So energisch reagiert Hamilton auf Buhrufe und "Bummel"-Vorwürfe

Mercedes-Fahrer Lewis Hamilton wurde nach dem Formel-1-Qualifying in Budapest von den Vor-Ort-Fans ausgebuht, reagierte aber umgehend darauf

So energisch reagiert Hamilton auf Buhrufe und "Bummel"-Vorwürfe

"Wenn er das absichtlich gemacht hat, dann ist es nicht schön." So hat der ehemalige Formel-1-Fahrer Romain Grosjean auf das "Trödeln" von Lewis Hamilton vor der letzten schnellen Runde im Qualifying zum Ungarn-Grand-Prix 2021 reagiert. Und auch die Vor-Ort-Fans auf dem Hungaroring bei Budapest fanden die Aktion offenbar nicht gut: Hamilton wurde beim Aussteigen aus dem Auto ausgebuht.

Hamilton nahm es in einer ersten Reaktion gelassen und sagte: "Das Buhen konnte mir noch nie so wenig anhaben wie jetzt. Wenn, dann stachelt mich das nur an. Also mir ist es wirklich egal."

Was genau passiert ist in der Aufwärmrunde

Was aber war geschehen? Hamilton war vor dem letzten Versuch im Qualifying beim Herausfahren aus der Boxengasse extrem langsam gefahren, direkt vor seinem WM-Rivalen Max Verstappen, der in diesem Moment gezwungenermaßen hinter Hamilton blieb.

 

Die Reihenfolge blieb in der restlichen Aufwärmrunde gleich, obwohl Verstappen dann hätte überholen können. Am Ende schafften Hamilton und Verstappen gerade so noch eine schnelle Runde, Verstappen-Teamkollege Sergio Perez aber kam hinter Verstappen nicht mehr rechtzeitig über die Linie.

Wurde Verstappen wirklich aufgehalten?

Hat Hamilton die Red-Bull-Fahrer also absichtlich aufgehalten? 'Sky'-Informationen widerlegen das. Demnach hatte zwar Verstappen hinter Hamilton eine langsamere Aufwärmrunde als zuvor im Qualifying, um etwa zehn Sekunden. Hamilton jedoch fuhr in dieser Situation seine schnellste Aufwärmrunde im Qualifying, laut 'Sky' um vier bis fünf Sekunden schneller als davor.

Mercedes selbst schreibt dazu in den sozialen Netzwerken: "Lewis' finale Aufwärmrunde war schneller als seine vorherige [in Q3] und für das gesamte Qualifying mittendrin, [denn] er hatte ein paar schnellere und ein paar langsamere."

 

Die (vermutlich mehrheitlich Verstappen-) Fans auf den Tribünen aber witterten wohl taktische Spielchen gegen Verstappen und buhten Hamilton mehrmals aus. Auch Red-Bull-Sportchef Helmut Marko spricht bei 'Sky' von "den üblichen Spielchen" und meint: "Sportlich sehe ich nicht, dass das richtig ist, aber auch das müssen wir zur Kenntnis nehmen."

Aus seiner Perspektive hätten die beiden Mercedes-Fahrer "derartig verlangsamt, dass Perez überhaupt nicht mehr über die Ziellinie gekommen ist und Max nicht sein [normales] Aufwärmtempo fahren konnte".

Red Bull attestiert Hamilton "Spielchen"

Red-Bull-Teamchef Christian Horner nutzt ebenfalls den Begriff "Spielchen" und unterstellt Hamilton absichtliches Behindern, indem er weiter sagt: "Lewis hatte schon eine herausragende Runde auf der Uhr. Dann hält er einfach alle auf und will unseren Autos keine saubere Runde gönnen."

Horner meint aber auch: "Das ist sein gutes Recht. Er hat die Position auf der Strecke. Wir haben kein großes Problem [damit]. Es geht jetzt nur um den Sonntag."

Ob es andersrum anders gelaufen wäre, wird Horner gefragt. Er bejaht und sagt: "Wahrscheinlich hätten wir uns mehr um die Vorbereitung unserer Reifen gekümmert. Man sieht ja: [Hamiltons] Rundenzeit [in der fliegenden Runde] war nicht mal ansatzweise in der Nähe seiner Qualifying-Zeit. Er hatte offenbar mehr Interesse daran, was hinter ihm passiert. Aber das ist Teil des Spiels."

Wie Verstappen die Situation bewertet

Verstappen selbst sieht die Situation indes entspannt. O-Ton: "Natürlich waren die Reifen [nach der Aufwärmrunde] ein bisschen kühl, aber ich hätte auch dann keine vier Zehntel aufgeholt, wenn die Reifen etwas wärmer gewesen wären."

Vom Pfeifkonzert gegen Hamilton habe er gar nichts mitbekommen. "Ich war in der Box. Ich habe gar nicht aufgepasst, was draußen passiert ist", sagt Verstappen.

Hamiltons Teamkollege Bottas aber hat es gehört und gab in der Pressekonferenz ein Statement dazu ab. Es lautet: "Normalerweise äußere ich mich nicht zu solchen Sachen, aber nach dem Qualifying gab es viele Buhrufe. Ich verstehe das nicht."

"Ich fordere diese Leute auf, ihr Verhalten zu hinterfragen. Ich halte das nämlich nicht für fair. Wir sind hier als Sportler, um wirklich alles zu geben für den Sport, den wir lieben."

"Lewis hat am Ende eine herausragende Runde hingekriegt, und dann wird er ausgebuht. Die Leute sollten sich selbst hinterfragen. Das ist nicht richtig, es ist nicht fair. So was will man nicht erleben."

Mercedes: TV-Bilder rücken Hamilton in falsches Licht

Zumal die TV-Bilder zum Qualifying Hamilton in ein falsches Licht gerückt hätten, wie Mercedes-Teamchef Toto Wolff erklärt: "Jeder hat doch versucht, einen größtmöglichen Abstand zu lassen. Im Schnitt lag der bei sieben bis acht Sekunden über das gesamte Qualifying hinweg."

"Aber [nur Hamilton] wurde von den Kameras gezeigt. Vielleicht hat man also nicht gesehen, wie es auch jeder andere Fahrer gemacht hat."

Hamilton erklärt sich in der Pressekonferenz

Hamilton selbst ist sich jedenfalls keines Fehlers bewusst. Er habe schon vor dem Rausfahren aus der Box geahnt, wie es am Ende der Aufwärmrunde zugehen würde, "dass die Leute [dann] langsam machen würden", so sagte er in der Pressekonferenz.

"Deshalb versuchte ich, einen möglichst großen Abstand zu lassen. Trotzdem mussten wir am Ende der Runde nochmal vom Gas und darauf warten, dass jeder anzog. Ich musste sicherstellen, den besten Abstand nach vorne zu haben. Unterm Strich hat aber wohl niemand seine Reifen bestmöglich vorbereitet, weil jeder langsam war."

Hamilton selbst steigerte sich in seiner finalen schnellen Runde nicht, auch Verstappen machte keine entscheidenden Fortschritte mehr. Das in Verbindung mit dem "Trödeln" in Boxengasse und Aufwärmrunde rief wohl die Buhrufe und den Tweet von Grosjean hervor.

... und wird ungehalten auf Nachfrage

Auf eine entsprechende Nachfrage, ob er absichtlich verlangsamt habe, ob es Taktik gewesen sei, Verstappen einzubremsen, reagierte Hamilton dann deutlich ungehalten: "Das ist so blöd. Jeder ist langsam gefahren. Hast du die anderen nicht gesehen?"

"Ich verstehe das nicht. Glaubst du, ich hätte schneller sein und dann einfach näher an Valtteri dran sein können? Jeder hat eine langsame Aufwärmrunde eingelegt. Es war eigentlich nicht anders wie in den anderen [Aufwärmrunden]."

"Natürlich: Jedes Mal, wenn du rausfährst, versuchst du, deine Reifen vorzubereiten. Man will sie kühl halten, weil sie auf einer [fliegenden] Runde so heiß werden."

Hamilton versichert: "Ich habe keine taktischen Spielchen gespielt. Ich muss keine Spielchen spielen. Ich weiß, was ich tue im Auto. Ich bin schnell genug. Ich brauche keine Taktikspielchen."

Seitenhieb gegen Grosjean nach Tweet

Und bezogen auf den Tweet seines Ex-Kollegen Grosjean fügte Hamilton hinzu: "Wer solche Kommentare abgibt, hat wirklich keine Ahnung von dem, was wir hier machen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie nicht hier fahren."

 

Über die Buhrufe an sich habe er "eigentlich nichts zu sagen", meint Hamilton. Nur so viel: "Ich lasse das nicht nahe an mich heran. Wenn ich vorne stehe, muss ich irgendwas richtig machen."

Verstappen sprang seinem WM-Rivalen in diesem Punkt bei und sagte über das Ausbuhen gegen Hamilton: "Natürlich ist das nicht korrekt. Es ist nicht schön. Es sollte aber niemanden von uns beeinflussen. Wir alle wissen, was wir auf der Strecke zu tun haben."

Und Mercedes-Teamchef Wolff meint sogar: Hamilton wird dadurch noch stärker. "Wir haben uns mal über 'The Last Dance' unterhalten und wie Michael Jordan dazu in der Lage war, aus Negativität noch mehr Motivation zu ziehen. Ich glaube, Lewis tickt recht ähnlich."

Das gelte übrigens auch für das Team und Wolff selbst: "Je mehr Gegenwind wir erfahren, umso mehr Widerstandskraft entwickeln wir und desto besser erbringen wir unsere Leistung. Einerseits ist das nicht relevant, andererseits willst du natürlich etwas beweisen."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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