"Mosley: It's Complicated": Ein Film über das bewegte Leben von Max Mosley

"Mosley: It's Complicated" heißt der Film über den kürzlich verstorbenen Ex-FIA-Präsidenten Max Mosley - Michael Shevloff zeigt darin komplizierte Widersprüche auf

"Mosley: It's Complicated": Ein Film über das bewegte Leben von Max Mosley

"Es ist kompliziert": Treffender lässt sich das Biopic über das Leben des kürzlich verstorbenen ehemaligen FIA-Präsidenten Max Mosley wohl kaum beschreiben. Denn das Feld, das dieser Film abzudecken vermag, ist ausgesprochen weit.

Es reicht von Adolf Hitler auf der Hochzeit seiner Eltern, Prügeleien bei faschistischen Kundgebungen, Formel-1-Kontroversen, das Verteilen von 100-Millionen-Dollar-Strafen bis hin zur Enthüllung einer Sexorgie in der Boulevardzeitung "News of the World".

Doch der Film "Mosley: It's Complicated" schafft es, das Leben des langjährigen FIA-Präsidenten Max Mosley auf eine Art und Weise zu zeigen, die nicht nur seine Überzeugungen hervorhebt, sondern auch die faszinierenden Konflikte und Widersprüche, die ihn stets begleiteten.

Produzent Shevloff: "Es ist kein Formel-1-Film"

Und so wie es in Mosleys Leben nicht nur um ein Thema ging, so überbetont auch der Film nicht nur einen bestimmten Aspekt. Es geht vielmehr um die verschiedenen Kapitel, die Mosley durchlebte: seine Erziehung, die Politik seines Vaters, die March-Jahre, den FISA/FOCA-Krieg, die FIA-Präsidentschaft, seinen Einsatz für die Verkehrssicherheit und den Kampf mit den Medien.

"Es ist kein Formel-1-Film", sagt Regisseur und Produzent Michael Shevloff und zieht einen Vergleich: "Als Max im Film einen Buchpreis für Sport, den er für seine Autobiografie gewann, kommentiert, sagt er: 'Es ist nicht wirklich ein Sportbuch'."

Der Film beginnt und endet mit den Auswirkungen des "News-of-the-World"-Skandals, der das letzte Kapitel von Mosleys Leben bestimmte. Die Grundlage bildet aber sein Einsatz für die Verkehrssicherheit, insbesondere der Schaffung der bis heute gültigen Sicherheitsstandards, die zig Leben retteten.

Auch wenn der Film kein Formel-1-Film im eigentlichen Sinne ist, kommt doch eine Menge Formel 1 darin vor. Es sind vielleicht nicht die Art Momente, die dramatisch und spektakulär zugleich durch die Netflix-Serie "Drive To Survive" zur Norm geworden sind.

Aber auch die Geschichten aus den frühen Tagen des March-Rennstalls oder die politischen Spielchen hinter den Kulissen des FISA/FOCA-Krieges sind allemal faszinierend.

Dazu tragen Interviews mit March-Mitbegründer Robin Herd, dem ehemaligen Formel-1-Rennleiter Charlie Whiting, dem ehemaligen Autosport-Redakteur und Formel-1-Werbeguru Ian Phillips, Ex-Rennfahrer Gerhard Berger, dem ehemaligen Williams-CEO Adam Parr und dem ehemaligen Ferrari- sowie FIA-Akteur Marco Piccinini bei.

Einblicke in die Persönlichkeit Max Mosley

Der Film hat zwar nicht die Zeit, tief in einige der Formel-1-Kontroversen einzutauchen, die unter Mosleys Präsidentschaft stattfanden. Aber er bietet einen Einblick in seine Persönlichkeit und seinen Antrieb - was es einfacher macht, die Herangehensweise an seine Rolle als FIA-Präsident zu verstehen.

Er war jemand, der vor allem genoss, Diskussionen zu gewinnen. Sei es, dass er vor Gericht erfolgreich gegen einen Polizisten argumentierte, der ihn wegen einer Schlägerei bei einer der faschistischen Kundgebungen seines Vaters verhaftet hatte.

Oder sei es, dass er sich gegen die Formel-1-Teams wehrte oder sich mit den Autoherstellern anlegte, die zunächst gegen den Euro-NCAP-Vorstoß ("New Car Assessment Program") wetterten, bevor sie sich davon überzeugen ließen, dass dieser tatsächlich den Autoverkauf ankurbeln könnte.

Aber bei dieser Liebe zum Konflikt und zum Kämpfen für das, was er wollte, vermittelte Mosley auch immer den Eindruck, dass ihm der Schalk im Nacken saß - und dass er einen klaren Sinn für Humor hatte. Nicht von ungefähr dachte seine Frau, als er ihr zum ersten Mal vom "News-of-the-World"-Skandal erzählte, dass er selbst die Zeitung dazu gebracht hätte, die Geschichte als Scherz zu drucken.

Obwohl der Film nicht der Formel 1 allein gewidmet ist, bedeutet das nicht, dass Motorsportfans enttäuscht sein werden. Denn es werden einige aufschlussreiche Momente in der Geschichte des Sports behandelt.

Etwa Mosleys Verachtung für den ehemaligen FIA/FISA-Präsidenten Jean-Marie Balestre. Im Film wird seine kaltherzige Erinnerung daran, wie er und Ecclestone sich daran machten, die Rennveranstalter während der frühen FOCA-Jahre zu begraben, behandelt.

Erstaunlicher Moment: Bernie Ecclestone entschuldigt sich

Die Kunst des Verhandelns bestand damals darin, wie bei einer Art Geiselhaft zu agieren, wenn Fristen für Veranstaltungsgebühren festgesetzt wurden. "Die Leiche muss um 11:01 Uhr aus der Tür kommen oder man verliert jegliche Glaubwürdigkeit", sagt Mosley an einer Stelle.

Er stellt an anderer Stelle auch klar, dass das legendäre Zitat über die Rekordstrafe von 100 Millionen Dollar in der Spygate-Affäre für McLaren (5 Millionen Dollar waren angeblich für das Vergehen verhängt worden und 95 Millionen Dollar dafür, dass Teamchef Ron Dennis ein Arschloch sei) sehr wohl Ecclestones Werk war.

Der Ex-Zampano gibt im Film auch eine erstaunliche Entschuldigung ab - über die Art und Weise, wie er Mosley inmitten der Auswirkungen des "News-of-the-World"-Skandals im Stich gelassen hatte, anstatt seinen langjährigen Verbündeten nach Kräften zu unterstützen.

Bernie Ecclestone, Max Mosley

Bernie Ecclestone war jahrelang einer von Mosleys engsten Weggefährten

Foto: Motorsport Images

Es ist vielleicht das erste Mal überhaupt, dass sich Ecclestone so reumütig darüber äußert. Der 90-Jährige sagt, es sei die eine Sache im Leben, für die er sich "schämt". Die Bedeutung dieser Aussage wurde Filmemacher Shevloff erst bewusst, als er den Film schneiden wollte.

"Wenn man Bernie interviewt, geht man mit dem Gedanken weg, ein schreckliches Interview geführt zu haben", sagt er. "Und dann fängt man an, es auseinander zu nehmen und merkt, dass es eigentlich nur Bernie ist, und er hat dir viele wirklich gute Sachen gesagt."

"In diesem Moment habe ich nicht wirklich realisiert, dass das so ein großer Moment war. Wir haben es tatsächlich in den Film eingebaut und vielleicht bin ich einfach nicht so sehr in der Formel 1 drin wie andere Leute, aber es bekommt auf jeden Fall Aufmerksamkeit und die Leute bemerken es. Er entschuldigt sich nicht oft."

Zahlreiche Widersprüche und dunkle Stunden

Der Film beschönigt auch nicht einige der dunkleren Stunden in Mosleys Leben. Die Anspielung auf Hitler als Ehrengast auf der Hochzeit seiner Eltern ist enthalten; ebenso wird nicht verschwiegen, dass er in seiner eigenen politischen Karriere aufgrund des Vaters nie das erreichte, was er sich erhofft hatte.

Shevloff stellt klar, dass der Film nicht einseitig sein und solche Aspekte ignorieren konnte. Denn er wollte, dass das Publikum besser versteht, wer Mosley wirklich war. Würde man diese Elemente beschönigen, würde man nicht den wahren Max Mosley zeigen.

"Das sind große Bestandteile seines Charakters und seines Lebens, und deshalb wollte ich vor nichts zurückschrecken. Ich habe versucht, all diese Dinge einzubauen. Es ist wirklich wichtig, diese Teile zu zeigen, und diese Teile machen Menschen menschlich. Wenn man sie nicht zeigt, dann werden die Leute der Geschichte misstrauen."

Der Film legt auch die Fülle an Widersprüchen offen, die im Zentrum von Mosleys Leben standen. Denn er war ein Mann, der darin gedieh, im Vordergrund zu stehen, es aber ebenso liebte, unter dem Radar zu operieren.

"Sein Charakter ist interessant, weil er einige Widersprüche und einige Gegensätze zeigt, die Dualität des Menschen sozusagen", erklärt Shevloff.

"Es gibt Widersprüche in einem Mann, der Teil des Establishments war und versuchte, Dinge aufzubauen, der sehr im Establishment lebte, aber wirklich gegen das Establishment war, und, ich denke, in einigen Begriffen wirklich die Autorität hasste und sie in anderen doch ganz und gar annahm."

Der größte Erfolg von Mosley unter dem Radar

Bei allem Einfluss, den Mosley in der Formel 1 und in der Medienlandschaft hatte, als er es mit der Boulevardpresse aufnahm, war es letztlich die fast unsichtbare Seite seiner Arbeit mit Global-NCAP, die sich als sein größter Erfolg erwies - und vielleicht die, die am meisten unter dem Radar lief.

Shevloff fügt hinzu: "Ich will es nicht überbewerten, aber was ich an Global-NCAP erstaunlich finde, und das ist es, was mich daran interessiert hat, diesen Film zu machen, war, dass man ins Fahrerlager zu Leuten gehen konnte, die Max seit 20 Jahren kannten und kaum wussten, was Global-NCAP war."

"Und doch waren die Statistiken, die ich zu der Zeit gelesen hatte, wie viele Leben er beeinflusst hat, erschütternd. Es gab also wieder diesen seltsamen Widerspruch zwischen seinem Ruf und dem, was er tat."

 

Auf dem Plakat zum Film steht geschrieben: "Ein Leben. Es lohnt sich zu kämpfen." Das fasst ihn perfekt zusammen: sowohl in Bezug auf Mosley als Person, als auch auf die Arbeit, die er geleistet hat, um Tausende von Leben dank Verkehrssicherheit zu retten.

Mosley, der vor wenigen Wochen verstorben ist, weist im Film mehrmals darauf hin, dass Euro-NCAP in Europa 78.000 Todesfälle und noch mehr Menschen vor Verletzungen bewahrt hat. Das sind mehr "gerettete Leben als die hoffnungslosen Politiker [gerettet haben]", sagt er an einer Stelle.

Für Shevloff ist dies der bestimmende Aspekt von Mosleys Denkweise: der Antrieb, immer mehr Leben zu retten, aber zu wissen, wie wichtig jedes einzelne davon ist.

"Jedes einzelne Leben hat eine Bedeutung"

"Er zitiert immer wieder, in positiver Weise, Stalin, der sagte, dass ein Leben eine Bedeutung hat, eine Million Leben hingegen Statistik seien", erklärt er. "Also hat er es in Bezug auf die Verkehrssicherheit und all die Dinge, die er zu erreichen versuchte, immer auf eine Person heruntergebrochen."

"Ich möchte, dass die Leute den Film genießen und dass sie etwas über einen komplexen Mann lernen können. Und wenn es jemanden innerhalb der Formel 1 gibt oder jemand zu jenen Menschen zählt, die ihn vielleicht kritisieren, ohne zu wissen warum, dann werden sie vielleicht etwas Neues lernen. Und wenn nicht, dann lernen sie Max einfach kennen."

"Mosley: It's Complicated" ist ab dem 9. Juli in den britischen Kinos und ab dem 19. Juli als digitaler Download zu sehen.

Weitere Co-Autoren: Juliane Ziegengeist. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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