Longrun-Analyse Monaco: Red Bull stark, aber braucht die Pole

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Longrun-Analyse Monaco: Red Bull stark, aber braucht die Pole
Heiko Stritzke
Autor: Heiko Stritzke
25.05.2018, 10:36

Red Bull ist vom Rennspeed her wieder einmal Favorit, aber sie brauchen die erste Startreihe - Ist der Hypersoft sogar der bessere Rennreifen als der härtere Ultrasoft?

Natürlich legen die Formel-1-Teams beim Großen Preis von Monaco etwas weniger Wert auf die Longruns als auf anderen Strecken, da hier Track Position wichtiger ist als auf jeder anderen Strecke im Kalender und dem Qualifying eine besondere Bedeutung zukommt. Trotzdem probten alle Teams wie üblich am Ende des gekürzten Trainings einige Longruns. Da die Strecke recht kurz ist, konnten trotz der verlorenen Zeit durch Streckenarbeiten im zweiten Freien Training viele Runden abgespult werden.

Natürlich bedeutet das auch, dass die Longruns insofern mit Vorsicht zu genießen sind, als dass sie nur bei freier Fahrt gelten. Wir haben die Daten so gut es geht um den Verkehr bereinigt. Aber: Im Rennen hilft die beste Pace nichts, wenn man feststeckt (David Coulthard konnte 2001 ein Lied davon singen). Die nackten Zahlen jedenfalls weisen Red Bull als klaren Favoriten aus: Max Verstappen fuhr einen Durchschnitt von 01:15.044 Minuten, Ricciardo von 01:15.253 Minuten auf dem Hypersoft. Der beste Verfolger war Sebastian Vettel mit einer Durchschnittszeit von 01:15.599 Minuten auf einem Reifen mit ähnlichem Alter.

Hypersoft   Durchschnitts-Zeit Runden auf Reifensatz
 Max Verstappen 1:15.044 10-19

 Daniel Ricciardo

1:15.253

15-24

 Sebastian Vettel

1:15.599 13-17
 Lewis Hamilton 1:15.978 8-14

 Valtteri Bottas

1:16.195 9-14
 Kimi Räikkönen 1:16.649 15-19

Einschränkend muss bei Max Verstappen angemerkt werden, dass wir seinen zweiten Longrun herangezogen haben. Sein erster war nämlich mit im Durchschnitt 1:16.284 Minuten überraschend langsam. Scheinbar war sein Reifensatz dort nicht der Beste. Red Bull montierte einen weiteren Satz Hypersofts, was bei Longrun-Simulationen sehr untypisch ist. Normalerweise nimmt man im zweiten Anlauf eine andere Mischung. Das unterstreicht, dass in Verstappens erstem Longrun irgendetwas faul war. Natürlich war im zweiten Run die Strecke in einem besseren Zustand. Rechnet man das heraus, liegt er auf einem Niveau mit Ricciardo, was Spannung verspricht.

 

Doch Red Bull wird diese überlegene Pace nur nützen, wenn sie sich auch in der ersten Startreihe qualifizieren. Und das ist alles andere als in Stein gemeißelt. Red Bull wird bereits einen Plan ausgeheckt haben für den Fall, dass Rot oder Silber sich vor ihnen qualifiziert. Die einzigen realistischen Optionen für diesen Fall lauten: Undercut, Overcut und Offset. Also sprich: Bei der Strategie etwas deutlich anders zu machen.

Kampf gegen Silber: Daten sprechen für Vettel

Im Kampf Rot gegen Silber gibt es leichte Vorteile für Ferrari: Sebastian Vettel fuhr auf dem Hypersoft bessere Longruns als Lewis Hamilton (1:15.978) und Valtteri Bottas (1:16.195) aus dem Mercedes-Lager. Seine Reifen waren dabei sogar älter als die der Mercedes-Piloten. Dennoch legte Ferrari wesentlich weniger Wert auf Hypersoft-Runden: Beide Fahrer absolvierten nur fünf gezeitete Runden und wechselten dann auf den Ultrasoft.

 

Will Ferrari hier etwa andeuten, dass man sich des Hypersofts schnell entledigen möchte? Das wären schlechte Nachrichten für Maranello, denn die Red-Bull-Piloten zeigten mit Longruns von zehn und elf Runden, dass der weichste aller Pirellis durchaus konstant sein kann. Verstappen fuhr in seiner zehnten Runde genauso schnell wie in seiner zweiten. Ferrari wird wohl erwägen müssen, länger auf dem Hypersoft zu fahren als man es womöglich ursprünglich wollte.

Auf dem härteren Ultrasoft gibt es keine Daten von Red Bull, weil man hier nur auf dem Hypersoft unterwegs war. Mercedes ist auf der mittleren Reifenmischung auf den ersten Blick dichter dran: Bottas fehlt mit einer Durchschnittszeit von 1:15.826 Minuten weniger als eine Zehntelsekunde auf Vettel und Kimi Räikkönen, der auf dem Ultrasoft deutlich besser zurechtkam als auf dem Hypersoft.

 

Ultrasoft   Durchschnitts-Zeit Runden auf Reifensatz
 Sebastian Vettel 1:15.740 10-22
 Kimi Räikkönen 1:15.781 10-15
 Valtteri Bottas 1:15.826 10-17

Aber: Vettels Longrun war deutlich länger und die Ultrasofts zeigen einen signifikanten Drop nach zehn Runden (bei Vettel waren sie zu diesem Zeitpunkt 19 Runden alt). Das zog den Durchschnitt nach oben. Mercedes' Longruns waren kürzer und erreichten diesen Punkt nie. Zieht man nur die vergleichbaren Runden heran, ist Vettel in 1:15.386 Minuten klar schneller. Der Drop zeigt auch, dass der Ultrasoft voraussichtlich gar kein besserer Rennreifen als der Hypersoft ist. Andererseits hatte Ferrari bislang schon öfter mit höherem Reifenverschleiß in den Freien Trainings zu kämpfen, was am Sonntag nicht mehr auftrat.

 

Mittelfeld: Sauber droht mit nächster Überraschung

Hinter den drei Topteams hat sich Renault wieder an die Spitze des Verfolgerfeldes gesetzt. Während in den Ergebnislisten vom Freitag die McLaren und auch Brendon Hartley im Toro Rosso ordentlich Druck machen, sieht Renault im Longrun deutlich stärker aus. Carlos Sainz fuhr einen Durchschnitt von 1:16.295 Minuten - ohne die neuen Bargeboards, die erst am Samstag kommen, aber dafür mit frischeren Reifen - sein Hypersoft hatte noch ein einstelliges Alter, als er montiert wurde und er fuhr nur sechs gezeitete Runden.

Bessere Vergleiche lässt da Nico Hülkenberg zu, der auf einem älteren Hypersoft neun Runden lang attackierte. 1:16.626 Minuten sind eine hervorragende Benchmark. Kevin Magnussen kam im besseren Haas auf einen Durchschnitt von 1:16.826 Minuten, Stoffel Vandoorne als schnellerer McLaren auf 1:16.841 Minuten. sonst kam keiner mehr unter die 1:17er-Marke (mit der Sauber-Ausnahme; s.u.).

Gefahr könnte aber von Sergio Perez drohen, der im Force-India-Lager klar schneller ist als Esteban Ocon: Er fuhr einen Elf-Runden-Run mit einer Durchschnittszeit von 1:16.913 Minuten - auf dem langsameren Ultrasoft! Auch zeigt sich: Ultrasoft und Hypersoft verschleißen etwa gleich schnell, was für den Hypersoft als Rennreifen spricht.

 

Und dann wäre da Sauber: Im Gesamtergebnis war das von Alfa Romeo unterstützte Team sehr weit hinten anzutreffen, doch Marcus Ericsson legte einen famosen Hypersoft-Longrun von 1:16.360 Minuten hin. Der starke Durchschnitt kommt dadurch zustande, dass er nur fünf schnelle Runden fuhr und relativ frische Reifen hatte. Doch seine Zeiten liegen auch im direkten Vergleich auf Hülkenberg-Niveau. Und als wäre das nicht stark genug, zeigte auch Charles Leclerc einen Super-Longrun: 1:16.790 Minuten über sieben Runden auf Ultrasoft - das war sogar schneller als Perez.

Hat also Sauber für den Longrun weniger Sprit eingefüllt? Oder hatte man lediglich in den Qualifying-Simulationen Probleme, die Reifen ins richtige Fenster zu bekommen? Jedenfalls war die Stimmung bei Sauber am Donnerstagabend gut; man geht als klares "Dark Horse" ins Rennen. Natürlich gilt auch hier: Die beste Rennpace ist nichts wert, wenn es im Qualifying nicht passt. Aber dass Leclerc es beim Heimrennen drauf hat, stellte er mit der Formel-2-Pole im Vorjahr unter Beweis.

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Artikel-Info

Rennserie Formel 1
Event Monte Carlo
Subevent 2. Training, Donnerstag
Ort Circuit de Monaco
Urheber Heiko Stritzke
Artikelsorte Analyse