"Menschen und keine Maschinen": Zu viel Welpenschutz für Mick Schumacher?

Mick Schumacher gewinnt immer mehr Selbstvertrauen und wird immer lockerer, findet aber nicht, dass er von Medien und Experten zu sanft angefasst wird

"Menschen und keine Maschinen": Zu viel Welpenschutz für Mick Schumacher?

Mick Schumacher hat in den ersten beiden Rennen seiner Formel-1-Karriere jeweils schwere Fehler gemacht, doch in den Medien wurde der Haas-Rookie dennoch vergleichsweise sanft angefasst. So schrieb etwa die auflagenstarke und normalerweise nicht zimperliche 'Bild'-Zeitung nach dem Saisonauftakt in Bahrain, dass er "von den Fahrern, die ins Ziel kamen zwar Letzter" wurde, aber "das lag nicht an Micks Leistung, sondern daran, dass sein Haas-Bolide mit dem Feld einfach nicht mithalten kann".

Eine Formulierung, die inhaltlich völlig korrekt ist, aber gut abbildet, wie groß der Welpenschutz für Schumacher ist. Als er beim ersten Rennen die Zielflagge sah, wurde in einer Talkshow gleich festgehalten, dass das schon mal besser sei als bei Papa Michael 1991, denn der schied bei seinem Debüt schon nach ein paar hundert Metern mit Kupplungsdefekt aus.

Was natürlich nicht dazugesagt wurde: Schumacher sen. lag in Spa 1991 sensationell an fünfter Stelle, Schumacher jun. wurde in Bahrain 2021 Letzter.

Lange wurde die Erwartungshaltung in Deutschland - auch von den Medien - bewusst gebremst, um nicht Gefahr zu laufen, dass ein ganzes Land in Mick-Mania verfällt und insofern den Bezug zur Realität verliert, als dann die erwartungsgemäß schlechten Ergebnisse mit einem Auto wie dem Haas als Enttäuschung gewertet werden.

Schumacher ist nach vier Rennen eine der positiven Überraschungen der Formel-1-Saison 2021. Aber einige Beobachter finden, dass es langsam an der Zeit ist, den Welpenschutz aufzuheben und ihn wie jeden anderen jungen Rennfahrer zu behandeln. Sprich: auch mal zu kritisieren, wenn das angemessen erscheint.

Also hat 'Motorsport.com' Schumacher selbst die Frage gestellt, ob es ihn nicht langsam nervt, dass er nicht einfach wie jeder andere junge Rennfahrer behandelt wird. Der 22-Jährige, sonst immer top vorbereitet auf jede Frage, die ihm gestellt wird, kommt kurz ins Grübeln: "Ich weiß ehrlich gesagt wirklich nicht, wie ich darauf antworten soll!"

Zunächst missversteht Schumacher die Frage als Kritik an seinen Fehlern, etwa dem zumindest nach außen hin unglücklich aussehenden Crash hinter dem Safety-Car in Imola. Nach einer kurzen Präzisierung versteht er dann aber, worum es eigentlich geht, und antwortet: "Ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass ich mit Samthänden angefasst werde."

Aber: "Ich werde jetzt auch nicht übermäßig kritisiert", findet er. "Was ich meine: Ich bin da recht neutral zu. Wenn sich jemand entscheidet, mich zu kritisieren, dann ist das okay. Ich nehme jede Kritik an. Wenn es auch hart oder leicht ist, ich weiß, wo ich stehe. Ich weiß, was ich an mir habe, und was ich versuche zu verbessern."

"Ich sage mal: Wenn mir Fehler passieren wie in Bahrain oder in Imola, dann lerne ich aus diesen Fehlern", sagt Schumacher und ergänzt: "Mein Ziel ist natürlich, keine Fehler zu machen. Aber Fehler sind irgendwo auch normal. Wir sind Menschen und keine Maschinen. Wie gesagt: Mein Ziel ist, keine Fehler zu machen, sondern so viel zu lernen wie es geht."

Egal ob Welpenschutz oder nicht: Mick Schumacher ist angekommen in der Formel 1. Seinen Teamkollegen Nikita Masepin hat er bisher locker im Griff, die Fehlerquote wird von Rennwochenende zu Rennwochenende besser, und wenn die Bedingungen für Haas passen, kann er sogar mit den Williams-Piloten fighten und so Selbstvertrauen sammeln.

Dass er die Unsicherheit, die für jeden Rookie in der Formel 1 ganz normal ist, nach und nach ablegt, das spürt man auch in seinen Interviews. In Barcelona saß Schumacher zum Beispiel bei Rachel Brookes vom britischen Pay-TV-Sender Sky, die von ihm wissen wollte, was ihn an der Formel 1 bisher am meisten überrascht habe.

Die Antwort verblüfft: "Wie entspannend es ist", lacht er. "Klingt vielleicht merkwürdig. Aber die ganze Medienarbeit und das Drumherum, das ist für mich kein Problem. Ich liebe meine Arbeit, und ich liebe es, mit den Ingenieuren gemeinsam zu versuchen, das Auto schneller zu machen und dass ich insgesamt besser werde. Ich habe Freude an dem, was ich tue."

Schumacher fühlt sich zu Hause in der Königsklasse, und dass er im ersten Jahr im wahrscheinlich schlechtesten Auto sitzt, versucht er sogar positiv zu sehen. So wird nicht jeder noch so kleine Fehler, der ihm passiert, gnadenlos unter die Lupe genommen - sondern die eine oder andere Kleinigkeit zwischendurch wird von den TV-Kameras vielleicht gar nicht übertragen.

Außerdem hilft ihm, dass er viele Vertraute hat. Einer davon ist sein Landsmann Sebastian Vettel. Die Beziehung zwischen den beiden war immer schon gut, wird aber von Woche zu Woche noch vertrauter: "Seb hat meistens sein Motorhome dabei, und ich auch. Da ist es schön, jemanden zu haben, zu dem man gehen und dem man Fragen stellen kann."

"Aber ich mag es auch, einfach mit ihm zu plaudern. Motorsport kann manchmal ein ziemlich einsamer Sport sein. Du bist die ganze Zeit bei den Rennen unterwegs. Da ist es schön, an der Strecke jemanden zu haben", sagt Schumacher.

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Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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