Mattia Binotto erklärt: Deshalb hat Ferrari keinen "Doublestack" gemacht

Charles Leclercs Pechsträhne reißt nicht ab - Warum sich Ferrari in Silverstone entschied, den Monegassen auf alten harten Reifen draußen zu lassen

Mattia Binotto erklärt: Deshalb hat Ferrari keinen "Doublestack" gemacht
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Wie schon in Monaco scheint der Ferrari-Kommandostand Charles Leclerc auch beim Großen Preis von Großbritannien den sicher geglaubten Sieg gekostet zu haben. Der Monegasse lag in Führung, ehe Esteban Ocon 13 Runden vor Schluss mit einem technischen Defekt ausrollte und eine Safety-Car-Phase auslöste.

Die Ferrari-Strategen entschieden sich überraschenderweise dafür, den führenden Leclerc auf alten harten Reifen draußen zu lassen, während man bei Teamkollege Carlos Sainz die Chance nutzte, um auf neue weiche Reifen zu wechseln. Auch die restlichen Verfolger Hamilton, Perez, Norris und Alonso kamen zum Reifenwechsel an die Box.

Beim Restart war Leclerc mit den abgenutzten harten Reifen gegen die Konkurrenz chancenlos und fiel schließlich bis auf den vierten Platz zurück. "Ich denke, wenn wir gestoppt hätten, wären die anderen vielleicht draußen geblieben, und er [Leclerc] wäre auf weichen Reifen vielleicht Vierter gewesen, mit anderen Autos vor ihm", sagt Teamchef Mattia Binotto.

"Hätte er die Positionen zurückerobert? Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen, was wir hätten anders machen können. Wir hatten wieder einmal ein Safety-Car zum falschen Zeitpunkt, als wir das Rennen komfortabel anführten", fügt er hinzu.

Binotto: "Unsere Autos waren zu nah beieinander"

Wenn man sich das Rennen im Nachhinein betrachtet, dann ist klar, dass Leclerc in einem solchen Szenario mit seiner Pace locker wieder in Führung gegangen wäre, da er auf den alten harten Reifen selbst von drei Piloten überholt wurde, was zeigt, wie gut der frische weiche Reifen war.

"Natürlich war es für Charles etwas enttäuschend mit dem Safety-Car am Ende und dass Ocon in der Mitte der Strecke stoppte, obwohl er meiner Meinung nach auch woanders hätte anhalten können. Dafür wäre noch Zeit gewesen", sagt Binotto.

"Unsere beiden Autos waren aus unserer Sicht zu nah beieinander, um sie beide in die Box zu holen, weshalb wir eine Entscheidung treffen mussten. Wir waren die Einzigen da draußen, die zwei Autos hatten, die um die guten Positionen kämpften. Die anderen Teams hatten nur ein Auto, also war es für sie natürlich viel einfacher."

Wie Ferrari den Abstand hätte vergrößern können

Der Abstand zwischen den beiden Ferrari-Piloten betrug zum Zeitpunkt des Ocon-Ausfalls knapp fünf Sekunden. Allerdings hätte das Team Sainz strategisch anweisen können, etwas mehr zu verlangsamen, damit sich der Abstand erhöht, um einen "Doublestack" an der Box zu machen.

Ein solches Szenario wurde zuletzt auch von Mercedes beim Großen Preis von Saudi-Arabien 2021 durchgeführt, als der zum Zeitpunkt des Safety-Cars Zweitplatzierte Valtteri Bottas Max Verstappen hinter ihn einbremste, um nach vorne genug Luft zu Lewis Hamilton zu schaffen und somit einen doppelten Mercedes-Reifenwechsel zu ermöglichen.

Zu Ferraris Verteidigung muss jedoch erwähnt werden, dass die Zeit dafür sehr knapp war, da Leclerc, Sainz und Hamilton schon in der letzten Kurve vor der Boxengasse waren, als das Safety-Car aktiviert wurde und die Teams somit eine rasche Entscheidung treffen mussten.

Binotto: Sainz sollte Leclerc abschützen

"In unserem Fall hatten wir zwei Autos und wir waren der Meinung, dass der Abstand einfach nicht ausreichte, um beide zu stoppen", sagt der Ferrari-Teamchef. "Das zweite Auto [Sainz] hätte dann beim Boxenstopp Zeit verloren und wäre auf die Strecke zurückgefallen."

"Deshalb haben wir uns entschieden, nur einen zu stoppen, nämlich Carlos, denn Charles war vorne. Er lag in Führung und hätte das Rennen auch weiterhin angeführt, weil seine Reifen im Vergleich zu denen von Carlos um sechs oder sieben Runden frischer waren."

"Und Carlos hätte auf dem zweiten Platz mit dem Stopp Charles zumindest in den ersten paar Kurven geschützt, da wir wussten, dass es etwas schwieriger sein würde, die harten Reifen auf Temperatur zu bringen. Das war der Grund, warum wir uns dafür entschieden haben", erklärt Binotto.

"Wir hofften dann einfach auf einen stärkeren Reifenabbau der weichen Reifen. Charles würde anfangs vielleicht drei oder vier schwierige Runden haben und sich dann später erholen, aber der weiche Reifen baute nicht so ab, wie wir gehofft hatten", analysiert Binotto.

Warum die Ferrari-Strategie zum Scheitern verurteilt war

Dennoch geht die Logik nicht auf, denn wenn sich Ferrari sicher war, dass der harte Reifen schwierig aufzuwärmen war, dann wäre es ja umso einfacher gewesen, Hamilton auf der Strecke zu überholen, wenn er auf den harten Reifen draußengeblieben und beide Ferrari-Piloten an die Box gekommen wären.

Die Position gegen Perez hätten sowohl Leclerc als auch Sainz nicht verloren, da der Red-Bull-Pilot über 25 Sekunden Rückstand hatte. Im schlechtesten Szenario - einem verpatzten Ferrari-Doppelstopp bei gleichzeitigem Reifenwechsel von Hamilton - hätte Carlos Sainz nur die Position gegen den Briten verloren und Ferrari wäre auf den Plätzen eins und drei wieder auf die Strecke gekommen.

Da die Mercedes-Piloten zudem das gesamte Wochenende damit kämpften, die Reifen schnell auf Temperatur zu bekommen, hätte Sainz dennoch eine gute Chance gehabt, Hamilton sofort wieder zu überholen. Dies zeigte sich zuvor bei Hamiltons Wechsel von den Mediums auf harte Reifen, als er zunächst einiges an Zeit einbüßte aufgrund von fehlender Reifentemperatur, ehe er die Pace anziehen konnte.

Red-Bull-Teamchef Horner kann Ferrari verstehen, hätte es aber anders gemacht

Christian Horner, Teamchef des WM-Rivalen von Red Bull, zeigt Verständnis für die unglückliche Strategieentscheidung von Ferrari, deutet aber auch an, dass man es bei Red Bull wohl anders gemacht hätte.

"Es ist immer die härteste Entscheidung, die es gibt, in Führung liegend an die Box zu kommen. Aber ich denke, selbst wenn Lewis draußen geblieben wäre, hätten sie ihn mit dem Reifenvorteil der Softs wieder überholt", sagt er.

Carlos Sainz über Strategie: "Wollte harten Reifen unbedingt loswerden"

Rennsieger Carlos Sainz schätzt die Situation in der Safety-Car-Phase wie folgt ein: " Ich weiß wirklich nicht, was da vorne [bei Leclerc] passiert ist. Als das Safety-Car herauskam, wusste ich, dass es eine gute Gelegenheit war, den Soft-Reifen aufzuziehen, weil ich davor schon länger auf den harten Reifen unterwegs war."

"Vorne links hatte er sich bereits mit Graining etwas geöffnet, was ich nicht erwartet hatte. Daher wollte ich den Reifen schnell loswerden, weil er mir kein gutes Gefühl und keine gute Pace brachte. Als das Safety-Car herauskam, war ich sofort bereit, an die Box zu fahren."

Anders als Binotto war sich Sainz sicher, dass man mit den roten Reifen einfach überholen könnte: "Ich nutzte die Gelegenheit [des Reifenwechsels] und wusste, dass es ziemlich einfach sein würde, Charles beim Restart zu überholen."

"Ich war mir zu 100 Prozent sicher, dass ich die Möglichkeit dazu hatte. Ich wollte es nur so sauber wie möglich machen, ohne sein Rennen zu beeinträchtigen, denn ich wusste, dass einige hinter mir auf den Soft-Reifen Druck machten. Ich denke, er hat einen großartigen Job gemacht, um noch Vierter zu werden", sagt Sainz.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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