Mercedes erklärt: Deshalb fuhr Hamilton nicht durch

Hat Lewis Hamilton durch den späten Boxenstopp in Istanbul einen sicheren dritten Platz verspielt? Mercedes-Chefiningenieur Andrew Shovlin widerspricht

Mercedes erklärt: Deshalb fuhr Hamilton nicht durch

Die Entscheidung zum Zeitpunkt des Boxenstopps bei Lewis Hamilton bescherte der Strategieabteilung von Mercedes beim Formel-1-Rennen in Istanbul einige harte Minuten. Denn gleich mehrere Szenarien und Umstände galt es zu berücksichtigen. Schlussendlich verlor Hamilton einen scheinbar sicheren dritten Platz, als er drei Runden nach Ferrari-Pilot Charles Leclerc ebenfalls noch zum Reifenwechsel kam.

Doch war der dritte Platz wirklich sicher? Chefingenieur Andrew Shovlin erklärt, warum sich das Team so entschied, wie es am Ende war. Denn eigentlich hatte Hamilton bereits früher nach einem Boxenstopp gefragt, nämlich nach seinem Duell mit Sergio Perez in Runde 35. Zu diesem Zeitpunkt kamen ungefähr auch die meisten anderen Fahrer zur Box, auch Perez selbst, der sich in Runde 37 neue Intermediates abholte.

Doch in dieser Phase des Rennens wollte Mercedes noch nicht wechseln, aus zwei Gründen. "Für uns stellte sich die Frage: Werden wir auf jeden Fall einen weiteren Satz Intermediates nehmen müssen?", erklärt Shovlin.

Als Hamilton wechseln wollte, lehnte Mercedes ab

"Wir dachten, wir warten ab, denn das eröffnete uns zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass Lewis, wenn es abtrocknet, plötzlich wieder im Kampf um den Sieg gewesen wäre, weil er eine ganze Menge Rennzeit zurückgewonnen hat, wenn er den zusätzlichen Stopp nicht hätte machen müssen", sagt Shovlin. Mercedes wollte zu diesem Zeitpunkt also abwarten, ob ein Wechsel auf Slicks später noch möglich wäre.

"Die andere Möglichkeit ist, dass er es bis zum Ende des Rennens schafft und dadurch diese Position, Platz drei sichern kann", so Shovlin. Schlussendlich gingen allerdings beide Überlegungen nicht auf. Weder trocknete die Strecke genug für Slicks ab, noch konnte Hamilton durchfahren - zumindest sagten das die Simulationen.

"Wir sahen plötzlich, dass wir die Plätze, die wir durch den Stopp verloren hätten, auf der Strecke sowieso an Perez und Charles verlieren würden. Und es gab sogar ein wachsendes Risiko von hinten, wenn der Leistungseinbruch zu stark geworden wäre", erklärt Shovlin.

Shovlin gibt zu: Hätten auf Hamilton hören sollen

Tatsächlich fuhr Hamilton vor seinem Stopp deutlich langsamere Rundenzeiten als etwa Sergio Perez. Die 13 Sekunden Vorsprung, die Hamilton zu diesem Zeitpunkt auf Perez hatte, hätten nicht gereicht, wenn Hamilton durchgefahren wäre, meint Shovlin. "Es ging wirklich nur darum, unsere Verluste zu begrenzen und nicht zu gierig zu werden", sagt er.

Es sei schlicht ein Fehler gewesen, so lange mit dem Stopp zu warten. "Es sah auf jeden Fall so aus, als ob man früher hätte stoppen müssen, um am Ende des Rennens die Intermediates in gutem Zustand zu haben. Alle Autos, die gut liefen, hatten sie schon seit 20 Runden oder so drauf. Ich denke, ehrlich gesagt hätten wir die Entscheidung noch früher treffen müssen, etwa zum Zeitpunkt des Kampfes mit Perez", gibt er zu.

Hamilton einfach durchfahren zu lassen, sei zu gefährlich gewesen. Nicht nur, dass er noch mehr Plätze hätte verlieren können. Auch wären die Reifen wohl in einem gefährlichen Zustand gewesen. Bilder von den Reifen am Auto von Esteban Ocon, der als einziger Fahrer ohne Boxenstopp durchfuhr, zeigten nach Rennende dramatische Verschleißerscheinungen.

Durchfahren kam nicht infrage

"Wenn man sich Esteban anschaut, wurde er fünf oder sechs Runden vor Schluss von Lance [Stroll] überholt und kam 17 Sekunden hinter ihm ins Ziel. So schnell fällt man zurück. Das ist es, woran wir denken. Es geht nicht nur darum, ob wir dieses Tempo beibehalten können. Esteban hat auf dieser kurzen Strecke bis zum Ziel weitere zwei Sekunden verloren, und genau da läuft es falsch", rechnet Shovlin vor.

Hamilton selbst kritisierte sein Team am Funk lautstark nach dem Boxenstopp, als er zwei Positionen auf der Strecke einbüßte. "Ich gehe gerne ein Risiko ein und als ich auf Platz drei lag, wollte ich den Stopp auslassen, als alle anderen Fahrer sich neue Inters holten. Ich hoffte, dass ich dadurch die Chance erhalten würde, später auf Slicks zu wechseln und damit einige Positionen gutzumachen", sagt Hamilton.

Shovlin hat volles Verständnis für die Reaktion seines Fahrers. "Lewis schaut immer darauf, was vor ihm liegt, was er maximal erreichen kann. Er hat viel in diese Meisterschaft investiert, und wir erwarten nichts anderes als Frustration über einen fünften Platz", sagt er.

Der Chefstratege kündigte eine Nachbesprechung an, an deren Ende sich Hamilton schon deutlich versöhnlicher zeigte. "Man muss sich auf seine Mannschaft verlassen, deren Entscheidungen akzeptieren und hoffen, dass sie richtig sind. Es ist wie ich immer zu sagen pflege: Wir gewinnen zusammen und wir verlieren zusammen", gibt er sich verständnisvoll.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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