Kontrollfreak, Schwätzer, Theaterdame: Neuer Höhepunkt im Krieg der Worte

Die Psychospielchen zwischen Christian Horner und Toto Wolff erreichen in der Schlussphase der Formel-1-WM 2021 einen (vorläufigen?) neuen Höhepunkt

Kontrollfreak, Schwätzer, Theaterdame: Neuer Höhepunkt im Krieg der Worte

Während Max Verstappen und Lewis Hamilton auf der Rennstrecke für elektrisierenden Motorsport sorgen, sorgen ihre Teamchefs im Paddock für einen mindestens genauso unterhaltsamen Krieg der Worte. Das Geplänkel zwischen Christian Horner (Red Bull) und Toto Wolff (Mercedes) zieht sich seit Monaten hin - und erreicht fünf Rennen vor Ende der Formel-1-Saison 2021 zumindest einen vorläufigen Höhepunkt.

Es waren noch nie direkte Attacken, die die beiden einander an den Kopf geworfen haben. Aber das smarte Spiel mit kleinen Seitenhieben und gezielt gesetzten Nadelstichen, immer garniert mit einem freundlichen Augenzwinkern (von dem man sich nie ganz sicher sein kann, ob es wirklich so freundlich gemeint ist), beherrschen sie perfekt.

Horner hat Wolff in diesem Jahr bereits als "Kontrollfreak", der "besser den Mund halten sollte", bezeichnet, woraufhin Wolff meinte, Horner sei ein "Schwätzer", der sich vor jede Kamera drängt. Das wiederum fand Horner amüsant, sodass sein Konter nicht lang auf sich warten ließ: "Manchmal, wenn du mit einem Finger auf wen andren zeigst, zeigen drei Finger auf dich zurück."

Es ist immer auch ein Spiel, das die beiden mutmaßlich im Wissen spielen, dass sie damit einen Unterhaltungswert für die Formel 1 generieren; und die Schwelle, hinter der sie einander nicht mehr in die Augen schauen können, wurde noch nicht überschritten. "Je mehr sich Toto darüber ärgert, desto mehr Spaß macht's", grinst Horner.

Wie sich Horner und Wolff gegenseitig aufziehen

Dem 'Guardian' hat der Red-Bull-Teamchef kürzlich ein Interview gegeben, das er natürlich für einen seiner Seitenhiebe nutzte. Er habe "kein Problem mit Toto, aber wir sind halt sehr unterschiedliche Menschen". Nämlich: "Ich bin sehr direkt. So war ich immer. Er ist anders als ich." Was wohl suggerieren soll, dass Wolff einer ist, der nicht direkt ist, mit gezinkten Karten spielt.

In der Freitags-Pressekonferenz in Mexiko ging das Spielchen weiter. "Wir alle wissen, dass Toto viel redet", stichelt Horner. Wolff hatte ihn zuvor wörtlich als "Protagonist in a Pantomime" bezeichnet, also sinngemäß als Schauspieler in einem Theaterstück, dessen Genre Wikipedia als "eine Art Mischung aus Komödie, Märchen und Musical" definiert.

"Mir schmeichelt das", grinst Horner. "Wenn er mich einen Protagonisten nennt, dann muss es per Definition ja auch einen Antagonisten geben. Man könnte sagen, dass Toto diese Rolle ganz gut erfüllt." Den Antagonisten definiert der Duden übrigens als "Gegenspieler" oder auch "Widersacher" - per se also noch keine Beleidigung.

Aber Horner belässt es nicht dabei: Wenn man das Beispiel des Theaterstücks noch einmal strapazieren wolle, sagt er, dann wäre die Rolle, die am ehesten zu Wolff passe, die Rolle der "Pantomime-Dame". Das wiederum ist laut Wikipedia die Rolle eines Mannes in Frauenkleidung - oder, politisch unkorrekt ausgedrückt: ein Weichei.

Wolff steigt bei den ganzen Theateranspielungen aus: "Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal, was das bedeutet", winkt er ab. "Ich habe nur gesagt, dass er ein Schauspieler ist. Er mag es, sich selbst zu sehen, und er genießt unseren Kampf genau so, wie ich ihn auch genieße. Aber wir sind sehr unterschiedliche Persönlichkeiten."

Er selbst, Wolff, sei der straighte Racer: "Ich konzentriere mich auf das, was ich für wichtig halte, ohne allzu viel darüber nachzudenken, was andere von mir halten." Horner hingegen rückt er ein wenig in die Ecke eines Selbstdarstellers, wenn er sagt: "Da sind wir halt unterschiedlich. Aber ich respektiere seine Arbeit als Teammanager, und er leistet einen Beitrag für unsere Show."

Direkte Frage an Horner: Besteht da noch Respekt zwischen Ihnen und Toto Wolff? "Ich habe kein Problem mit Toto. Er hat großartige Arbeit geleistet", sagt er - und kann es wieder nicht bei dem Kompliment belassen, wenn er noch den Nachsatz anfügt: "In einem Team, das er von anderen übernommen hat."

Horner: Wolff hat die Erfolge von Ross Brawn geerbt

Was er damit meint, erklärt Horner dem 'Guardian': "Er kam 2013 zu Mercedes. Da war die Struktur schon da. Ross Brawn hatte das Team aufgebaut. Der Vertrag mit Lewis war schon gemacht. Toto hat einen hervorragenden Job gemacht, die Leistung des Teams aufrechtzuerhalten. Er kennt nichts anderes als zu gewinnen."

Der 47-Jährige kann aber auch mal für einen Moment ernst werden, wenn er sagt: "Mercedes ist ein phänomenales Team. Sie haben Großes erreicht. Natürlich existiert da Respekt." Aber: "Es ist ein Wettkampf. Du kannst ja nicht einfach akzeptieren, dass ... Wenn wir klein beigeben und hinnehmen, dass Mercedes jedes Rennen gewinnt, wird's ziemlich langweilig."

"Warum tanzen wir den hier an? Wir wollen Rennen fahren. Weltmeister werden. Wir warten seit sieben Jahren drauf, endlich wieder in einer Position zu sein, Mercedes herauszufordern, und jetzt wollen wir sicherstellen, dass wir diese Chance, die wir haben, auch nutzen. Sollte uns das in einer der beiden WM-Wertungen gelingen, wäre das unser mit großem Abstand größter Erfolg."

Das sagt der, der mit Sebastian Vettel zwischen 2010 und 2013 viermal hintereinander das WM-Double gewonnen hat. "Verlieren tut weh", weiß Horner. "Wenn es das nicht tut, dann solltest du dir einen anderen Job suchen. Der, der mit einem zweiten Platz glücklich ist, ist fehl am Platz. [...] Und es ist auch wichtig, ein bisschen Spaß zu haben. Wenn sich Toto darüber ärgert, soll uns das recht sein!"

"Ich finde, es ist ein toller Wettkampf zwischen den beiden Teams: Boxencrew gegen Boxencrew, Fahrer gegen Fahrer, Motorenhersteller gegen Motorenhersteller, Chassis gegen Chassis. Das ist doch fantastisch! Wir lieben es. Manchmal kriegst du dabei ein paar Splitter ins Gesicht. Aber das halten wir aus. Und manchmal nehmen wir es sogar als Kompliment."

"Die Formel 1", sagt Horner, "ist ein Wettkampf. Je höher der Druck, desto unterschiedlicher reagieren die Menschen. Am Ende einer solchen WM spürt man, wie der Druck größer wird, und das wird auch so weitergehen. Wenn Toto dann und wann irgendeinen Kommentar abgibt, juckt mich das nicht. Die Theatersaison geht ja bald wieder los. Es ist, wie es ist."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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