Mercedes: Was Brasilien für die letzten drei Saisonrennen bedeutet

Mercedes hatte nicht erwartet, in Brasilien eine solche Performance aus dem Hut zu zaubern, und geht nun mit Selbstvertrauen in die drei verbleibenden Rennen

Mercedes: Was Brasilien für die letzten drei Saisonrennen bedeutet

Vor dem Formel-1-Rennen in Brasilien hatte Red Bull insgeheim schon mit einer kleinen Vorentscheidung im WM-Kampf gerechnet. Motorsportkonsulent Helmut Marko hatte wie in Mexiko offensiv einen Doppelsieg (unter normalen Umständen) angekündigt und damit gerechnet, dass man dann mehr als einen Sieg Vorsprung auf Lewis Hamilton haben würde.

Als dann auch noch die Motorenstrafe für den Mercedes-Piloten durchsickerte, schien der Weg für dieses Szenario geebnet. Doch es kam ganz anders: Hamilton dominierte das Qualifying und ließ sich auch von der Disqualifikation nicht abhalten. Im Sprint raste er auf Platz fünf nach vorne, und im Rennen schnappte er sich von Startplatz zehn den Sieg.

Das hat auch Mercedes selbst überrascht. Laut Andrew Shovlin, Leitender Renningenieur beim WM-Spitzenreiter, habe das Team vorher nicht den Gedanken, ob eine Strecke eher Mercedes oder eher Red Bull liegt. "Wir haben nur gesehen, dass wir 2019 ziemlich mäßig unterwegs waren, und das in einem Auto, das eigentlich das beste seiner Klasse war."

"Aber wir haben keine Antwort auf die Fragen gefunden, warum wir 2019 so schlecht waren", sagt Shovlin. Zumindest nicht was das Paket selbst betrifft. Mercedes habe daher vor allem auf das Set-up geschaut und sich die Frage gestellt, ob man 2019 etwas falsch gemacht hat.

"Unser Fokus lag darauf, dass wir ein Auto hinstellen, das mithalten und auf Pole fahren kann", so Shovlin. Das gelang auch eindrucksvoll, denn mit neuem Motor konnte Hamilton WM-Konkurrent Max Verstappen um 0,438 Sekunden distanzieren. "Das war sehr ermutigend", meint der Ingenieur. Dann aber kam der nächste Rückschlag.

Nur kurz an Protest gedacht

Denn weil der Heckflügel bei Hamilton an einer Stelle um 0,2 Millimeter weiter geöffnet werden konnte als die erlaubten 85 Millimeter, wurde er am Samstag kurz vor dem Sprint disqualifiziert und musste diesen von ganz hinten statt von Startplatz eins aus angehen.

Im Nachhinein konnte Mercedes mit dem Verlauf zufrieden sein, doch vor dem Sprint war man natürlich nicht glücklich über die Entscheidung, wie Shovlin betont. "Und dann stellt man sich die Frage, ob man dagegen ankämpft und einen Protest einlegt", sagt er. Dann hätte Hamilton zwar den Sprint von vorne angehen dürfen, alle weiteren Ergebnisse wären aber erst einmal unter Vorbehalt gewesen.

Doch Mercedes entschied sich, die Strafe hinzunehmen: "Von unseren Runs am Freitag war klar ersichtlich, dass wir ein gutes Auto und viele Möglichkeiten hatten, um Boden wieder gutzumachen. Von daher war es eine relativ kurze Diskussion", erklärt er. "Wir haben entschieden, die Strafe zu nehmen und zu schauen, was wir tun können, um die Auswirkungen zu minimieren."

Sprint machte Mut für das Rennen

Mit Platz fünf lief es für Hamilton im Sprint sogar besser als erwartet, sodass er im Rennen mit Platz zehn eine annehmbare Ausgangsposition hatte. Schließlich hatte er am Sonntag sogar 71 Runden Zeit, um wieder nach vorne zu kommen. Und der Sprint hatte den Silberpfeilen gezeigt, dass es durchaus möglich ist. "Wir haben gesehen, dass Lewis praktisch jeden angreifen kann."

Lewis Hamilton, Lando Norris

Schon im Sprint konnte sich Hamilton stark nach vorne arbeiten

Foto: Motorsport Images

Mercedes habe laut Shovlin vor dem Rennen "eine Million oder so" Simulationen durchlaufen lassen und war daher optimistisch, was die eigenen Chancen angeht.

"Wir haben gesehen, dass wir einen guten Pacevorteil hatten, aber wir haben auch gesehen, dass wir hinter einem Auto sein und trotzdem eine gute Kurve 12 fahren können. Und wir hatten eine gute Traktion", so Shovlin weiter. "Und das sind die Zutaten, die man hier zum Überholen braucht."

Verstappen gingen die Reifen ein

Die große Unbekannte waren aber die deutlich heißeren Temperaturen am Sonntag. Hatte die Strecke im Sprint noch rund 30 Grad Celsius, kletterte das Thermometer im Rennen auf über 50 Grad Asphalttemperatur.

Red Bull rieb sich schon die Hände, weil diese Bedingungen eigentlich dem RB16B entgegenkommen, doch im Rennen hatten die Bullen der Pace von Hamilton nichts entgegenzusetzen. "Es ist eine aggressive Strecke, aber das Auto hat trotzdem gut funktioniert", betont Shovlin.

Die ersten Autos konnte Hamilton scheinbar spielerisch überholen und den Vorteil seines Mercedes in den Sektoren eins und drei ausspielen. Durch die frühe Safety-Car-Phase war Hamilton dann schon nach zehn Runden direkt an den beiden Red Bull dran. Allerdings brauchte er Geduld: Erst in Runde 59 kam er endgültig an seinem Widersacher Verstappen vorbei.

"Max hatte einen höheren Reifenabbau. Ihm sind die Reifen früher eingegangen", nennt Shovlin einen weiteren wichtigen Faktor für den Erfolg. "Lewis konnte Max folgen und ihn unter Druck setzen, und Max konnte seine Reifen nicht schonen. Das war der entscheidende Faktor."

Mercedes optimistisch in den Nahen Osten

Statt mit dem prognostizieren Rückstand von mehr als einem Rennsieg geht Hamilton nur mit 14 Punkten Rückstand in die letzten drei Saisonrennen und hat den WM-Titel damit in der eigenen Hand.

Allerdings geht es mit Katar, Saudi-Arabien und Abu Dhabi dreimal in den Nahen Osten, der in Sachen Temperatur eher Red Bull in die Karten spielen sollte. Doch Mercedes hat in Brasilien gezeigt, dass das nicht unbedingt etwas heißen muss.

"Dass wir in den verschiedenen Sessions bei einer ganzen Reihe von unterschiedlichen Bedingungen gut performt haben, macht wirklich Mut, wenn man auf die Herausforderungen schaut, die uns auf den kommenden drei Strecken bevorstehen", sagt Shovlin.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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