McLaren 1997: Wie ein Foto ein geheimes Bremspedal aufdeckte

Ex-Journalist Matt Bishop erinnert sich an seine Enthüllung aus der Saison 1997: Als er Ron Dennis zur Weißglut brachte und McLarens Geheimnis aufdeckte

McLaren 1997: Wie ein Foto ein geheimes Bremspedal aufdeckte

In der Formel-1-Saison 1997 machte Formel-1-Fotograf Darren Heath eine ungewöhnliche Entdeckung. Er beobachtete die McLaren-Boliden vom Streckenrand des damaligen A1-Rings in Spielberg, Österreich, aus und bemerkte dabei, dass die Bremsscheiben der Hinterräder am Kurvenausgang orange glühten. Diese Erkenntnis führte zu einer der größten Enthüllungen der jüngeren Vergangenheit.

"Die Geschichte haben wir an zwei Rennwochenenden, Österreich und Deutschland, recherchiert", erinnert sich Matt Bishop, damaliger Journalist für die renommierten britischen Magazine Autosport und GP Racing. Der Brite ist mittlerweile Pressechef des Aston-Martin-Teams, nach Stationen bei McLaren und in der W-Series.

Im Formel-1-Podcast 'Starting Grid' schildert er die Umstände seiner spektakulären Recherche über ein zweites, geheimes Bremspedal des McLaren MP4/12. Die Geschichte beginnt mit dem Grand Prix von Österreich 1997, dem 14. Saisonrennen Ende September. Heath hatte sich in der Lauda-Kurve positioniert und fotografierte alle Boliden.

Die ganze Podcast-Folge hier anhören!

"Dieses Foto ist sehr eigenartig"

Da es zur damaligen Zeit noch keine Digitalkameras gab, musste Heath zunächst die Negative sichten. Dabei fiel ihm ein wichtiges Detail auf. Der Fotograf zeigte die unausgearbeiteten Bilder dem Journalisten Bishop. "Er hat gemeint: 'Matt, dieses Foto ist sehr eigenartig'. Ich habe es mir angesehen."

Heath hatte am Rennwochenende in Spielberg all Autos am Kurvenausgang aufgenommen. "Kein Auto hatte glühende Bremsscheiben - natürlich nicht, weil es der Ausgang der Kurve ist. Das Auto wird an diesem Punkt bereits wieder beschleunigt - abgesehen von den beiden McLarens."

Die Bremsscheiben an den Boliden von David Coulthard und Mika Häkkinen glühten orange am Kurvenausgang. "Wir waren irritiert. Warum soll ein Auto glühende Bremsscheiben am Kurvenausgang haben?", fragten sich Heath und Bishop zu jenem Zeitpunkt.

 

"Wir dachten, es sei außergewöhnlich." Nach einer aufwendigen Recherche - Bishop verrät seine Quellen auch 23 Jahre später nicht - hat er gemeinsam mit Heath das Rätsel ein Rennen später gelöst. "McLaren hat es raffinierterweise geschafft, etwas zu entwickeln, was völlig legal war."

Zu jener Zeit kamen immer wieder Gerüchte über den illegalen Einsatz von Traktionskontrollen auf, etwa bei Benetton oder Ferrari. Vor allem McLaren und Williams waren skeptisch, und hatten ihre eigenen Lösungen gefunden. "Und zwar eine manuelle Nachbildung einer Art Traktionskontrolle."

Das wussten Heath und Bishop in Österreich allerdings noch nicht, erst danach begannen ihre Recherchen. "Wir haben herausgefunden, dass McLaren ein zweites Bremspedal verwendet. Sie hatten ein normales Bremspedal, um das Auto zu verlangsamen und anzuhalten."

"Heureka"-Moment in der Badewanne

"Und dann hatten sie ein zweites, kleineres Bremspedal auf der linken Seite des Hauptpedals angebracht." Dieses zweite Pedal wurde von den Piloten am Kurvenausgang verwendet, um Untersteuern zu vermeiden. "Es war nicht wirklich eine Traktionskontrolle."

"Es wurde am jeweiligen inneren Hinterrad eingesetzt, damit die Front am Ausgang der Kurve zum Beschleunigen richtig reingehalten wird. Es konnte links oder rechts verwendet werden. Coulthard und Häkkinen mussten das über einen Schalter im Cockpit steuern", erzählt Bishop. So hat die McLaren-Lenkbremse funktioniert!

"Beim Rausbeschleunigen haben sie mit dem rechten Fuß Gas gegeben, mit dem linken haben sie hingegen ganz leicht das kleine Bremspedal berührt, um das Auto in die richtige Position zu bringen und Untersteuern zu vermeiden. Dadurch konnten sie die Beschleunigungsphase nach der Kurve optimieren."

 

Laut Angaben von McLaren selbst hat die Innovation rund eine halbe Sekunde pro Runde an Zeit gebracht. Die Idee stammt ursprünglich vom ehemaligen Chefingenieur des Teams, Steve Nichols. In einem "Heureka"-Moment im Winter 1996 kam ihm die Idee.

"Es war in der Weihnachtszeit und ich war im Urlaub bei meinen Eltern und lag in der Badewanne", erinnert sich der Amerikaner auf der Website des Teams. "Wir haben die Autos typischerweise so eingestellt, dass sie ziemlich untersteuerten [...] und ich hatte die Idee, in den Kurven eine Hinterradbremse zu montieren, um das Untersteuern auszugleichen."

Paddy Lowe, als damaliger Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei McLaren, bewilligte das Konzept. Bei einer Testfahrt in Silverstone sollte es schließlich ausprobiert werden. "Es war überraschend einfach zu implementieren", erinnert sich Tim Goss, der zu dieser Zeit Chefingenieur im Testteam war.

Häkkinens Ärger wird zum Glücksfall für Fotografen

"Wir mussten natürlich überprüfen, ob das auch regelkonform war. Ich erinnere mich, dass wir uns sicher waren, dass es legal war, und wir haben es einfach gemacht", erinnert sich Goss. Der Einbau sei ebenfalls recht simpel gewesen, im Grunde waren "nicht viel mehr als ein zusätzliches Pedal und ein Hauptbremszylinder" nötig.

Um über dieses geheime zweite Bremspedal, später auch "Fiddle Brake" genannt, berichten zu können, brauchten Heath und Bishop ein Foto davon. "Das war nicht einfach. Das nächste Rennen 1997 wurde auf dem Nürburgring ausgetragen. Darren und ich, wir waren die einzigen Menschen, die davon zu jenem Zeitpunkt wussten."

Der Formel-1-Fotograf schnappte sich am Rennsonntag einen Scooter des Jordan-Teams und war an der Rennstrecke bereit, um Fotos zu schießen. "Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn sofort anrufen würde, wenn ich irgendwo auf der Strecke einen McLaren sehe, der ausfällt", weiß Bishop noch.

Mika Häkkinen

Häkkinen führte das Rennen auf dem Nürburgring an ...

Foto: Motorsport Images

Er verfolgte im Medienzentrum die TV-Übertragung des Rennens. Beide McLarens führten den Grand Prix von Luxemburg zunächst an, es sah nach einem Doppelsieg für Häkkinen und Coulthard aus. Doch vor den Augen der hochrangigen Mercedes-Vertreter schieden beide aufgrund technischer Defekte aus.

"Ich habe das Darren natürlich sofort gesagt." Der Fotograf machte sich auf den Weg zur Unfallstelle und fand am Ende der Boxengasse beide McLaren-Boliden am Streckenrand gestrandet vor. Er beeilte sich, um noch vor den Sportwarten anzukommen und rannte zunächst zu Coulthards Wagen.

Da der Schotte allerdings sein Lenkrad nach seinem Ausfall ordnungsgemäß wieder angebracht hatte, kam Heath mit seiner Kamera nicht weit genug ins Cockpit-Innere. "Er rannte zu Häkkinens Auto. Der hatte das Rennen angeführt und war deshalb wohl noch verärgerter, daher hatte er auch sein Lenkrad nicht wieder angesteckt."

Wie Mosley McLaren-Teamchef Dennis schikanierte

Das Lenkrad des Finnen lag noch auf dessen Sitz im Cockpit - das war die Chance für Heath. Er hielt seine Kamera blind ins Cockpit und drückte unzählige Male ab. Dabei justierte er immer wieder die Schärfe, und hoffte, dass zumindest ein Schnappschuss das zweite Bremspedal einfängt.

"Wir konnten es nicht erwarten, die Fotos zu sehen. Wir sind sofort zurück nach England, London, geflogen und ließen sie ausarbeiten. Darren hat mich dann angerufen und gemeint: 'Kumpel, das wirst du nicht glauben. Wir haben ein absolut perfektes Foto. Man sieht alles darauf. Wir haben eine perfekte Story!'"

Bishop hatte bereits alle Fakten zusammengetragen und schrieb die Story, die in der nächsten Ausgabe des Magazins GP Racing erschien. Die Geschichte wurde auch im Fahrerlager gelesen und so kam es, dass auch Max Mosley das Heft amüsiert studierte - ganz zum Missfallen vom damaligen McLaren-Teamchef Ron Dennis.

Ron Dennis, Max Mosley, Frank Williams

Ron Dennis mit Max Mosley und Frank Williams

Foto: Motorsport Images

"Wie man weiß, sind Mosley und Dennis nicht die besten Freunde. Es gab dann ein Meeting mit allen Teamchefs in einem Hotel in Heathrow - Jean Todt, Ron Dennis, Eddie Jordan, Frank Williams, alle waren gekommen", erzählt Bishop.

"Max Mosley hat gewartet, bis sich alle gesetzt hatten und merkte dann an: 'Oh, übrigens Ron, hast du das schon gesehen?' Er hielt das Magazin hoch, um Ron die Geschichte zu zeigen. Ron brachte das zur Weißglut. Dann musste er zwei Stunden in dem Meeting sitzen, bevor er sich das genau ansehen konnte."

Das war das erste Mal, dass Dennis von der Enthüllung hörte. "Ja, bei einem Meeting mit allen Teamchefs, bei dem Max Mosley ihn absichtlich schikanierte. Natürlich war es unfassbar lustig für alle anderen Teamchefs." Dennis hingegen war wütend und vermutete, dass Heath und Bishop nur dank unlauterer Mittel an die Fotos kamen.

"Alle außer die McLaren-Verantwortlichen fanden es amüsant"

"Dennis und seine Ingenieure fühlten sich absolut sicher, dass sie unfair und vielleicht illegalerweise benachteiligt wurden von klugen Traktionskontrollen, die von Ferrari und Benetton eingesetzt worden sein sollen. Da lag er möglicherweise falsch. Aber er und auch Frank Williams waren davon überzeugt."

"Und dann fand er mit seinem Team eine intelligente, legale Lösung, um dieselben Effekte in einem Fahrzeug zu erzeugen. Und ein lausiger, kleiner Journalist hatten es ihm vermiest. Er war unfassbar wütend. Es ist erstaunlich, dass ich viele Jahre später für ihn arbeiten sollte", lacht Bishop. Er war von 2007 bis 2017 Pressechef des Teams.

Beim Saisonfinale 1997 in Jerez stellte Dennis Heath und Bishop zur Rede. "Er hatte sogar angenommen, dass wir in die McLaren-Fabrik eingebrochen seien, um an die Fotos zu kommen. Wir konnten ihm aber erklären, dass dies nicht stimmte und wir die Fotos bei Tageslicht im Rahmen eines offiziellen Events machen konnten."

Das glaubte Dennis allerdings nicht. Heath und Bishop verrieten ihm nicht, wie sie tatsächlich Fotos vom zweiten Bremspedal machen konnten. "Da fragte er, ob wir in die Garage eingebrochen seien oder die Sicherheitsleute geschmiert hätten. Doch wir haben die Fotos vor 100.000 Leuten gemacht. Das war unglaublich. Alle außer die McLaren-Verantwortlichen fanden es unfassbar amüsant."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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