Longrun-Schock in Australien: Russell und Mercedes zerlegen die Konkurrenz!
Ferrari und McLaren setzen in Australien die Bestzeiten, doch der wahre Favorit in Melbourne heißt Mercedes: George Russell dominiert die Longruns klar
Nach starken Longruns heißt der Topfavorit beim Großen Preis von Australien George Russell
Foto: LAT Images
Auf den ersten Blick lassen die beiden Freien Trainings am Freitag beim Großen Preis von Australien vermuten, dass in Melbourne ein enges Rennen zwischen allen vier Topteams bevorsteht. Ferrari sicherte sich dominant die Bestzeit im ersten Freien Training, ehe am Nachmittag Oscar Piastri im McLaren die schnellste Runde fuhr.
Doch der eigentliche Gewinner des Melbourne-Freitags heißt weder Ferrari noch McLaren, sondern Mercedes. In den wichtigen Longruns am Ende des zweiten Freien Trainings mit viel Sprit im Auto zeigten die Silberpfeile, wie stark der W17 wirklich zu sein scheint.
Während in Qualifying-Simulationen noch mit Spritmenge und verschiedenen Motorenmodi gespielt werden kann, ist das in den Longruns deutlich schwieriger. Zumindest die Spritmenge ist hier bei allen Teams relativ vergleichbar.
Über eine halbe Sekunde Vorsprung: Russell deklassiert die Konkurrenz
Der schnellste Mann in den Longruns war eindeutig George Russell. Der Brite war satte 0,48 Sekunden pro Runde schneller als sein Mercedes-Teamkollege Andrea Kimi Antonelli. Der erste Mercedes-Verfolger war Lewis Hamilton im Ferrari. Dem siebenmaligen Weltmeister fehlten allerdings bereits 0,6 Sekunden pro Runde.
Ganz überraschend kam die Mercedes-Pace allerdings nicht. Bereits am Ende des ersten Freien Trainings gab es einige kurze Longruns, und auch dort waren die Silberpfeile klar schneller als Red Bull und Ferrari, die zur gleichen Zeit ebenfalls mit viel Sprit unterwegs waren.
Doch zurück zum zweiten Training: Das drittschnellste Team in den Longruns war Red Bull, allerdings bereits mit einem hochgerechneten Rückstand von satten 0,8 Sekunden pro Runde. Alle Abstände sind dabei bereits um verschiedene Reifenmischungen bereinigt. Mercedes fuhr den harten C3-Reifen, Red Bull hingegen die mittlere C4-Mischung, die eigentlich schneller sein sollte.
Das Weltmeisterteam McLaren enttäuschte in den Longruns hingegen deutlich - trotz der Bestzeit von Oscar Piastri im zweiten Training. Der Australier handelte sich einen reifenbereinigten Rückstand von 1,27 Sekunden pro Runde auf Mercedes ein. Teamkollege Lando Norris war unterdessen auf einem völlig anderen Programm unterwegs und fuhr keine repräsentativen Longrun-Zeiten.
Sandbagging: Hat Mercedes die wahre Pace verschleiert?
Die Longrun-Dominanz von Mercedes mag angesichts der engen Rundenzeiten in beiden Trainings zunächst überraschend wirken. Doch ein Blick in die Daten zeigt, dass Mercedes in den Qualifying-Simulationen wohl deutlich weniger Motorleistung genutzt hat als die Konkurrenz.
Am Ende des zweiten Sektors, wo die Autos auf dem Albert Park Circuit ihre höchste Geschwindigkeit erreichen, kam Mercedes mit beiden Autos in den jeweils schnellsten Runden nur auf 279 km/h.
Oscar Piastri erreichte dort mit dem gleichen Motor auf dem Weg zur Bestzeit 289 km/h. In den Telemetriedaten ist zu erkennen, dass das Mercedes-Werksteam in diesem Sektor einen stärkeren Abfall des Topspeeds gegen Ende der Geraden hatte - das sogenannte "Superclipping".
Auffällig ist zudem, dass Mercedes auch in den anderen Sektorenabschnitten weit unten in der Topspeed-Rangliste lag. In der Geschwindigkeitsmessung am Ende der Start- und Zielgeraden vor Kurve 1 kam Russell auf 294 km/h, Antonelli bei seiner persönlichen Bestzeit sogar nur auf 290 km/h. Piastri im McLaren erreichte dort glatte 300 km/h.
Auch am Ende der Runde, bei der Topspeedmessung direkt auf der Ziellinie, war Mercedes erneut unterlegen: 300 km/h für Russell und nur 293 km/h für Antonelli trotz Windschatten, während Piastri hier ebenfalls schneller war und 304 km/h erreichte.
Mercedes scheint also noch einiges an Motorleistung verborgen zu haben, während Kundenteam McLaren offenbar bereits eher gezeigt hat, was mit dem Mercedes-Motor auf eine schnelle Runde möglich ist. Piastris Bestzeit dürfte daher etwas schmeichelhaft sein, da McLaren den Motor stärker aufgedreht hat.
Engine-Mapping: Große Unterschiede zwischen den Topteams
Die Topspeedwerte in den einzelnen Sektoren geben zudem einen kleinen Einblick, wie die Teams die Batterieleistung über eine Runde verteilt einsetzen. Tatsächlich gab es hier gravierende Unterschiede.
Ferrari schnitt in der offiziellen Speed Trap kurz vor der ersten Kurve vergleichsweise schlecht ab. Charles Leclerc kam dort nur auf 294 km/h, Lewis Hamilton auf 291 km/h. Zum Vergleich: Lando Norris wurde dort auf seiner schnellsten Runde mit 309 km/h geblitzt.
Dafür war Ferrari bei der Messung auf der Ziellinie am Ende der Runde deutlich stärker. Leclerc erreichte dort satte 308 km/h, während Antonelli im Vergleich nur auf 293 km/h kam. Auch am Ende des zweiten Sektors war Ferrari mit 298 km/h gut unterwegs.
Interessant sind ebenfalls die Topspeedwerte von Red Bull. Isack Hadjar erreichte am Ende des ersten Sektors nach Kurve 5 auf seiner schnellsten Runde 286 km/h. FT2-Sieger Piastri kam dort nur auf 266 km/h, und Hadjars Teamkollege Max Verstappen sogar lediglich auf 250 km/h.
Red Bull war folglich in den Geschwindigkeitsmessungen im zweiten und dritten Sektor schlechter positioniert, da die Energie offenbar bereits im ersten Sektor verbraucht wurde.
Die großen Unterschiede - auch innerhalb der Teams - zeigen jedoch, dass sich die Teams scheinbar noch nicht vollständig darüber im Klaren sind, wie das ideale Batteriemanagement für den Albert Park Circuit aussehen sollte. Gut möglich, dass im dritten Freien Training weitere Tests durchgeführt werden, nachdem die Daten vom Freitag ausgewertet wurden.
Mittelfeld: Audi plötzlich "Best of the Rest"?
Doch interessante Erkenntnisse gab es nicht nur bei den Topteams, sondern auch im Mittelfeld. Auf eine schnelle Runde konnte Racing Bulls mit Rookie Arvid Lindblad überzeugen. Der Brite setzte die insgesamt achtschnellste Zeit. Sein Longrun ließ allerdings zu wünschen übrig: Mit durchschnittlich 2,62 Sekunden Rückstand pro Runde auf die Spitze bewegte er sich klar im hinteren Mittelfeld.
Mit viel Sprit im Auto konnte hingegen Audi überzeugen. Nico Hülkenberg fuhr den schnellsten Longrun im Mittelfeld - im Schnitt fehlten ihm 1,95 Sekunden pro Runde auf George Russell. Auch sein Teamkollege Gabriel Bortoleto (+2,14) lag mit seinem Longrun im vorderen Teil des Mittelfeldes.
Das Haas-Team schien mit viel Gewicht größere Probleme zu haben als auf eine schnelle Runde. Rund 2,4 Sekunden pro Runde fehlten dem US-amerikanischen Team auf die Spitze. Damit war man auch langsamer als Alpine-Pilot Franco Colapinto (+2,13) sowie Liam Lawson im zweiten Racing Bulls (+2,16).
Die Schlusslichter im Longrun waren Alexander Albon im Williams (+2,82) und Cadillac-Pilot Valtteri Bottas. Der Finne lag mit einem durchschnittlichen Rückstand von 4,84 Sekunden pro Runde sogar deutlich abgeschlagen auf dem letzten Platz. Keine Longruns absolvierte Aston Martin.
Reifenverschleiß gering: Einstoppstrategie wahrscheinlich
Die Reifen dürften an diesem Wochenende dafür kein großes Thema werden. Der Verschleiß war während der Longruns auf allen drei Mischungen sehr gering und dürfte im Laufe des Wochenendes sogar noch weiter abnehmen, da mehr Grip auf die Strecke kommt.
Damit deutet vieles darauf hin, dass Melbourne - wie bereits in den vergangenen Jahren - auf eine klare Einstoppstrategie hinauslaufen wird. Pirelli-Chefingenieur Simone Berra erklärt: "Das in Melbourne bekannte Phänomen des Graining trat auch in diesem Jahr wieder auf, wobei es an der Vorderachse generell deutlicher zu beobachten war."
"Nach unseren ersten Erkenntnissen scheint keine der Optionen besonders benachteiligt zu sein, sodass alle drei Mischungen für mögliche Rennstrategien in Frage kommen. Der Verschleiß scheint begrenzt und für die Fahrer gut zu bewältigen zu sein."
Diese Story teilen oder speichern
Registrieren und Motorsport.com mit Adblocker genießen!
Von Formel 1 bis MotoGP berichten wir direkt aus dem Fahrerlager, denn wir lieben unseren Sport genau wie Du. Damit wir dir unseren Fachjournalismus weiterhin bieten können, verwendet unsere Website Cookies. Dadurch wird Dein Nutzererlebnis optimiert und die Werbung auf Deine Interessen zugeschnitten. Wir wollen dir aber natürlich trotzdem die Möglichkeit geben, eine werbefreie Website zu genießen.