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Kolumne

Meinung: Norris' Aussagen offenbaren den schwierigen Spagat der Formel 1

Die Formel 1 muss mit Blick auf das Reglement aktuell einen schwierigen Spagat schaffen: Redakteur Ronald Vording weiß, wie kompliziert die Situation derzeit ist

Meinung: Norris' Aussagen offenbaren den schwierigen Spagat der Formel 1

Lando Norris kennt beide Seiten der Medaille in der Formel 1

Foto: LAT Images

McLaren-Pilot Lando Norris stand mit einem Lächeln hinter Max Verstappen, als der Niederländer nach dem Großen Preis von Japan sein TV-Interview mit Viaplay gab. Der Red-Bull-Star sprach über das Reglement, als der Reporter ihn auf den lächelnden Norris hinter ihm aufmerksam machte.

Verstappen blickte zurück, brach ebenfalls in Gelächter aus, weil er wusste, dass Norris seine Meinung teilte, dann fuhr der viermalige Weltmeister mit seiner Erzählung fort: "Naja, ich weiß, dass wir für diese Saison ohnehin nicht mehr viel ändern können."

Nach Verstappens Interview war Norris vor der Kamera an der Reihe. Als erwähnt wurde, dass er sich mit dem Red-Bull-Piloten über das Energiemanagement und die Batterie unterhalten hatte, grinste der amtierende Weltmeister. "Wirklich? Das ist seltsam, denn ich habe das dieses Jahr noch nicht einmal erwähnt."

Auf die Anschlussfrage, ob das Rennen in Japan für ihn frustrierend gewesen sei, fuhr der McLaren-Pilot fort: "Ganz und gar nicht. Es ist wahrscheinlich das beste Racing, das ich je gesehen habe!" Als man ihn darauf hinwies, dass Norris' Antworten ziemlich sarkastisch klangen, begann der McLaren-Pilot noch mehr zu lachen.

Nachdem Norris die Runde bei allen TV-Crews beendet hatte, machte er sich auf den Weg in den Bereich des sogenannten Media-Pens, der für die schreibende Presse reserviert ist. Während der Brite die Bemerkungen im niederländischen Fernsehen noch mit einem Lächeln machte, biss er sich hier vor den Journalisten zunächst auf die Zunge.

Das entspricht dem Ansatz, den derzeit viele Schlüsselfiguren im Fahrerlager verfolgen: Nachdem sie ihre Hauptbedenken in Melbourne und Shanghai einige Male öffentlich geäußert haben, halten es viele nach gewisser Ermutigung von weiter oben inzwischen für konstruktiver, diese Kritik hinter verschlossenen Türen zu belassen.

Als Norris auf die Geschwindigkeitsdifferenzen und den Unfall von Oliver Bearman angesprochen wurde, fasste er sich zunächst ebenfalls kurz: "Meine Kommentare sind die gleichen wie schon das ganze Jahr über, genau wie bei bestimmten anderen Fahrern, also muss ich nicht weiter darauf herumreiten."

Erst als ihn Autosport, eine Schwesterplattform von Motorsport-Total.com im Motorsport Network, damit konfrontierte, dass bis Sonntagmorgen Konsens darüber geherrscht habe, dass das Qualifying Anpassungen bedürfe, das Racing selbst aber einigermaßen gut gewesen sei, teilte Norris seine deutlichere Meinung.

Max Verstappen (Red Bull) beim Formel-1-Rennen in Japan 2026

Die aktuelle Formel 1 gefällt nicht jedem ...

Foto: Getty Images AsiaPac

"Ganz ehrlich, einiges beim Racing ... Ich wollte Lewis nicht einmal überholen. Es ist nur so, dass meine Batterie Energie abgibt, ich will das gar nicht, aber ich kann es nicht kontrollieren. Also überhole ich ihn, und dann habe ich keine Batterie mehr, also fliegt er einfach vorbei."

"Das ist kein Racing, das ist ein Jo-Jo-Effekt. Auch wenn er [Hamilton] sagt, dass es das nicht ist, ist es ein Jo-Jo-Effekt. Wenn man einfach dem ausgeliefert ist, was die Power-Unit liefert, sollte zumindest der Fahrer die Kontrolle darüber haben, und das haben wir nicht."

Norris sieht beide Seiten der Medaille

Mit diesen Bemerkungen deutete Norris an, dass das Gesamtbild, also nicht nur das Qualifying, sondern auch das Rennen an sich, aus seiner Sicht noch nicht so ist, wie es sein sollte. In diesem Sinne teilte er die Meinung von Verstappe. Nur Mercedes und Ferrari haben sich bislang deutlich positiver über die Rennen geäußert, was möglicherweise auch mit dem aktuellen Kräfteverhältnis zusammenhängt.

Norris' Kommentare in Japan sind besonders interessant, vor allem im Kontext seiner Äußerungen während des gesamten Wochenendes. Am Sonntag lieferte der Weltmeister eine klare Erklärung, warum er sich hinter dem Lenkrad manchmal machtlos fühlt, während er drei Tage zuvor bereits über die Kehrseite der Medaille gesprochen hatte.

Zusammen veranschaulichen Norris' Bemerkungen sehr gut den schwierigen Spagat, vor dem Formula One Management (FOM) und der Automobil-Weltverband FIA stehen. Diese andere Seite der Geschichte hängt mit dem Großen Preis von China zusammen, wo Norris das gesamte Rennen wegen seiner Probleme von der Seitenlinie aus verfolgen musste.

Während der Pressekonferenz am Donnerstag in Suzuka sagte er, dass er aus TV-Sicht nachvollziehen könne, warum einige Fans es unterhaltsam fänden, zuzuschauen, insbesondere eine jüngere Generation, die ständige Action sehen wolle und sich möglicherweise weniger um die künstliche Natur vieler Positionswechsel kümmere.

"Es ist schwierig. Es gibt Wege, wie man das wahrscheinlich auf gewisse Weise ganz einfach beheben kann, aber es ist schwer, denn von außen betrachtet, und am Ende des Tages geht es genau darum, ist das, was ihr seht, was das Fernsehen zeigt, genau das, was die Fans sehen wollen. Wenn sie glücklich sind, dann regelt das im Grunde alles."

Wegen seines frühen Ausfalls in China konnte Norris den Unterschied in der Perspektive selbst erleben, nämlich die eines TV-Zuschauers und die des Rennfahrers im Cockpit. "Gleichzeitig denke ich, dass wir als Fahrer immer noch einfach die besten Autos fahren wollen und Autos, bei denen man das Gefühl hat, am Limit zu sein, voll fahren zu können, ein Überholmanöver planen und sich dann verteidigen zu können."

"In vielen Fällen macht man jetzt ein Überholmanöver und kann sich nicht einmal verteidigen, weil der Typ mit 60 Kilometern pro Stunde mehr an einem vorbeizieht. Das sind diese Dinge, bei denen man das Gefühl hat, etwas erreicht zu haben, man bremst später, man hat sie überholt, und dann ist man einfach der Batterie ausgeliefert, die man gerade noch hat."

"Ich glaube, das sind die Situationen, die einfach nervig und schwer zu handhaben sind, wenn man im Auto sitzt", gibt Norris zu.

Ein 0:0 auf Champions-League-Niveau oder ein Torfestival?

Aus der Perspektive eines TV-Zuschauers zeigten die Großen Preise von Japan der Jahre 2025 und 2026 sehr deutlich die Unterschiede zwischen den beiden Saisons auf, insbesondere weil Suzuka traditionell eine Strecke ist, auf der Überholen extrem schwierig ist.

Das letztjährige Rennen war ein gutes Beispiel: Max Verstappen holte die Pole mit einer herausragenden Qualifying-Runde. Am Sonntag waren die beiden McLaren-Piloten deutlich schneller, aber das Überholen in Suzuka erwies sich als nahezu unmöglich.

Mehrere Teammitglieder fanden nach dem Rennen 2026 den passenden Vergleich: Der Grand Prix von 2025 war im Grunde ein Fußballspiel auf extrem hohem Niveau, das 0:0 endete. Defensiv wurde kein einziger Fehler gemacht, wodurch der Ball schlicht nicht ins Tor ging, obwohl beide Seiten auf Champions-League-Niveau agierten.

Das Qualifying war am Limit, Verstappens Verteidigung am Sonntag fehlerfrei, und McLaren warf alles in die Waagschale, um seinen Pace-Vorteil in einen Sieg umzuwandeln. Der Große Preis von Japan 2026 wurde im Vergleich dazu als ein Fußballspiel beschrieben, das mit einem Ergebnis von 12:12 endete.

Viele Tore - in diesem Fall Überholmanöver -, aber der Wert jedes einzelnen Tores war deutlich geringer, weil sie in hoher Frequenz fielen. Zudem ließe sich anhand dieser Analogie argumentieren, dass viele davon aus kleineren Fehlern resultierten, im Fall der Formel 1 etwa durch Unterschiede im Energiemanagement.

Die Situation wirft die Frage auf, welche Fangemeinde der Sport primär bedienen möchte. Für Zuschauer, die alle paar Sekunden ein Überholmanöver sehen wollen, war der Große Preis von Japan 2026 womöglich ein Fortschritt gegenüber dem Vorjahr.

Für diejenigen hingegen, die Überholmanöver weniger stark gewichten und sich eher als Puristen verstehen, war die Ausgabe 2025 wahrscheinlich das reinere Rennerlebnis. Persönlich gehöre ich zur letztgenannten Gruppe, doch letztlich ist es eine Frage des Geschmacks - und für die Formel 1 vor allem eine Frage der Zielgruppe.

Wo liegt der ideale Punkt bei diesem Spagat?

Schließlich ist da noch die Fahrerperspektive, die Norris ebenfalls adressierte. Während die Meinungen über das Racing im Fahrerlager geteilt sind und für die Fahrer teilweise noch gewöhnungsbedürftig wirken, herrscht in einem Punkt weitgehend Einigkeit: Das Qualifying sollte konsequent auf Volllast gefahren werden, ohne "Lift and Coast" oder extremes Energiemanagement, wie Norris es formulierte.

"Wir wollen einfach Vollgas geben, ich möchte hier nicht lupfen und von der 130R bis zur letzten Kurve 60 km/h verlieren. Die meisten anderen Rennserien haben eine höhere Höchstgeschwindigkeit als wir, wisst ihr. Also ja, einige Dinge können verbessert werden, aber die FIA weiß das, und ich hoffe, sie tun es. Ja, das Racing mag im Fernsehen großartig aussehen, aber das Racing im Auto ist sicherlich nicht so authentisch, wie es sein müsste."

Gerade weil im Fahrerlager Konsens über das Qualifying herrscht, gelten dort Anpassungen vor dem Großen Preis von Miami als wahrscheinlich. Beim Racing hingegen zeigen Norris' Aussagen exemplarisch den komplexen Spagat der Saison 2026, und zwar auf zwei Ebenen.

Einerseits zwischen unterschiedlichen Fangruppen und der Frage, welches Publikum primär bedient werden soll, andererseits zwischen Formel 1 als TV-Produkt und als reines Fahrerlebnis. Die Balance dieses Spannungsfelds hat sich von 2025 zu 2026 spürbar verschoben.

Liegt der ideale Punkt irgendwo in der Mitte? Und wenn ja, wie lässt er sich erreichen? Genau diese Fragen stehen derzeit im Raum, auch wenn sie leichter formuliert als beantwortet sind. Eines ist im Vorfeld der entscheidenden Treffen im April klar: Es wäre ratsam, die Aussagen von Verstappen und Norris, der in Japan bemerkenswert differenziert auftrat, ernst zu nehmen.

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