Mercedes verrät: So wollte man Red Bull in die Falle locken

Lewis Hamilton ärgerte sich während des Rennens über die Taktik von Mercedes, doch die hatte laut Toto Wolff einen Grund - Poker geht am Ende nicht auf

Mercedes verrät: So wollte man Red Bull in die Falle locken

"Wir haben unseren Bluff zu früh gemacht", haderte Lewis Hamilton kurz nach seinem zweiten Boxenstopp im Großen Preis der Niederlande. Zweimal hatte Mercedes einen Undercut gegen Max Verstappen versucht, doch zweimal hatte der Red-Bull-Pilot auch die passende Antwort darauf.

Das brachte wiederum Hamilton in eine schwierige Position, weil er mehr als 30 Runden auf dem Medium-Reifen bleiben sollte. Das kann nicht klappen, war sich Hamilton sicher: "Mit diesen Reifen komme ich nicht ins Ziel", funkte er gleich mehrfach. Und er sollte Recht behalten - aber nur, weil er kurz vor Schluss einen Zusatzstopp einlegte, um sich die schnellste Runde zu sichern.

Hamilton hatte als Erster der Spitzenpiloten bereits nach 20 Runden gestoppt und so auch Verstappen eine Runde später zur Box gezwungen. Valtteri Bottas wurde derweil auf seinen Startreifen gelassen, um Verstappen aufzuhalten. Das misslang jedoch und Verstappen hatte schnell wieder freie Fahrt.

Nach 39 von 72 Runden ging Hamilton ein zweites Mal zum Reifenwechsel und lockte Verstappen somit ebenfalls zu einem frühen Wechsel. Für Hamilton war der Wechsel im Nachhinein zu früh: "Definitiv war das nicht unsere beste Strategie", sagt er.

Mercedes dachte Red Bull geht auf Softs

Doch der frühe Zeitpunkt war von Mercedes so beabsichtigt. Das Team wusste, dass man noch einen frischen Mediumsatz hat - den hatte Red Bull nicht. Mercedes wollte pokern und dachte, dass Red Bull mit Soft kontern würde, wodurch ihnen am Ende vielleicht die Reifen ausgehen würden. Doch da spielte Red Bull nicht mit. Sie gaben Verstappen die harten Reifen.

"Wir hatten nicht erwartet, dass sie auf den harten Reifen gehen würden, weil der eine Unbekannte war", erklärt Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff bei 'Sky' die Entscheidung. "Wir sind den Hard am Freitag nicht gefahren und dachten, dass wir sie früh zu den Softs zwingen können. Aber es ist, wie es ist." Wolff weiß: "Im Nachhinein ist man immer schlauer."

 

Doch der Österreicher sagt, dass die Chancen auf den Sieg durchaus vorhanden waren. Neben dem Poker beim zweiten Stopp hätte auch Valtteri Bottas eine Chance eröffnen können. Hätte er Verstappen nach dessen erstem Stopp länger aufhalten können, wäre Hamilton näher dran gewesen und hätte einen Undercut schaffen können.

Zudem sei laut Wolff auch eine funktionierende Einstoppstrategie mit Bottas möglich gewesen, wenn er Verstappen zwei oder drei Runden länger hätte aufhalten können.

Problem Verkehr: "Werde ihn von jetzt an Noah nennen"

Ein anderer Punkt, der Hamilton heute ärgerte, war der Verkehr. Er hadert etwas damit, wie Verstappen heute auf Überrundete auflief, während er selbst Pech zu haben schien. "Er hat ganz schön Glück mit dem Verkehr", funkte er zwischenzeitlich.

Nach dem Rennen kann er jedoch scherzen: "Ich werde ihn von jetzt an Noah nennen. Jedes Mal, wenn er in den Verkehr kam, sind sie einfach zur Seite gefahren." Bibeltreue Leser wissen natürlich aber, dass Hamilton dabei Moses meint, der das Meer teilen konnte.

Ganz besonders ärgerte ihn aber der Verkehr nach seinem zweiten Boxenstopp. Der Brite kam nämlich hinter dem Dreierpack aus Daniel Ricciardo, George Russell und Lance Stroll heraus und konnte dadurch keine optimale Outlap fahren und Verstappen nicht unter Druck setzen. "Warum habt ihr mich hinter die Jungs gebracht, man?", fragte er sein Team am Funk.

"Ich weiß nicht, wie sie das nicht sehen konnten", sagt er nach dem Rennen, doch laut Wolff war das durchaus einkalkuliert. Denn Mercedes wollte ja früh stoppen und so Red Bull früh auf Softs ziehen. "Darum hat uns der Verkehr, wo er herauskam, auch nicht sonderlich gestört", sagt er.

Hamilton-Funk nur Theatralik?

Und so musste sich Hamilton am Ende mit Platz zwei hinter einem souveränen Verstappen begnügen. "Sie waren heute auf einem andere Level", sagt er. "Ich hatte keine Antwort. Die Boxenstopps, die Strategie und der Verkehr hätten heute perfekt sein müssen, aber keines der drei war heute ideal."

Dass Hamilton während des Rennen aber so deutliche Kritik äußerte, ist für Wolff in Ordnung: "Wir sind jetzt im neunten Jahr gemeinsam. Dem Fahrer musst du ein Ventil geben. Wenn du frustriert im Auto bist, und es läuft nicht so, wie du willst, dann spei dich auch mal aus", zeigt er Verständnis. "Das ist in Ordnung. Wir nehmen das. Dafür sind wir da, das abzudämpfen."

 

Wolff betont: "Wir sind total auf einer Wellenlänge, selbst wenn es am Funk mal ein bisschen schärfer wird. Aber wir wussten zu dem Zeitpunkt nicht, sollen wir weiter attackieren, weil er hat ja aufgeholt, oder gehen wir dann auf die schnellste Runde am Ende und schauen, dass uns der Reifen nicht ausgeht. Und da waren wir ein bisschen zögerlich."

Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko nimmt die Funksprüche des Weltmeisters ohnehin schon lange nicht mehr ernst: "Hamilton neigt ein wenig zum Theatralischen", sagt er.

Wer noch einen Beweis braucht: "Die Reifen waren an diesem Wochenende ziemlich gut. Ich konnte das ganze Rennen Vollgas fahren und es gab kein Reifenmanagement", sagt Hamilton nach dem Rennen. Zwei Welten.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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