Kommentar: Warum Netflix' künstlerische Freiheit kein Problem ist

Luke Smith erklärt, weshalb die Formel 1 sogar davon profitiert, dass sich Netflix bei der Serie "Drive to Survive" gewisse künstlerische Freiheiten nimmt

Kommentar: Warum Netflix' künstlerische Freiheit kein Problem ist

Liebe Leser,

der USA-Grand-Prix 2021 in Austin markiert einen wichtigen Meilenstein für die Formel 1 in Amerika. 16 Jahre nach dem Fiasko in Indianapolis, dem absoluten Tiefpunkt der Formel 1 in den Vereinigten Staaten, fuhr die Rennserie in Austin vor ausverkauftem Haus.

Die Formel 1 war bereits vor 2021 in Amerika im Kommen gewesen, schon seit der Rückkehr des US-Rennens in der Saison 2012. Doch unter den amerikanischen Eigentümern von Liberty Media hat dieser Trend in den vergangenen fünf Jahren noch einmal stark zugenommen. Nun folgt ein zweites US-Rennen für 2022, in Miami. Und man denkt auch schon an einen möglichen dritten Grand Prix in den USA. Die Formel 1 steht dort so hoch im Kurs wie nie zuvor.

Was die Formel 1 Netflix zu verdanken hat

Vieles davon geht zurück auf die erfolgreiche Netflix-Serie "Drive to Survive". Damit wurde die Schwelle gesenkt, um neue Fans für die Formel 1 zu begeistern. Die Rennserie hat in der Tat viele neue Fans gewonnen, vor allem in den Vereinigten Staaten.

Bobby Epstein als Streckenchef in Austin macht keinen Hehl aus dem Einfluss der Netflix-Serie auf das Rennen in Austin: Der USA-Grand-Prix 2021 war ausverkauft. Nachdem das Rennen 2020 aufgrund der Coronakrise ausgefallen war, erzielte die Serie rund um die Welt neue Zuschauerrekorde.

Warum Verstappen nicht mehr mitspielen will

Deshalb ist es fast schon kurios, dass diese Woche vor allem über die Schattenseiten von "Drive to Survive" gesprochen wurde. Angezettelt hatte das Max Verstappen in einem Interview mit der 'Associated Press' vor dem Rennwochenende in Austin.

Verstappen sagte: "Ich als Fahrer will da nicht [mehr] mitmachen. Da wurden ein paar Rivalitäten künstlich geschaffen, die es in der Realität gar nicht gibt. Deshalb habe ich beschlossen, nicht mehr dabei zu sein und auch keine Interviews mehr zu geben. Denn dann gibt es nichts mehr, was man zeigen könnte."

Es stimmt: Netflix schafft künstliches Drama

Natürlich hat Verstappens Punkt seine Berechtigung. Ein Beispiel: In der jüngsten Staffel ging es um die 2020er-Saison. In einer Folge konzentrierte sich das Geschehen auf McLaren und die Dynamik zwischen Carlos Sainz und Lando Norris. Das Teamduell wurde als tief verwurzelte Rivalität dargestellt, die nach der Bekanntgabe des Wechsels von Sainz zu Ferrari völlig zu eskalieren schien.

Sainz war damit schon wiederholt in eine solche Rivalität verstrickt: In der zweiten Staffel hatte sich Netflix auf sein Duell mit Daniel Ricciardo im vorderen Mittelfeld gestürzt.

Netflix hat aber auch noch weitere Themen aufgebauscht, um eine bessere und dramatische Story erzählen zu können. Zum Beispiel, wie der Boxenfunk dargestellt wird, die Kämpfe in der Konstrukteurswertung oder Fahrerwechsel. Man denke nur daran, wie Christian Horner am Ende der dritten Staffel Sergio Perez angerufen hat, um ihn bei Red Bull willkommen zu heißen. Solche Szenen sind nicht immer akurat und dürften manche Formel-1-Fans irritieren.

Der Spin-off der etwas anderen Art ...

Die Art und Weise, wie Rivalitäten künstlich aufgebauscht werden, geistert inzwischen sogar als Meme durch die sozialen Netzwerke. Bei den vielen Zwischenfällen in diesem Jahr hieß es von Seiten der Fans mitunter: "Was Netflix daraus machen wird." Videos mit solchen Inhalten erzielen hunderttausende Aufrufe auf YouTube. Sie sind extrem überzogen, aber clever geschnitten, und sie unterhalten die Fans.

Das passt zu Verstappens Aussagen. Im angesprochenen Interview mit der 'Associated Press' verwies Verstappen unter anderem auf eine Szene von nach dem Qualifying in Imola, wo er auf Lewis Hamilton getroffen ist. Er sagt in dieser Szene: "Wahrscheinlich wird das dann drin sein."

Ist Netflix also zu weit gegangen?

Also stellt sich die Frage: Ist Netflix mit seiner künstlerischen Freiheit in "Drive to Survive" zu weit gegangen? Zumal, wenn sich der aktuelle WM-Spitzenreiter nicht mehr länger an der Serie beteiligen will?

An dieser Stelle darf man nicht vergessen, was eigentlich Sinn und Zweck der Serie ist. Formel-1-Fans, die sich einen völlig korrekten Saisonrückblick davon versprechen, dürften längst verstanden haben, dass das nicht das ist, was "Drive to Survive" bieten will.

In der Serie geht es einzig und alleine darum, Persönlichkeiten und Charaktere in den Vordergrund zu rücken, sie zugänglicher zu machen für den allgemeinen Sportfan. Außerdem will man etwas zeigen, was auch für Insider-Fans interessant sein könnte.

Was die Netflix-Serie eigentlich leisten soll

Denn wie der Name schon sagt: "Drive to Survive". Man muss sich nur einmal vergegenwärtigen, was das eigentlich bedeutet. Ja, Motorsport ist gefährlich. Das wissen wir alle. Doch das ist nichts, was dem geneigten Zuschauer bewusst ist, wenn er sich ein Rennen ansieht. Da geht es vorrangig um den Wettbewerb.

Um aber ein größeres Publikum zu erschließen, wird der Risikofaktor in "Drive to Survive" bewusst hervorgehoben. Denn welche andere Sportart kann schon sowas vorweisen? Deshalb werden Unfälle oft dramatisiert, zusätzliche Soundeffekte inklusive.

Verstappen ist im Prinzip der einzige Formel-1-Fahrer, der sich an dieser Art der Darstellung der Formel 1 stört. Sein Red-Bull-Teamkollege Sergio Perez etwa meint: "Ja, da wird künstlich Drama geschaffen. Der Sport wird ein bisschen als Drama verkauft. Ich kann mir vorstellen, dass man damit eine Show bietet. Unterm Strich ist es aber gut für die Formel 1 und gut für die Fans. Ich bin happy damit."

Das Zielpublikum? Neue Fans!

Auch Lando Norris von McLaren gibt an, sich mit der Serie arrangiert zu haben. "Du kannst ja auch viele Dinge bestimmen, die am Ende drin oder nicht drin sein werden", sagt er. "Ich halte die Serie für eine coole Sache. Vor allem in Amerika. Dort gibt es jetzt so viele Fans, die sich für die Formel 1 interessieren, weil sie 'Drive to Survive' gesehen haben. Und ich denke, ich komme darin ganz okay rüber."

McLaren-Boss Zak Brown hat sich schon oft positiv über die Netflix-Serie geäußert. Tenor: "Sie spricht eine jüngere Fanschicht an und insgesamt ein breiteres Publikum. Das hat in Amerika wirklich einen Einfluss genommen."

"Ich halte die Serie für insgesamt faktentreu, mit ein bisschen Drama drübergestreut. So ist halt das Fernsehgeschäft. Und damit macht die Serie genau das, was wir von ihr erwarten: Sie verschafft uns neue Fans. Daher glaube ich, die Serie ist unheimlich erfolgreich."

Netflix will keinen Saisonrückblick bieten

Mit diesen Äußerungen trifft Brown ins Schwarze. Es wird an manchen Stellen dramatisiert, was Hardcore-Formel-1-Fans missfallen dürfte. Doch die Wahrheit ist: Diese Insider-Fans sind nicht das Zielpublikum von "Drive to Survive". Nochmals: Die Serie soll kein Saisonrückblick sein.

Mercedes war einst auch skeptisch, welchen Einfluss Netflix nehmen könnte. Man hielt die Serie für eine Ablenkung, als 2018 die erste Staffel abgefilmt wurde. Toto Wolff erkannte aber rasch, wie viel Mehrwert damit generiert wird und dass man das ausnutzen musste.

Er sagte dann: "Anfangs waren wir nicht so begeistert von Netflix, weil wir uns auf unsere Leistung auf der Rennstrecke konzentrieren wollten. Aber: Damit lag ich falsch. Die Serie ist klarerweise ein großer Erfolg. Rund um die Welt war sie für einige Zeit die beliebteste Dokumentation auf Netflix. Sie ist jetzt ein Teil der Formel 1. Und man sieht eindeutig, welche Vorteile sie uns bringt."

"Wir sind ein Sport und wir müssen den Werten des Sports treu bleiben, ohne Gimmicks. Aber: Sport ist auch Unterhaltung. Und die Netflix-Leute haben einen neuen Blickwinkel reingebracht, eine neue Dimension."

Mal andere Dimensionen der Formel 1 aufzeigen

Ich selbst habe zu Jahresbeginn mit einem der Produzenten von "Drive to Survive" gesprochen, unter anderem über den Einfluss der Serie auf die Vereinigten Staaten. Der Produzent erzählte dann, wie er vor einigen Jahren eine amerikanische Familie getroffen hatte, in einem Hotel in Austin. Die Familie sei Fan geworden von Esteban Ocon, obwohl sie sich davor nicht für die Formel 1 interessiert hatte. Doch Ocon hatte in der ersten Staffel viel Raum eingenommen, weil er für 2019 keinen Stammplatz mehr fand.

In Austin erklärte Ocon selbst, er müsse sich bei Netflix für die Rettung seiner Formel-1-Karriere bedanken. "Da hat man einen Eindruck von mir gekriegt, als ich kein Cockpit hatte. Die Leute konnten sehen, wie entschlossen ich war, wieder zu fahren", so meint er. "Das hat wahrscheinlich dabei geholfen, meine Karriere neu zu beleben. Ich finde es einfach großartig, dass man heute diesen Zugang hat."

Mit 140.000 Zuschauern war Austin am Wochenende bis auf den letzten Platz besetzt. Die Atmosphäre war gigantisch. Und da kann man schon mal akzeptieren, dass sich Netflix bei "Drive to Survive" gewisse Freiheiten nimmt, wenn am Ende die Vorteile davon die Bedenken überwiegen.

Und genau wie ohne Hamilton und Mercedes in der ersten Staffel, so wird "Drive to Survive" der Formel 1 auch weiterhin neue Fans verschaffen - mit oder ohne Verstappen.

Ihr

Luke Smith

Mit Bildmaterial von Netflix/MSN.

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