Kritik an Liberty wächst: "Zu demokratisch" in "kritischer Phase"

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Kritik an Liberty wächst:
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16.02.2019, 05:51

Liberty Media läuft im Hinblick auf 2021 langsam die Zeit davon, zumal die Kritik von Seiten der Teams wächst - Christian Horner wünscht sich ein strengeres Regime

Für 2021 planen die Formel-1-Verantwortlichen einen großen Wurf in Form eines neuen Reglements, mit dem die Königsklasse des Motorsports in die Zukunft geführt werden soll. Ross Brawn, Sportdirektor von Rechteinhaber Liberty Media, hat das Projekt federführend in die Hand genommen. Aber so genau weiß bisher keiner, wie die Blaupause für die Formel 1 2021 aussehen soll.

Vor fast einem Jahr hat Liberty in Bahrain die "Vision 2021" vorgestellt. Viele Punkte von damals sind inzwischen kein Thema mehr. 150 Millionen US-Dollar Budgetobergrenze zum Beispiel sind Stand heute eine Utopie - zu groß ist der Widerstand von Ferrari, Mercedes und Co. Und über vereinfachte Strukturen, um das Gewirr aus Strategiegruppe, Kommission und Weltrat transparenter zu gestalten, ist schon lange nichts nach außen gedrungen.

Bei einem der zentralen Themen, dem Motor, haben die Verhandlungen zu gar nichts geführt. Ein Reglement gibt es noch nicht, dramatische Änderungen des aktuellen V6-Turbo mit Hybridantrieb werden nicht erwartet. So hat es die Formel 1 sogar geschafft, das Interesse von Porsche im Keim zu ersticken. Der deutsche Automobilhersteller hat sich wegen der Hängepartie gegen einen Einstieg entschieden.

"Von Liberty", kritisiert Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko im Interview mit 'Motorsport-Total.com', seien bisher "keine Entscheidungen getroffen" worden: "In Bahrain wurde vorgestellt, was alles passieren sollte. Bis dato gibt es keine Entscheidung, was Concorde 2021 oder Budgetdeckelung angeht. Bei den Motoren gibt es die Grundsatzentscheidung, bei den bestehenden Antrieben zu bleiben. Mit marginalen Änderungen. Auch da sind sie sich nicht einig."

Marko fordert entschlosseneres Handeln

"Ich glaube, dass wir durch dieses nicht Entscheiden langsam in eine kritische Phase kommen. Wenn ich Liberty bin, ein börsennotiertes Unternehmen, das sehr hochpreisig diese Anteile gekauft hat, dann werde ich irgendwann meinen Aktionären erklären müssen, was 2021 ist. Was sind die Verdienstmöglichkeiten? Wie soll das weitergehen?"

Was Marko damit (mutmaßlich) meint: Libertys Unternehmen "Liberty Media Formula One Series C" ist als "FWONK" an der New Yorker Technologiebörse NASDAQ gelistet. Der Aktienkurs ist von knapp über 40 US-Dollar im Oktober 2017 auf aktuell 31 Dollar eingebrochen.

Und auch die Perspektiven für die Aktie sind unsicher, schließlich laufen Ende 2020 alle kommerziellen Verträge zwischen den Teams und Liberty aus, die einst noch Bernie Ecclestone verhandelt hat. Sollten Ferrari, Mercedes und Co. wieder anfangen, an ihrer eigenen "Piratenserie" zu basteln (und sei es nur als Drohung), könnte das für die Formel-1-Aktie verheerende Auswirkungen haben.

Für Red-Bull-Teamchef Christian Horner ist die aktuell dringlichste Frage, "wie ihre Blaupause für die Formel 1 ab 2021 aussieht. Sowohl im Hinblick auf die Finanzen als auch im Hinblick auf das Reglement." Denn davon werde abhängen, welche Teams, Rennstrecken und Sponsoren sich langfristig zur Formel 1 bekennen.

Christian Horner, Toto Wolff, Maurizio Arrivabene

Neue Allianzen: Selbst die drei Topteams arbeiten jetzt gut zusammen

Horner: Nicht alles ist schlecht

Liberty habe viele gute Initiativen gestartet, erklärt Horner, und zählt als Beispiele die Öffnung digitaler Plattformen wie etwa Social Media auf, die Fan-Festivals in großen Städten oder auch die verbesserte Promotion für die Rennen. In einigen Bereichen (zum Beispiel F1 TV) gab es auch Anlaufschwierigkeiten. Das könne man verschmerzen.

Aber: "Du kannst für deinen neuen Film Trailer schalten so viel du willst: Wenn der Film nicht gut ist, werden die Menschen nicht ins Kino gehen", sagt Horner. "Es geht um das Produkt Formel 1 ab 2021. Die Teams werden da ihre Position haben, weil sie ihre Interessen schützen wollen. Aber als Rechteinhaber sollten sie ihre eigene Position haben und sagen: 'So ist es, das sind die Regeln, das sind die finanziellen Rahmenbedingungen.' Punkt."

Nachdem Liberty in den ersten Monaten aufgrund erster Initiativen viel positives Feedback erhalten hatte, ist der Ton zuletzt rauer geworden. Und die Teams haben verstanden, dass sie in den Verhandlungen um die zukünftige Geldverteilung am meisten erreichen können, wenn sie gemeinsam an einem Strang ziehen - so, wie das früher in der Teamvereinigung FOTA der Fall war.

Ende 2018 begann Mercedes-Teamchef Toto Wolff damit, seine Kollegen an einen Tisch zu bringen, um gemeinsame Strategien und Verhandlungspositionen zu besprechen, bevor man sie mit Liberty diskutiert. Seither finden diese Meetings regelmäßig statt, jedes Mal auf Initiative eines anderen Teams. Das demonstriert nach außen Einigkeit.

Die gibt es seit einigen Monaten sogar zwischen den drei Topteams. Ferrari und Mercedes haben in strategischen Angelegenheiten schon länger einen guten Draht zueinander. Neu ist, dass auch Red Bull in diesem Kreis verkehrt. Bis zum Tod von Sergio Marchionne haben Ferrari und Mercedes "ganz massiv" paktiert, unterstellt Marko. Aber: "Dann entwickelte sich viel Sympathie zwischen Ferrari und uns."

Topteams ziehen strategisch an einem Strang

Selbst mit Mercedes-Teamchef Wolff sitzt Red Bull inzwischen an einem Tisch. Dabei haben sich Wolff und Marko noch nie gut verstanden. Aber: "Es gibt jetzt eine gute Gesprächsbasis zwischen Mercedes, Ferrari und uns", bestätigt der Red-Bull-Motorsportkonsulent - und meint augenzwinkernd über frühere Auseinandersetzungen: "Eine gesunde Konfrontation ist nichts Schlechtes ..."

Dieses Schmieden von Allianzen, das gezielte Platzieren von Botschaften in den Medien - das ist etwas, was Liberty nicht gutheißt: "Ich glaube", vermutet Horner, "dass sie es als frustrierend empfinden, dass dieses Business so stark in den Medien stattfindet. Das kennen sie aus amerikanischen Sportarten nicht."

In einem Interview mit 'ESPN' macht Formel-1-Boss Chase Carey gar nicht erst den Versuch, das abzustreiten: "In diesem Sport wird offenbar gern und viel geredet. Erst reden, dann handeln."

Aber: "Liberty muss verstehen, dass man amerikanische Sport-Franchises nicht mit der Formel 1 vergleichen kann. Was in Amerika funktioniert, muss nicht zwangsläufig weltweit funktionieren", argumentiert Horner.

"Sie fangen langsam an zu verstehen, dass unterschiedliche Märkte unterschiedlich bedient werden müssen. Die Formel 1 ist immer noch eine der populärsten Sportarten der Welt. Du kannst nicht einfach etwas, was 60 oder 70 Jahre Tradition hat, als globale Weltmeisterschaft auf rein amerikanische Art und Weise vermarkten."

Viel Geld für große Herausforderung bezahlt

Seiner Meinung nach hat Liberty die Aufgabe Formel 1 "absolut" unterschätzt, als 4,6 Milliarden Dollar auf den Tisch gelegt wurden, um die Kontrolle über den Grand-Prix-Sport von CVC Capital Partners zu übernehmen: "Sie dachten wahrscheinlich, dass da ein paar Früchte ziemlich weit unten am Baum hängen und sie die schnell ernten können. Aber jetzt hat sich herausgestellt, dass ihnen das viel schwerer fällt als gedacht."

Das relativ kurzfristig implementierte neue Reglement für 2019, mit dem die Rennen spannender und mehr Überholmanöver möglich werden sollen, hält Horner beispielsweise für einen Schuss in den Ofen: "Ich glaube, sie sehen inzwischen selbst ein, dass es ein Fehler war, diese Änderung so überhastet durchzuziehen."

‘¿’Ob Liberty der richtige Rechteinhaber für die Zukunft der Formel 1 ist, lässt er offen: "Das kann nur die Zeit zeigen. Man wird sie daran messen, wie sich die Formel 1 ab 2021 entwickelt."

Was immerhin bedeuten würde, dass Liberty zumindest mittelfristig an Bord bleibt. Gesichert ist das nicht. In Fachkreisen kursieren Gerüchte, dass der US-Konzern längst damit angefangen hat, seine Anteile zu verkaufen. Seitens Liberty gab es bisher aber keine öffentlichen Äußerungen, die das Engagement in der Formel 1 insgesamt in Frage stellen.

Wie lange hat Liberty noch Lust?

Doch die Lust auf das Business könnte den Amerikanern schon bald vergehen. "Zwischenfälle" wie der öffentlich gewordene Kritik-Brief zahlreicher Rennstreckenbetreiber oder auch die neue "Packelei" zwischen den Teams (die für Liberty vor allem bedeutet, dass es schwieriger wird, die Teams mit wenig Geld abzuspeisen) sind für Carey & Co. nervtötend.

Was auch damit zu tun hat, glaubt Horner, dass Liberty die Führung des Sports auf viel zu demokratische Art und Weise praktiziert: "Dass ein Promoter über Bernie so redet, das hätte es nicht gegeben, denn wahrscheinlich hätte der Promoter dann im Jahr darauf keinen Grand Prix mehr gehabt!"

"Bernie hat seine Geschäfte ganz anders gemacht, und das Problem ist wahrscheinlich, dass Liberty versucht, auf demokratische Art und Weise zu operieren", so der 45-Jährige. "Aber jetzt bekommen die Promoter von Liberty viel mehr Freiheit, als sie früher je hatten, und das führt nur dazu, dass sie noch mehr Freiheit wollen."

"Bernie", sagt Horner, "ist ein strenges Regime gefahren, eine Diktatur, wenn man so möchte. Wenn das einem Promoter nicht gefallen hat, dann hatte er halt im nächsten Jahr kein Rennen mehr. Die Art und Weise, wie das Business jetzt betrieben wird, ist da ganz anders."

Mit Bildmaterial von LAT.

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