Lewis Hamilton: Für einen von uns gelten die Regeln nicht

Nach der Eskalation beim Nachtrennen in Dschidda saßen Lewis Hamilton und Max Verstappen nebeneinander in der FIA-PK und standen Rede und Antwort

Lewis Hamilton: Für einen von uns gelten die Regeln nicht

Die Stimmung wirkte angespannt, als Lewis Hamilton und Max Verstappen nach dem Grand Prix von Saudi-Arabien als Erster und Zweiter nebeneinander in der FIA-Pressekonferenz saßen. Bei der Siegerehrung waren sich die beiden aus dem Weg gegangen, einen Handshake konnte man zumindest im internationalen TV-Feed nicht beobachten.

Hamilton hatte bei jedem der beiden Neustarts gegen einen mit dem Messer zwischen den Zähnen agierenden Verstappen den Kürzeren gezogen. "Für mich", sagt er, "ist ganz klar, dass ich nicht jemanden überholen, dann neben die Strecke fahren und die Position behalten kann. Das wissen alle Fahrer. Aber für einen von uns scheint das nicht zu gelten, schätze ich."

Ein klarer Seitenhieb in Richtung Verstappen, und ein Querverweis auch auf Brasilien, wo Verstappen Hamilton beim Verteidigen der Position abgedrängt hatte, dafür aber nicht bestraft wurde. "Wir sollten unser Racing zwischen den weißen Linien austragen", findet Hamilton. "Aber die Kommissare haben den Eindruck erweckt, dass das erlaubt ist, daher geht das jetzt so weiter."

Hamilton über Verstappen: "Fucking crazy!"

Verstappen, bei dessen Worten unmittelbar neben Hamilton sitzend, lässt sich davon nicht aus der Reserve locken. Er hält dagegen: "Ich finde es interessant, dass ich derjenige bin, der bestraft wird, obwohl wir beide außerhalb der weißen Linien waren. In Brasilien war das noch okay, und jetzt bekomme ich eine Strafe dafür. Dabei konnte man klar sehen, dass er die Kurve nicht geschafft hat."

Hamilton hatte Verstappen während des Rennens am Boxenfunk unter anderem als "fucking crazy" bezeichnet. Auch das tangiert den Red-Bull-Piloten kaum: "Zu dem Zeitpunkt hatten sich natürlich Emotionen aufgeschaukelt. Es ist, wie es ist. Ich beschäftige mich mit sowas nicht. Wir müssen jetzt nach vorn schauen."

 

Das fällt Hamilton nicht so leicht: "Heute war ganz klar, dass andere Fahrer dazu bereit waren, alle möglichen Risiken einzugehen, um zu überholen. Also habe ich versucht, einfach auf der Strecke zu bleiben und mich aus Ärger rauszuhalten, Zwischenfälle da zu vermeiden, wo ich konnte. Ich bin wirklich, wirklich dankbar dafür, dass ich am Ende noch einen Frontflügel hatte."

Damit spricht der Mercedes-Fahrer die Situation in Runde 37 an, als die FIA Verstappen gerade instruiert hatte, Hamilton vorbeizulassen. Verstappen hatte die Aufforderung schon gehört, Hamilton noch nicht. Unabhängig davon wunderten sich Experten wie Nico Hülkenberg, dass Hamilton auffuhr, statt einfach vorbeizufahren. Aber für Hamilton war die Situation "nicht so klar".

"Ich hatte natürlich mitbekommen, dass Max gleich zwei von uns überholt hatte, in dem er in Kurve 2 neben die Strecke gefahren ist. Man hatte uns vor dem Rennen gesagt, dass das nicht erlaubt ist, aber ich hatte die Info noch nicht, dass er vom Gas gehen wird. Vor Kurve 27, wo die DRS-Zone beginnt, wurde er plötzlich langsam. Für mich war das sehr verwirrend."

Dann habe Verstappen plötzlich nicht mehr langsam, sondern "at a rapid pace", also sehr schnell, verzögert, "und da musste ich irgendwie verhindern, ihm nicht voll hinten reinzufahren". Laut FIA-Urteil wandte Verstappen in der Situation mit seinem linken Fuß 69 bar Bremsdruck an, was zu einer Verzögerung von 2,4g führte.

Hamilton habe in dem Moment zwei Gedanken gehabt: "Erstens war mir nicht klar, was los war, weil ich die Info nicht hatte. Dann wurde klar, dass er mich vorbeilassen möchte. Ich schätze, man hat ihm gesagt, das vor der DRS-Zone zu tun. Da hätte er dann bei Start und Ziel DRS gehabt und mich vor der ersten Kurve gleich zurücküberholt. Das war die Taktik."

Hamilton: Kann mir keinen Ausfall leisten

"Das Schlimmste dran war aber, dass er plötzlich so stark gebremst hat. Da sind wir dann kollidiert. Das war der gefährliche Teil", findet Hamilton. "Ich bin froh, dass wir nicht beide rausgeflogen sind. Ich muss ins Ziel kommen und diese Punkte holen. Und zum Glück, unter diesen Umständen, ist es mir gelungen, das Auto in einem Stück ins Ziel zu bringen."

Verstappen kann die Aufregung nicht verstehen. Grund für die Kollision müsse "eine Misskommunikation" gewesen sein: "Ich bin nach rechts gefahren und habe langsam gemacht, gebremst und runtergeschalten. Er blieb aber ganz dicht an mir dran. Ich konnte das nicht verstehen. Ich wollte ihn doch nur vorbeilassen."

Zumindest Verstappens Renningenieur konnte sich auch keinen Reim drauf machen, warum Hamilton nicht einfach vorbeifuhr: "Ich verstehe nicht, was da los ist", funkte er. Verstappen weiter: "Ich werde also immer langsamer und schalte runter. Wir hatten ein ... Muss eine Misskommunikation gewesen sein. Dann ist er mir ins Heck gefahren."

Den Entscheidungen der Rennleitung "stimme ich nicht zu. Aber ich will damit nicht meine Zeit verschwenden, sonst werden da wieder Schlagzeilen draus gemacht. Das verdienen sie aber nicht." Für ihn gehe der Trend der Strafen in die falsche Richtung: "Das ist nicht die Formel 1, mit der ich aufgewachsen bin. Aber es ist, wie es ist, und wir schauen jetzt nach vorn."

Eine weitere Situation, die Hamilton gestört hat, ereignete sich nach der Kollision. Wieder ließ Hamilton den Mercedes auf Anweisung der Rennleitung vorbei - aber diesmal konterte er praktisch im gleichen Atemzug, noch vor Kurve 27. "Das hat mich an 2008 in Spa erinnert", kramt Hamilton sein damaliges Duell mit Kimi Räikkönen im Ferrari hervor.

"Er hat mich in der letzten Schikane abgedrängt und ich fuhr quer über die Schikane. Dann musste ich ihn vorbeilassen. Ich habe ihn aber gleich wieder überholt, und ich erinnere mich noch gut daran, dass Charlie Whiting dem Team gesagt hat, das sei okay. Später bekam ich dafür aber eine 20-Sekunden-Strafe und wurde nur Dritter", so der 36-Jährige.

Frage an Hamilton: Findest du, dass Verstappen gefährlich gefahren ist, und machst du dir Sorgen, dass dir das in Abu Dhabi die WM kosten könnte? "Ich bin definitiv der Meinung", antwortet er, "dass es ein paar Szenarios gegeben hat, in denen das der Fall war. Und es war ja nicht das erste Mal, dass ich eine Kollision verhindern musste."

"Das ist, wie ich mich momentan fühle", ergänzt Hamilton, schränkt aber ein: "Manchmal werden im Eifer des Gefechts Dinge gesagt. Wenn man sich dann hinterher hinsetzt und sich alles anschaut, ändert man manchmal seine Meinung. Aber im Moment sehe ich es so. Ich habe wirklich versucht, mich zusammenzureißen und trotz allem weiter zu fighten."

Mit Bildmaterial von Red Bull (Getty Images).

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