Analyse
Formel 1 Madrid
Sechs Stopps? Mercedes verblüfft mit kurioser Reifen-Prognose in Madrid
Mercedes dominiert die Longruns in Madrid, doch die Konkurrenz lauert: Batterie, Topspeed & Reifenverschleiß könnten das Kräfteverhältnis noch gehörig verändern
Kevin Hermann
Bearbeitet: 11.09.2026, 21:50
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George Russell war der schnellste Mann in den Longruns von Madrid
Foto: LAT Images
Beim erstmaligen Großen Preis von Spanien in Madrid deutet sich an der Spitze eine ziemlich klare Angelegenheit an. Das Mercedes-Team entschied nicht nur beide Freien Trainings am Freitag für sich, sondern setzte auch in den wichtigen Longruns am Ende des Nachmittags ein deutliches Ausrufezeichen.
George Russell war mit viel Gewicht im Tank der schnellste Longrun-Pilot. Sein ärgster Verfolger war - bereinigt um unterschiedliche Reifenmischungen und Stintlängen - Red-Bull-Pilot Max Verstappen. Der Niederländer war lediglich 0,13 Sekunden pro Umlauf langsamer. Drittschnellster Longrun-Pilot war WM-Leader Kimi Antonelli. Allerdings fehlten ihm bereits 0,55 Sekunden pro Runde auf Russell.
Auf ganzer Linie enttäuschend verliefen die Rennsimulationen für Ferrari und McLaren. Beide Ferraris verloren rund neun Zehntel pro Runde auf Mercedes. Oscar Piastri war in seinem Longrun sogar 1,51 Sekunden pro Umlauf langsamer. Teamkollege Lando Norris konnte aufgrund technischer Probleme überhaupt keine Longruns absolvieren.
Hat Mercedes noch gar nicht alles gezeigt?
Beunruhigend für die Konkurrenz dürfte allerdings ein Blick auf das vergangene Wochenende in Italien sein. Dort lag Mercedes am Freitag in den Longruns noch gleichauf mit Ferrari, während McLaren lediglich zwei Zehntel fehlten. Am Rennsonntag waren die Silberpfeile schließlich jedoch acht Zehntel pro Umlauf schneller als beide Teams.
Mercedes scheint an Freitagen traditionell also weniger zu zeigen als die Konkurrenz. Das könnte für den weiteren Verlauf des Wochenendes ein schlechtes Omen sein. Allerdings ist auch Vorsicht geboten: Die Strecke in Madrid ist neu, weshalb zum Samstag noch größere Sprünge beim Set-up zu erwarten sind.
Auf eine schnelle Runde scheint die Konkurrenz zudem näher an Mercedes dran zu sein. Addiert man die jeweils schnellsten Sektorzeiten aller Fahrer, hätte Charles Leclerc theoretisch eine Bestzeit von 1:33,478 fahren können. Von den Top-6-Fahrern konnte allerdings lediglich Arvid Lindblad alle seine jeweils besten Sektoren zu einer Runde kombinieren. Auch Mercedes hatte noch Luft nach oben.
Hat Mercedes das Batteriemanagement besser im Griff?
Dennoch stellt sich die Frage, woher der deutliche Vorteil von Mercedes - insbesondere in den Longruns - kommt. Die Antwort scheint dabei eindeutig zu sein: Die Konkurrenz verliert im letzten Sektor zu viel Zeit.
Bereits in den Qualifying-Simulationen konnte Mercedes im dritten Sektor die Bestzeit setzen. Mit viel Gewicht im Tank lässt sich dieser Vorsprung offenbar noch weiter ausbauen.
Ein Blick auf die Telemetriedaten zeigt, dass Mercedes im ersten Sektor weniger Energie aus der Batterie zu verwenden scheint. Trotzdem ist das Team dort nur marginal langsamer als die Konkurrenz. Im letzten Sektor verfügt Mercedes hingegen über einen klaren Topspeedüberschuss, der sich insbesondere im Longrun-Mapping auszuzahlen scheint.
Während Mercedes im letzten Sektor glänzt, kann Ferrari im ersten Sektor punkten. Max Verstappen und Red Bull sind wiederum im schnellen zweiten Sektor besonders stark. Einzig McLaren präsentiert sich in allen drei Sektoren konstant zu langsam.
Mittelfeld: Wo kommt Haas auf einmal her?
Die Schlagzeilen im Mittelfeld schrieb am Trainingsfreitag einmal mehr Racing Bulls - und das gleich aus zwei Gründen. Zum einen fuhr Arvid Lindblad im zweiten Training auf den vierten Platz und lag dabei nur 0,228 Sekunden zurück. Zum anderen sorgte der Rookie kurz darauf für einen heftigen Unfall inklusive roter Flagge.
Wirklich repräsentative Longruns konnte Racing Bulls dadurch nicht absolvieren. Auch Teamkollege Yuki Tsunoda war auf einem anderen Programm unterwegs und absolvierte seine Qualifying- und Rennsimulation in einem einzigen Stint mit wahrscheinlich geringer Spritmenge.
Damit konnte tatsächlich Haas die beste Longrun-Pace des Mittelfelds vorweisen. Esteban Ocon fehlten in seinem Stint lediglich 0,92 Sekunden pro Runde auf George Russell im Mercedes. Damit war der Franzose praktisch auf Augenhöhe mit den Ferraris.
Dahinter folgen Alpine (+1,60), Audi (+2,20), Williams (+2,58), Cadillac (+4,00) und Aston Martin (+4,33) mit teilweise beachtlichen Rückständen. Doch auch hier ist angesichts der Premiere des Madrings Vorsicht geboten. Durch Set-up-Änderungen könnte sich das Kräfteverhältnis noch deutlich verschieben.
"Sechs Stopps": Droht eine Reifenschlacht in Madrid?
Überrascht hat am Trainingsfreitag nicht nur die Performance einiger Teams, sondern auch das Verhalten der Reifen. Als Stadtkurs mit eigentlich glattem Asphalt hatte man zunächst nicht mit einem hohen Reifenverschleiß gerechnet. Doch genau das könnte sich nun anders darstellen.
Mercedes-Teamchef Toto Wolff erklärte bei Sky: "Am Anfang war es tricky, weil die Strecke so viel Grip hat, obwohl es ein ganz neuer Asphalt ist. Und interessanterweise haben wir das gegenteilige Problem, das wir erwartet haben. Wir kriegen den Reifen nicht ganz auf Temperatur. Dauert eine Runde und dann wird es ein bisschen besser. Aber natürlich der Reifenabbau ist unglaublich, dann durch den Grip."
Auf eine genauere Rückfrage spricht Wolff von "acht Zehnteln Abbau pro Runde" im ersten Freien Training. "Das haben wir noch nie gesehen", so der Österreicher. "Unser Strategiechef hat gesagt sechs Stopps. Aber ich denke, am Ende wird es dann ein Stopp werden."
Dennoch lag auch der Verschleiß im zweiten Freien Training in den Longruns bei rund drei Zehnteln pro Umlauf. Aktuell spricht das eher für zwei als für einen Stopp. Allerdings dürfte die zunehmende Fahrzeit für mehr Grip auf der Strecke sorgen, wodurch sich der Reifenverschleiß im weiteren Verlauf des Wochenendes reduzieren könnte.
Wie unklar die Reifenlage aktuell noch ist, zeigt auch eine gegensätzliche Aussage von Pirelli-Sportchef Dario Marrafuschi, ebenfalls bei Sky: "Der Grip des Asphalts ist wirklich gut, worauf wir höchstwahrscheinlich weniger Verschleiß als erwartet haben werden."
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