Lewis Hamilton: "Gesünder, glücklicher, stärker als je zuvor"

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Autor: Christian Nimmervoll
Co-Autor: Adam Cooper
28.09.2018, 06:48

Lewis Hamilton spricht über das Geheimnis seines Erfolgs 2018 und verrät, warum er am Saisonbeginn noch nicht so stark war wie jetzt

Lewis Hamilton kommt mit allerbesten Voraussetzungen zum Grand Prix von Russland in Sotschi. Mercedes hat alle vier bisherigen Rennen in der Olympiastadt gewonnen, zwei von vier Siegen gehen auf Hamiltons Konto (2014 und 2015). Und in der Formel-1-Weltmeisterschaft 2018 hat er sechs Rennen vor Schluss 40 Punkte Vorsprung auf seinen letzten verbliebenen Konkurrenten Sebastian Vettel (Ferrari).

Vettel kann theoretisch mit sechs Siegen noch aus eigener Kraft Champion werden, weshalb Hamilton nie so weit gehen würde, zu sagen, "dass ich eine Hand schon am Pokal habe. Ich nehme es Rennen für Rennen. Es ist noch ein langer Weg, es sind noch viele Punkte zu vergeben. Sechs Rennen. Wir alle arbeiten unglaublich hart daran, das Auto zu verbessern. Die Einstellung ist genau gleich wie immer, das Ziel auch, die Herangehensweise."

Viel mehr als historisch-statistische Daten und das berühmte Momentum, von dem man sich letztendlich nichts kaufen kann, wiegt für Hamilton etwas anderes. Er fühle sich derzeit "gesünder, glücklicher, stärker als je zuvor". Und das in einer Phase, in der Vettel enorm unter Druck steht und sich aufgrund der Punktedifferenz keine weiteren Fehler leisten kann.

Einige hat der Ferrari-Pilot 2018 schon gemacht, am schmerzlichsten sicher sein verschenkter Sieg beim Heimrennen in Hockenheim. Eine Konsequenz aus dem Druck, den Hamilton ausübt? "Das sollte man besser ihn fragen", winkt der Mercedes-Star ab. "Ich vergeude keine Zeit damit, mich zu fragen, warum das so ist. Darüber denke ich nicht nach. Ich konzentriere mich darauf, aus mir das Beste herauszuholen. Das kann ich beeinflussen."

Dabei hatte Hamilton über weite Strecken der Saison nicht mehr das überlegene Auto der vergangenen Jahre. Dass seine Ausgangslage jetzt trotzdem so komfortabel ist, liege aber nicht nur an seiner persönlichen Einstellung als Fahrer. "Auch wegen der tollen Leistung des Teams, von jeder einzelnen Person", unterstreicht er. "Darum haben wir tolle Ergebnisse abgeliefert, auch wenn ein Wochenende mal nicht so toll angefangen hat. Insgesamt waren wir dann trotzdem besser."

 

Das Teamwork sei "enorm" wichtig: "Der größte Faktor in jeder WM! Die Beziehungen wachsen. Sie sind nie perfekt, sie können immer noch besser sein. Aber die Kommunikation in unserem Team ist sehr gut. Man sagt mir am Jahresende: 'Das war nicht perfekt, das könnte nächstes Jahr besser sein.' Es ist nie einfach, negative Kritik zu akzeptieren, aber der beste Weg ist, sich nicht zu verteidigen, sondern zu versuchen, es besser zu machen. Das bringt dich und das ganze Team am meisten weiter."

Hamilton spielt damit an auf ein Gespräch, das er Ende 2016 mit Teamchef Toto Wolff in dessen Küche hatte. Die beiden legten offen ihre Karten auf den Tisch, sagten sich ins Gesicht, was ihnen nicht gefällt. Aber anstatt beleidigt in Defensivmodus zu schalten, versuchten sie anschließend, die Kritik aufzunehmen und die Schwachpunkte, die der jeweils andere angesprochen hat, zu verbessern. Das Ergebnis konnte man 2017 und 2018 sehen.

Wenn man Hamilton zuhört, hat man das Gefühl, dass ihn das Gigantenduell gegen Vettel - einer von beiden wird am Saisonende fünfmaliger Weltmeister sein - mehr anspornt als irgendein Titelkampf zuvor: "Es war sicher das am meisten herausfordernde Jahr, mit einem anderen viermaligen Weltmeister als Gegner. Es steht mehr auf dem Spiel als je zuvor, und der Pott in der Mitte des Tisches wird verteilt an denjenigen, der am besten spielt und die Risiken am besten abwägt."

Dabei hat es am Saisonbeginn so ausgesehen, als würde 2018 die schwierigste Saison für Mercedes seit Einführung der Turbo-Hybrid-Formel im Jahr 2014 werden. Ferrari hat, das sagen Insider, inzwischen den leistungsstärksten Motor. Aber nach drei sieglosen ersten Rennen und einem etwas glücklichen Triumph in Baku läuft die Maschine Hamilton wie geschmiert.

Auch der Mercedes F1 W09 EQ Power+ wurde seither weiterentwickelt. Spa war beispielsweise ein Schlüsselrennen, um die Traktionsprobleme zu verstehen. Prompt war Hamilton in Singapur völlig überraschend Wochenend-Dominator - zumindest ab dem Qualifying. Aber die von außen beobachtete Schwäche am Saisonbeginn war keine fahrerische: "Mit meinem Fahren war ich da schon ziemlich zufrieden. Es lag mehr daran, dass das Auto sehr komplex war", sagt der 33-Jährige.

 

"Das Paket zu verstehen, wie ich es am besten nutzen kann, wie ich mehr herausholen kann, das hat ein bisschen gedauert. Jetzt hole ich mehr aus dem Auto raus als das Team für möglich hält. Dafür sind Topfahrer da. Das ist mir am Anfang nicht so gelungen. Es war ein Lernprozess. Das geht manchmal sehr schnell, manchmal dauert es ein bisschen länger. Dieses Jahr hat es ein bisschen länger gedauert."

Was er 2018 anders macht als 2017, "sage ich nicht", lacht Hamilton. Bekannt ist, dass er zum Beispiel kein Fleisch mehr isst und besser auf seine Ernährung achtet. "Großteils sind es Dinge, die man von außen nicht sieht", sagt er. "Kleinigkeiten im Ingenieursbüro, verbesserte Beziehungen, verbesserte Kommunikation. Ein verbessertes Zeitmanagement, das Achten auf die Gesundheit. Viele verschiedene Dinge."

Schwächen aus der Vergangenheit, etwa eine zu impulsive Herangehensweise, hat Hamilton weitgehend abgelegt. Zwar blitzen alte Muster manchmal noch durch, etwa beim Boxenfunk-Gemoser in Spielberg. Aber Hamilton hat 2018 weniger Punkte verschenkt als Vettel. Dabei sei er keineswegs perfekt: "Jeder hat Schwächen", gibt er zu, betont aber: "Jedes Jahr versuche ich, an einigen zu arbeiten."

"Das Schöne ist: Eine Schwäche in einem Jahr kann im nächsten Jahr eine Stärke sein, wenn man gezielt daran arbeitet. Wir alle haben Schwächen. Es geht darum, das beste Mittel in allen Bereichen zu finden. Jeder hat Stärken, und man kann versuchen, die noch auszubauen. Es ist so ein intensiver Fight, dass schon die kleinsten Dinge einen Unterschied machen. So ist Motorsport. Ist im Golf nicht anders."

"Ich versuche niemandem etwas zu beweisen. Darum geht es mir nicht", betont er. "Ich bin hier, um zu gewinnen, der Beste zu sein, der ich sein kann, mein Potenzial auszuschöpfen. Und die Chance, die sich mir bietet, zu nutzen. Ich stehe aber nicht am Morgen auf, um irgendwem was zu beweisen. Das ist nicht meine Einstellung. Mir ist am wichtigsten, mein Potenzial abzurufen. Wenn ich das nicht schaffe, sieht man, wie ich sauer werde. Und dann arbeite ich dran."

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