Mercedes fürchtet interne Eskalation: Wolff denkt über Eingreifen nach
Mercedes feiert das spektakuläre Duell zwischen George Russell und Andrea Kimi Antonelli, fürchtet aber bereits eine gefährliche interne Eskalation
George Russell und Andrea Kimi Antonelli lieferten sich in Kanada ein hitziges Duell
Foto: Formel 1
Das spektakuläre Mercedes-Duell zwischen George Russell und Kimi Antonelli begeisterte die Formel-1-Fans in Montreal - intern sorgte es allerdings auch für zunehmende Nervosität.
Denn obwohl die teaminternen Kämpfe auf der Strecke für beste Unterhaltung sorgten, musste Mercedes-Teamchef Toto Wolff nach dem Kanada-Grand-Prix eingestehen, dass die Situation mehrfach gefährlich nahe an einem Desaster war.
"Es ist im Nachhinein natürlich einfach zu sagen: Das war großartig für das Team und großartig für den Sport", erklärt Wolff nach dem Rennen. "Und bis zu einem gewissen Punkt stimmt das auch."
Doch gleichzeitig gebe es eben auch die andere Seite. "Es war einige Male wirklich sehr eng", warnt der Österreicher. Vor allem die Szenen zwischen Russell und Antonelli im Grand Prix erinnerten intern bereits unangenehm an die berüchtigte Mercedes-Rivalität zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg im Jahr 2016.
Damals eskalierte das teaminterne Duell mehrfach öffentlich und kostete Mercedes intern enorme Energie. Genau ein solches Szenario will Wolff diesmal frühzeitig verhindern.
Mercedes musste Fahrer bereits beruhigen
Bereits im Sprint-Rennen hatte es erste Spannungen gegeben. Antonelli zeigte sich nach einem aggressiv verteidigenden Russell sichtbar frustriert, weshalb Mercedes intern sogar Gespräche über die "Rules of Engagement" führte - also die Regeln für interne Zweikämpfe.
Im Grand Prix setzte sich das Duell anschließend fort. Besonders kritisch wurde die Situation in Runde 24. In der letzten Schikane berührten sich beide Mercedes leicht, während Antonelli durch die Auslaufzone ausweichen musste. Kurz darauf griff das Team per Funk ein und forderte beide Fahrer auf, etwas ruhiger zu agieren.
Für Wolff war genau diese Szene ein Warnsignal. "Kimi hat beim Zurückstecken die Reifen blockiert", erklärt er. "Das hätte ganz schnell in einem Doppel-Aus enden können - nicht wegen absichtlich aggressiven Fahrens, sondern einfach wegen eines kleinen Fehlers."
Auch die Situation in der letzten Schikane habe gezeigt, wie schnell die Lage hätte eskalieren können. "Heute hatten wir die nötige Sicherheitsmarge", sagt Wolff. "Deshalb ist es leicht zu akzeptieren, dass sie gegeneinander kämpfen." Doch genau diese Reserve werde nicht immer vorhanden sein.
Wolff denkt über Einschränkungen nach
Deshalb schließt Mercedes inzwischen offenbar sogar teaminterne Einschränkungen nicht mehr aus. "Es könnte Situationen geben, in denen wir das Ganze vielleicht etwas herunterfahren müssen", erklärt Wolff offen.
Eine bemerkenswerte Aussage - besonders so früh in der Saison. Denn eigentlich verfolgt Mercedes bislang bewusst den Ansatz, Russell und Antonelli frei gegeneinander fahren zu lassen. Gerade in der frühen Phase des Titelkampfs will das Team seinen Fahrern keine künstlichen Stallregeln auferlegen.
Doch intern wächst offenbar die Sorge, dass die Situation emotional schneller eskalieren könnte als erwartet. Vor allem Antonellis Entwicklung verändert aktuell die Dynamik innerhalb des Teams massiv. Der junge Italiener fährt inzwischen nicht mehr nur mit Russell mit - er attackiert ihn aktiv. Und genau das sorgt intern zunehmend für Druck.
Russell genießt das Duell - und denkt an 2014 zurück
George Russell selbst zeigte sich nach dem Rennen dagegen begeistert vom harten Zweikampf. "Ich habe es geliebt", so der Brite. "So ein Duell hatte ich seit Jahren nicht mehr."
Besonders bemerkenswert: Russell zieht selbst den Vergleich zu den legendären Mercedes-Duellen zwischen Hamilton und Rosberg. "Ich habe so etwas wahrscheinlich zuletzt 2014 in Bahrain gesehen", meint er. "Diese neuen Autos erlauben solche Kämpfe einfach wieder."
Im Gegensatz zu Wolff sieht Russell die Situation aktuell noch klar unter Kontrolle. "Wir wissen beide, wie wir gegeneinander fahren müssen", erklärt er. "Ich glaube, wir hatten das unter Kontrolle."
Auch Antonelli empfand die Kämpfe zwar als extrem hart, aber noch akzeptabel. "Ein paar Situationen waren vielleicht ein bisschen am Limit", so der Italiener. "Aber wir haben einfach gegeneinander gekämpft."
Dabei macht Antonelli keinen Hehl daraus, wie wichtig ihm dieses direkte Duell war. "Wir wollten beide gewinnen", erklärt er. "Und ich glaube, für alle Zuschauer war das ziemlich unterhaltsam."
Antonelli setzt Russell zunehmend unter Druck
Sportlich entwickelt sich die Lage für Russell allerdings zunehmend kompliziert. Denn Antonelli gewann in Kanada bereits sein viertes Rennen in Folge und baute seinen Vorsprung in der Weltmeisterschaft auf 43 Punkte aus. Gleichzeitig wirkt der junge Italiener inzwischen deutlich stabiler und aggressiver als noch in seiner Rookie-Saison.
Genau das verändert die Hierarchie bei Mercedes spürbar. Während Russell lange als klare Nummer eins galt, entwickelt sich Antonelli inzwischen immer stärker zum internen Herausforderer - und möglicherweise sogar zum neuen Teamleader der Zukunft.
Für Toto Wolff entsteht damit eine heikle Gratwanderung. Einerseits will Mercedes den Fans spektakuläre Duelle bieten und beiden Fahrern gleiche Chancen ermöglichen. Andererseits weiß das Team aus der eigenen Vergangenheit nur zu gut, wie schnell eine interne Rivalität außer Kontrolle geraten kann.
Und genau deshalb dürfte das Kanada-Wochenende in Brackley intern deutlich ernster analysiert werden, als die lockeren Aussagen nach außen zunächst vermuten lassen.
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