten erfolgen könnte.

Und solange ein Team aus 2 Fahrer besteht, wird es unweigerlich immer wieder zu Situationen kommen, in denen ein Interessenskonflikt zwischen dem fahrenden Personal und der Teamführung entsteht.

Hamilton widersetzt sich den Anweisungen

Eine solche Situation haben wir beim Formel-1-Finale in Abu Dhabi erlebt. Hamilton wurde von der Boxenmauer aus aufgefordert, sein Tempo zu erhöhen – aus Sorge, Sebastian Vettel würde von hinten attackieren und das Rennen gewinnen. Hamiltons Reaktion auf diese Anweisung spaltet die Meinung von Experten und Fans gleichermaßen.

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Auf der einen Seite stehen diejenigen, die glauben, Hamilton habe das absolut Richtige getan. Denn als Racer und als Führender im Rennen sei es sein Recht, das Tempo vorzugeben. Schließlich habe er nur so eine Chance darauf gehabt, Weltmeister zu werden.

Andererseits gibt es da die Ansicht, Hamilton habe sich zickig und egoistisch verhalten. Er habe seine eigenen Interessen über die des Teams gestellt. Denn Mercedes war einzig und alleine darauf konzentriert, das Rennen zu gewinnen.

Beide Argumente sind vollkommen stichhaltig und vertretbar. Es gibt hier kein klares Richtig und kein klares Falsch. Es gibt nur 2 unterschiedliche Meinungen zu dieser Situation.

Rebellion gegen die Spielregeln des Teams

Doch Hamiltons Verhalten ist mehr als nur eine einmalige Taktik, um doch noch den Titel zu gewinnen. Es war nicht nur sein persönliches Streben nach dem WM-Triumph. Er stellte damit auch die Philosophie von Mercedes in Frage, mit der das Team seit dem Beginn der Formel-1-Saison 2014 operierte. Damals war klar geworden: Beide Mercedes-Fahrer würden um den Titel kämpfen.

Seither und bis einschließlich des vergangenen Wochenendes in Abu Dhabi gab es strenge Verhaltensregeln, die sowohl Hamilton als auch Rosberg akzeptiert haben. Diese Spielregeln haben Hamilton in der Vergangenheit genauso geholfen wie er nun den Eindruck hat, die Anweisung vom Sonntag habe ihm geschadet.

Es ist ein Irrglaube, dass beide Fahrer im Rennen tun und lassen können, was sie wollen. Denn es braucht klare Spielregeln und Vereinbarungen, damit sie ihre Rivalität so frei wie möglich, aber auch so fair wie möglich austragen können, ohne den Interessen des Teams zu widersprechen.

Das Vorgehen beim Boxenstopp

Eine dieser Vereinbarungen betrifft zum Beispiel das Timing der Boxenstopps. Seit 2014 gilt bei Mercedes: Wer im Rennen vor dem Teamkollegen liegt, hat ein Vorrecht auf die ideale Boxenstopp-Strategie. Das soll verhindern, dass er beim Boxenstopp vom anderen Auto überholt werden kann.

Ohne diese Vereinbarung würden die Mercedes-Piloten andauernd darum kämpfen, wer zuerst (oder als 2.) in die Box kommen darf – je nach dem, was besser ist.

Dürften die Fahrer frei entscheiden, wann der Zeitpunkt für einen Boxenstopp gekommen ist, würden sie es sicherlich auf die Spitze treiben. Sie würden bewusst eine falsche Strategie wählen, nur um einen Vorteil gegenüber dem anderen Fahrzeug zu erhalten. Das wiederum aber würde der Konkurrenz Tür und Tor öffnen, die ideale Taktik zu verwenden und den Sieg abzustauben.

Die Boxenstopp-Vereinbarung galt auch in Abu Dhabi, wie zuvor bei den 20 anderen Formel-1-Rennen 2016. Und man kann sich wohl denken, was los gewesen wäre, wenn Rosberg auf einmal beim 2. Boxenstopp als Erster zum Service vorgefahren wäre, den Undercut geschafft und die WM mit einem Sieg gewonnen hätte.

Wäre so etwas ebenso in Ordnung wie Hamiltons Ignoranz der Anweisung, schneller zu fahren? Unterm Strich ist es doch das letzte Saisonrennen und jeder fährt für sich selbst – oder nicht?

Nun, Hamilton war in der Anfangsphase des Rennens sicherlich einverstanden mit den Spielregeln. Denn sie haben ihm zur besseren Boxenstrategie verholfen. So hatte er die Garantie, die Führung beim Reifenwechsel nicht zu verlieren. Doch als diese Garantie mit seinen eigenen Titelambitionen in Konflikt geriet, war er auf einmal nicht mehr so begeistert davon…

Was Egoisimus auf der Strecke bedeuten kann

Jetzt kann man natürlich die Frage stellen: Ist das Missachten von Anweisungen des Kommandostands in einem Finalrennen eher vertretbar als in jedem anderen Rennen der Meisterschaft, wo es nicht um den Titel, sondern "nur" um Punkte geht?

Nehmen wir Monaco 2016 als Beispiel: Hamilton hing nach den Boxenstopps hinter dem langsameren Rosberg fest. Bei Mercedes läuteten die Alarmglocken, dass das Team Gefahr lief, den Rennsieg an Daniel Ricciardo zu verlieren.

Und dann kam die Anweisung an Rosberg, dem zu diesem Zeitpunkt Führenden in der Fahrerwertung, seinen Titelrivalen Hamilton überholen zu lassen. Er zögerte nicht lange und machte Platz – und machte damit den Weg frei für Hamilton, der schlussendlich das Rennen gewann.

Hätte Rosberg auf stur geschaltet und Hamilton bis zur Zielflagge hinter sich gehalten, hätte er im Saisonverlauf genug Punkte gesammelt, dass die Titelentscheidung gar nicht erst in Abu Dhabi gefallen wäre – sondern früher.

Hätten die Fans ein solches Verhalten von Rosberg ebenso verteidigt wie Hamiltons Verhalten in Abu Dhabi?

Wie reagiert Mercedes?

Die großen "philosophischen" Auswirkungen der Ereignisse vom Sonntag sind der Grund dafür, weshalb die Teamführung von Mercedes so frustriert reagiert hat. Denn indem er die Spielregeln des Teams missachtet hat, hat Hamilton an den über 3 Jahren hinweg bestehenden Grundwerten des Mercedes-Werksteams gerüttelt.

Sollte nun Rosberg seinerseits den Sturkopf spielen, wenn künftig einmal die Anweisung kommt, er soll Hamilton passieren lassen? Oder sollte er vielleicht der Versuchung erliegen, den Undercut zu probieren, auch wenn er an 2. Stelle liegt? Nach Abu Dhabi ist die Situation jedenfalls nicht mehr glasklar.

Es gibt keine klare Antwort darauf. Deshalb kommt es nicht überraschend, dass Mercedes nach wie vor über eine Reaktion nachdenkt.

Aber schlagt Euch Folgendes schon mal aus dem Kopf: Es wird keine größere Disziplinarstrafe gegen Hamilton geben. Und Mercedes wird auch keine Politik der "freien Fahrt für alle", die künftige Rennsiege gefährden könnte, ausrufen.

Sollte sich Mercedes jedoch dazu entscheiden, nicht mehr mit den bisherigen Spielregeln weitermachen zu können und noch mehr Anweisungen geben zu müssen, dann wären wir alle die großen Verlierer der Ereignisse von Abu Dhabi.

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