Martin Donnelly: "Habe seit dem Crash nie mehr geträumt"

Martin Donnelly im Interview über seinen Horrorcrash in Jerez 1990 und die Folgen: Wie er dreimal den Tod bezwang und wieso er sich nicht erinnern will.

Die Bilder sind noch heute - fast 28 Jahre danach - vielen im Gedächtnis: Martin Donnelly liegt beim Qualifying zum Grand Prix von Spanien 1990 in Jerez schwer verletzt auf dem Asphalt, nachdem er bei einem der heftigsten Unfälle der Formel-1-Geschichte samt Sitzschale aus seinem Lotus-Boliden geschleudert wurde (die genaue Rekonstruktion des dramatischen Wochenendes in Jerez 1990 auf unserem Schwesternportal 'Motorsport-Total.com').

Im ausführlichen Interview mit 'Motorsport.com' spricht der Nordire über seine Rettung durch Formel-1-Arzt Sid Watkins, die letzte Ölung, seine Freundschaft mit Ayrton Senna und wie ihn das Schicksal mit dem schuldigen Mechaniker und seinem Unglücksauto Jahre später wieder zusammengebracht hat.

Frage: "Martin, welche Erinnerungen haben Sie an den Horrorunfall in Jerez 1990?"
Martin Donnelly: "Keine. Das einzige, was ich noch weiß, ist dass ich mit meinem Freund Ed Devlin und seiner Frau Jenny im Vorfeld des Rennens beim Bowling war. Aber ob das in Estoril oder in Jerez war, kann ich nicht sagen. Und ich erinnere mich, dass wir ein Auto gemietet haben. Aber das war es. Es ist seltsam: Man glaubt, dass man sich an diese Dinge erinnern können müsste, da sie einschneidend für mein Leben waren, aber ich erinnere mich an gar nichts."

Frage: "Und es gibt ja auch keine TV-Aufnahmen vom Unfall selbst?"
Donnelly: "Nein, niemand hat es aufgenommen, und auch im TV wurde es nicht übertragen, denn Ayrton Senna war zu diesem Zeitpunkt auf seiner Qualifying-Runde. Und die haben die TV-Kameras verfolgt. Ich kann also sagen: Ich habe Sennas schnellste Runde kaputt gemacht (lacht). Aber er ist dann gleich nach dem Unfall eingestiegen, und war sogar noch schneller."

Frage: "Es ist ein Wunder, dass Sie den Crash überlebt haben..."
Donnelly: "Das Auto ist beim Anprall auseinandergebrochen, und ich flog durch die Luft. Das hat vielleicht mein Leben gerettet. Wäre ich im Auto geblieben, dann wäre ich heute wohl tot."

Frage: "Sie waren vor dem Unfall ein aufstrebender Rennfahrer - dann dieser Bruch..."
Donnelly: "Ja. Mit meinen 25 Jahren war ich damals ein junger Mann mit vielen Träumen. Und wissen Sie, was seltsam ist? Ich habe auch beim Schlafen viel geträumt, hatte überdurchschnittlich oft Déjà-vus. Und seit meinem Unfall - nichts mehr. Ich träume nicht, habe keine Déjà-vus. Ich gehe zu Bett, drehe das Licht ab, schlafe ein und wache auf. Dazwischen träume ich nicht, da ist nichts."

Letzte Ölung: Selbst F1-Arzt Watkins hatte aufgegeben

Frage: "Formel-1-Arzt Sid Watkins hat Ihnen unmittelbar nach dem Crash das Leben gerettet. Das war aber nicht das einzige Mal, oder?"
Donnelly: "Nein. Sid holte mich nach dem Jerez-Wochenende in sein Krankenhaus in London Whitechapel. Ich habe eine Spritze in meinen Arm bekommen, die mehr oder weniger jeden Muskel in meinem Körper gelähmt hat. Sie haben mich auf eine Tragbare gezurrt, haben mich per Flugambulanz zum Flughafen London-Gatwick geflogen. Ich wurde dann in den Hubschrauber umgeladen, denn Sids Krankenhaus hatte einen Hubschrauber-Landeplatz auf dem Dach."

"Sid Watkins sagte zu meiner Mutter, sie solle sich von mir verabschieden." - Martin Donnelly

"Am Mittwoch zeigte mein Körper eine Schockreaktion. Das bedeutete, dass ich ein komplettes Versagen der inneren Organe hatte. Ich wurde mehrere Wochen lang künstlich beatmet, weil meine Lungen nicht funktioniert haben. Ich musste jeden Tag drei Stunden zur Dialyse."

"Meine Mutter war da, sie war eine sehr katholische Frau. Sid hat ihr an einem Abend gesagt, dass sie sich von mir verabschieden sollte, denn er rechnete nicht damit, dass ich die Nacht überstehen würde. Sie sorgte also dafür, dass mir der Pfarrer die letzte Ölung gab. Ich war aber immer schon ein Kämpfer, habe nie aufgegeben. Und deswegen kann ich heute diese Geschichte erzählen."

Frage: "Wie oft waren Sie zwischen Leben und Tod?"
Donnelly: "Sie mussten mich zwei Mal wiederbeleben, als ich an meinen Beinen und am Brustkorb operiert wurde. Wenn das Herz aufhört zu schlagen, dann ist man im Grunde tot. Ich habe also drei Mal den Tod bezwungen."

Frage: "Ihre Rekonvaleszenz war langwierig, nicht wahr?"
"Da gibt es eine Geschichte: Anfang November 1990, also rund einen Monat nach dem Unfall, präsentierte Eddie Jordan in Silverstone sein neues Formel-1-Team. Daher machten sich viele Journalisten aus Belfast auf den Weg zur Präsentation. Und auf dem Weg zurück zum Flughafen besuchten sie mich im Krankenhaus. Ich konnte damals mit ihnen sprechen, hatte aber eine sehr seltsame, leise Stimme."

"Sie wussten, dass ich wieder gesund werden würde und brachten mir ein paar Erinnerungsstücke von der Präsentation mit. Drei Tage später fragte ich meine Verlobte, wo denn all der Kram herkomme. Ich hatte keine Erinnerung mehr daran, dass die Journalisten im Krankenhaus gewesen waren."

"Mir wurde eine Hypnose angeboten, um die Erinnerung zurückzuholen, aber ich wollte es dann doch nicht." - Martin Donnelly

"Überhaupt habe ich keine Erinnerung mehr an die Zeit bis Weihnachten 1990. Da durfte ich für drei Tage nach Hause, und mir wurde bewusst, wie sehr das Krankenhaus meine Umgebung geworden war, wie sehr ich von anderen Menschen abhängig war. Das mochte ich nicht, das war nicht ich. Dadurch war ich fest entschlossen, das Krankenhaus so schnell wie möglich zu verlassen. Am 14. Februar wechselte ich in Willi Dungls Klinik in Gars am Kamp in Österreich."

Frage: "Haben Sie mit Menschen gesprochen, die ähnliche Erfahrungen nach solchen Unfällen gemacht haben?"
Donnelly: "Nein, das habe ich nie. Aber ich habe Sid Watkins gefragt, warum ich mich nicht an den Unfall erinnern kann. Er hat gesagt, dass sich die gute Hälfte meines Gehirns vor der schlechten Hälfte schützt. Außerdem hat er mich gefragt, warum ich mich daran erinnern will, es handle sich hier um ein Trauma. Mir wurde irgendwann angeboten, mich hypnotisieren zu lassen, um die Erinnerung zurückzuholen, aber ich wollte es dann doch nicht. Ich bin eigentlich sehr froh, dass ich mich nicht erinnere."

Folgen des Unfalls noch heute spürbar

Frage: "Sind Sie heute völlig geheilt?"
Donnelly: "Ich kann mein linkes Bein nicht abwinkeln. Als ich im Februar 1993 einen Formel-1-Test für Jordan absolvierte, habe ich versucht, das Auto in der Fabrik innerhalb von fünf Sekunden zu verlassen, aber das habe ich nicht geschafft. Bei abgenommenem Lenkrad wäre das etwas anderes gewesen."

"Außerdem spüre ich im unteren Teil meines linken Beins nichts. Meine Zehen sind ständig eingerollt, also gehe ich auf der Ferse. Deswegen muss mich alle drei Jahre im Krankenhaus operieren lassen, denn mein Fersenknochen bekommt mehr ab als normal. Sie müssen diesen Knochen abflachen. Ich kann auch keine Lederschuhe tragen."

"Aber abgesehen davon geht es mir gut. Ich fahre immer noch Rennautos mit einem Kupplungspedal. Ich habe es gelernt, meinen Rücken in den Sitz zu pressen, damit ich nach vorne rutsche, um den Gang wechseln zu können. Ich bin immer noch schnell genug, um die jungen Fahrer zu fordern."

Frage: "Haben Sie Schmerzen?"
Donnelly: "Nur wenn es kalt ist, denn dann kühlt das linke Bein stark ab, weil meine Nerven dort nicht funktionieren. Ich nehme dann ein heißes Bad. Aber das ist alles, ich darf mich also nicht beschweren. Manchmal denke ich mir: Natürlich hätte ich gerne mehr Geld auf der Bank, denn ich war nie sehr wohlhabend. Und wenn ich Freunde wie Johnny Herbert, Damon Hill und Jean Alesi anschaue, dann sehe ich, dass sie ein gutes Leben haben - und Hausbedienstete."

"Aber dann denke ich an Ayrton Senna. Er war damals bei weitem besser als wir alle, hatte seine Million, wurde drei Mal Weltmeister. Er hatte nie eine Familie und ist nicht mehr unter uns. Ich habe hingegen drei gesunde Kinder, die ein gutes Leben haben, habe mein Bestes gegeben, damit sie eine gute Ausbildung haben. Mir geht es gut, solange ich meine Kinder sehe und immer wieder mal auf Urlaub fahre. Außerdem arbeite ich für Jeep und als Fahrercoach."

Freundschaft mit Ayrton Senna schon vor dem Drama

Frage: "Ihr Unfall hat Senna sehr betroffen gemacht. Sie kannten einander?"
Donnelly: "Ja, wir waren Freunde. Als er in den 1980er-Jahren zu Lotus ging, war er ständig in der Wohnung von Van-Diemen-Teamchef Ralph Firman (für dessen Formel-Ford-Team Senna 1981 Meister wurde; Anm. d. Red.). Der hatte einen jungen Kerl namens Mauricio Gugelmin unter Vertrag, der ein sehr guter Freund Ayrtons war. Ayrton, Mauricio und ich gingen oft gemeinsam Abendessen und feierten Partys."

"Und dieser Ed Devlin, über den ich vorhin gesprochen habe, der hatte ein Cafe in Snetterton. Alle Fahrer, die für Van Diemen fuhren, wurden von ihm mit Essen versorgt, weil er immer eine Schwäche für den Motorsport hatte. Als ich 1990 zu den Wintertests nach Imola reiste, nahm ich Ed mit. Wir gingen die Boxengasse entlang, und Ayrton war gerade mitten in einem Interview. Als er Ed sah, drückte er den Journalisten beiseite, lief durch die McLaren-Box und umarmte ihn. Senna war ganz überrascht, Ed zu sehen und fragte: 'Bringst du mir mein Schinken-Sandwich?'"

"Unsere Wege haben sich zehn Jahre lang immer wieder gekreuzt. Und als ich dann den Unfall hatte, hatte Ayrton natürlich einen Bezug zu mir und war sofort da."

 

Frage: "Hatten Sie nach Ihrem Unfall je wieder mit Senna Kontakt?"
Donnelly: "Ja - und zwar beim Großbritannien-Grand-Prix 1993. In meinem Team gab es damals einen Formel-Ford-Fahrer namens Russell Ingall, dessen damalige Verlobte ein riesiger Senna-Fan war. Sie hat mich gebeten, ein Treffen für ein gemeinsames Foto zu arrangieren."

"Ich bat also im McLaren-Motorhome um einen Termin, und als Ayrton dann auftauchte, hat er mich sehr herzlich umarmt und mit dem jungen Mädchen ziemlich geflirtet. Sie wurde immer verlegener, dann unterschrieb er ihre T-Shirts und das Programmheft. Ayrton und ich haben eine Stunde geredet, er wollte vieles über mein Leben wissen - und was beim Unfall passiert ist. Dann hatte er andere Verpflichtungen. Das war das letzte Mal, dass wir Kontakt hatten."

Begegnung mit dem eigenen Schicksal

Frage: "Ihr Unfall in Jerez wurde von einem Mechaniker verschuldet, der vergessen hatte, die lose Vorderradaufhängung zu überprüfen. Haben Sie ihn eigentlich je wieder gesehen?"
Donnelly: "Ja, eine weitere kuriose Geschichte: Viele Jahre nach meinem Unfall war ich beim Lotus-Festival in Brands Hatch, wo ich Mario Andrettis Formel-1-Auto gefahren bin. Ein Rennfahrer namens Andrew Morris hatte damals ausgerechnet den Lotus 102 aus dem Jahr 1990 gekauft."

"Er hat 150.000 Pfund dafür bezahlt und musste dann noch 200.000 drauflegen, um Getriebe und Aufhängung zu restaurieren. Und als er dann endlich fahren wollte, passte er nicht in das Auto! Er war zu groß und zu breit, und hatte tatsächlich vor dem Kauf nie im Auto Platz genommen."

"Und so bin ich am Morgen im Andretti-Auto gesessen, das so leicht zu fahren war, und am Nachmittag im 102. Ich dachte mir: Oh mein Gott, wie konnten wir in diesem engen, steif abgestimmten Auto ein Rennen durchhalten? Und der Mechaniker, der sich an diesem Wochenende um dieses Auto kümmerte, war ausgerechnet der Mann, der meinen Unfall verursacht hatte."

"Er arbeitete nicht mehr bei Lotus, aber da im Sommer Personalknappheit herrschte, wurde er darum gebeten. Er wusste allerdings nicht, dass ich das Auto fahren würde. Es gibt da ein ganz spezielles Foto, das mich im Cockpit zeigt, den Mechaniker zu meiner Linken und meinen alten Schulfreund Paddy zu meiner Rechten."

"Der Mechaniker, der meinen Unfall verschuldete, litt drei Monate lang unter Depressionen und fühlt sich heute noch schuldig." - Martin Donnelly

"Er ist damals am Tag des Unfalls nach Sevilla gefahren und hat mich im Krankenhaus besucht und meine Verlobte Dyanne ein bisschen bei Laune gehalten. Dieses Bild hat für mich deswegen so eine Bedeutung, weil wir drei auch am Tag meines Unfalls am gleichen Ort waren."

Frage: "Wie ist der Mechaniker mit der Schuldfrage umgegangen?"
Donnelly: "Er litt drei Monate lang unter Depressionen, weil er sich verantwortlich fühlte. Er hat es natürlich nicht absichtlich gemacht, aber er fühlt sich heute noch schuldig. Wenn aber die Aufhängung noch eine Kurve länger gehalten hätte, dann wäre mir nichts passiert, denn in der Zielkurve gab es im Gegensatz zur Unglückskurve ein riesiges Kiesbett und ordentliche Reifenstapel."

Klarer Halo-Befürworter

Frage: "Wie sehen Sie die Sicherheitsdiskussion in der aktuellen Formel 1?"
Donnelly: "Die Unfälle sind sehr wichtig, denn durch sie lernen wir. Wir müssen versuchen, sie zu verhindern. Ein Beispiel: Als ich damals nicht atmete, war niemand da, der einen Luftröhrenschnitt machen konnte. Heute befindet sich alle 400 Meter einer Grand-Prix-Strecke ein Arzt oder Chirurg, der dazu in der Lage ist."

"Man darf keine Angst davor haben, die Sicherheit weiter zu verbessern, schließlich fürchten wir alle den Tod. Das Halo-System sieht vielleicht nicht fantastisch aus, aber seine Einführung ist bereits gerechtfertigt, wenn es nur einem einzigen Fahrer das Leben rettet. Ich denke da an John Surtees, dessen Sohn Henry von einem Rad erschlagen wurde. Sonst sehe ich das aktuelle Reglement aber etwas kritisch..."

Frage: "Warum?"
Donnelly: "Ich persönlich finde, dass die Formel 1 mit den Turbomotoren in die falsche Richtung gegangen ist. Als ich das erste Mal bei einem Formel-1-Rennen war und noch meilenweit von der Rennstrecke entfernt war, da habe ich die Autos schon gehört. Der Lärm war unglaublich. Und ich finde, dass der Motorsport diesen Sound benötigt. Das höre ich auch von vielen Leuten, dass der Sound in die Formel 1 zurückkehren muss."

Frage: "Sie waren auch selbst später für die FIA als Rennkommissar tätig. Warum üben Sie diese Funktion nicht mehr aus?"
Donnelly: "Weil unser Freund Christian Horner Jean Todt zur Seite nahm und ihn überzeugt hat, dass es zu viele ungleichmäßige Entscheidungen durch die Rennkommissare gibt. Dadurch wurde die Anzahl der Rennkommissare auf sechs reduziert. Ich habe gesagt, dass sich dadurch nichts ändern wird. Und genau so ist es gekommen. Die Rennkommissare bemühen sich doch ohnehin, die Ereignisse so gleichmäßig wie möglich zu beurteilen."

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Über diesen Artikel
Rennserien Formel 1
Veranstaltung GP Spanien
Rennstrecke Circuito de Jerez
Fahrer Martin Donnelly
Artikelsorte Interview
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