präsentiert von:

Mücke: Vettel verlernt das Fahren nicht "von einem Tag auf den anderen"

Peter Mücke spricht im Exklusivinterview über Sebastian Vettel, die möglichen Gründe für dessen Scheitern bei Ferrari und die Perspektiven mit Aston Martin

Mücke: Vettel verlernt das Fahren nicht "von einem Tag auf den anderen"

Sebastian Vettel versucht in seiner 15. Formel-1-Saison einen Neuanfang mit Aston Martin. Sein ehemaliger Förderer Peter Mücke hat dem Heppenheimer schon im Vorjahr zu diesem Schritt geraten. Im Exklusivinterview mit 'Motorsport-Total.com' spricht der Talentscout über die möglichen Gründe für Vettels Scheitern mit Ferrari und die Perspektiven in Grün.

"Nach wie vor absolute Hochachtung", beginnt Mücke das Gespräch über seinen ehemaligen Schützling. Er zollt Vettel für dessen Leistungen in der Formel 1 Respekt, aber auch für dessen menschlichen Umgang. Noch heute melde sich der viermalige Weltmeister bei Mücke, wenn er in seiner alten Heimat zugegen ist.

"Er ist wirklich ganz normal geblieben", verrät der heute 74-Jährige. Er kennt Vettel bereits seit mehr als 15 Jahren. 2004 wechselte das damals noch weitgehend unbekannte Nachwuchstalent mit Red-Bull-Unterstützung zu Mücke Motorsport und feierte in der Formel-BMW ein Rekordjahr mit 18 Siegen in 20 Rennen.

Vettel wurde bei Ferrari "unter Wert" geschlagen

2005 wagte er den Schritt in die Formel-3-Euroserie, zwar blieb Vettel im ersten Jahr mit Mücke sieglos. Dennoch konnte er Gesamtrang fünf einfahren. "Da stand ein junger Bursche vor mir, der noch Zahnspange getragen hat! Er war extrem jung, wusste aber durchaus, was er wollte", erinnerte sich Mücke an jene Anfangsjahre 2012.

Seither ist viel passiert: Vettel feierte sein Formel-1-Debüt 2007 mit BMW-Sauber, wenig später erfolgte der Wechsel zu Toro Rosso, der Sensationssieg im verregneten Monza und kurz darauf der ganz große Durchbruch mit Red Bull.

Mit Ferrari wollte sich Vettel erneut zum Weltmeister krönen, doch der große Traum - wie einst Idol Michael Schumacher in Rot zu triumphieren - blieb ihm verwehrt. In den vergangenen zwei Jahren häuften sich Enttäuschungen, Fahrfehler und Unzufriedenheit.

"Ein Fahrer verliert nicht plötzlich seine Qualitäten", betont Mücke auf die vergangenen Saisons von Vettel angesprochen. Zwar könne ein Fahrer mit zunehmendem Alter etwas langsamer werden, doch das sei beim heute 33-Jährigen nicht ausschlaggebend gewesen.

"Aus meiner Betrachtung war es wirklich so: Es ist nicht für jeden Fahrer dasselbe Auto gleich gut. Man muss schon individuell auf die Bedürfnisse eines Fahrers - und darauf, was er fühlt - eingehen. Und ich glaube, das ist definitiv nicht passiert", analysiert Mücke.

Vettel sei "unter Wert" geschlagen worden, glaubt er. Zwar möchte der ehemalige Mentor nicht kommentieren, ob der Deutsche bei Ferrari im Vorjahr noch das gleiche Material wie Teamkollege Charles Leclerc bekommen hat - Gerüchte darüber kamen immer wieder auf.

Was Vettel bei Ferrari gefehlt hat

Doch hält er fest: "Nach meinem Gefühl hat er nicht die gleiche Aufmerksamkeit erhalten. Das entscheidet. Wir reden ja nicht über Welten, sondern über zwei Zehntel in der Zeitenliste. Aber in diesem hochwertigen Feld bist du mit zwei Zehntel schon zehn Plätze weiter hinten. Und die ganze Welt sagt: 'Mein Gott, ist der schlecht!'"

Wenn sich ein Fahrer in einem Boliden nicht vollkommen sicher fühle und nicht genügend Vertrauen in das Fahrzeug aufbauen könne, dann werde er die letzten Zehntel nicht abliefern, erklärt Mücke. Bei Vettel kommt noch hinzu, dass er ein Fahrer ist, der die "Nestwärme" im Team um sich herum spüren muss.

Genau diesen Ansatz hat Mücke Motorsport im Unterbau der Formel 1 verfolgt: "Unsere Herangehensweise war es immer, dem Fahrer wirklich Wärme und Verständnis zu geben. Ihm zuzuhören und ihm aber auch Fehler, die er macht, aufzuzeigen. Das ist die konstruktivste Art und Weise zu arbeiten."

Sebastian Vettel, Peter Mücke

Peter Mücke mit Sebastian Vettel 2004

Foto: Motorsport Images

Wenn ein Pilot in einem Team nicht gehört werde, dann sei die Gefahr groß, dass dieser in Resignation verfalle, weiß der Ex-Teamchef. Daher betont er: "Ein Fahrer, der wie Sebastian gezeigt hat, dass er es kann, der verlernt es nicht von einem Tag auf den anderen."

In einem solchen Fall müsse sich hingegen das Team hinterfragen. "Sebastian ist sicher mit einer anderen Voraussetzung zu Ferrari gekommen. Und zwar, das in die Hand zu nehmen, sich ein bisschen stärker einzubringen und das Team zu führen."

Vettel selbst sprach nach seinem Abschied aus Maranello davon, dass er mit Ferrari "gescheitert" sei. Besonders der SF1000 lag dem Heppenheimer nicht. Oftmals wurde das instabile Heck für die ungewöhnlich vielen Fahrfehler des Champions verantwortlich gemacht.

Was Mücke von Vettel bei Aston Martin erwartet

Mücke überrascht das nicht, denn es gebe nur wenige Rennfahrer, die sich mit einem losen Heck wohlfühlen. Bei Vettel sei das nicht anders. Er konnte aber auch beobachten, dass von außen betrachtet Leclerc im Vorjahr besser mit den Eigenheiten des Ferrari-Boliden zurechtgekommen ist.

Bei Aston Martin muss sich der Deutsche nun auf ein völlig anderes Fahrzeugkonzept und den Mercedes-Motor einstellen. Mücke riet seinem ehemaligen Schützling schon im Vorjahr zu dem Wechsel. Er glaubt, dass der Neuanfang Vettel guttun wird.

"Ich glaube, für Sebastian war das ein richtiger Schritt. Den Rest werden wir sehen. Racing Point hat im Vorjahr gut abgeliefert." Als internes Ziel hat die Mannschaft von Lawrence Stroll WM-Platz drei ausgegeben, Vettel hofft mit dem AMR21 wieder öfter auf das Podium fahren zu können.

"Vielleicht erleben wir auch Überraschungen. Bestimmt nicht, dass sie Mercedes schlagen, aber dass er gut dabei ist", prophezeit Mücke. Er glaubt außerdem, dass das Projekt mit der nötigen Ernsthaftigkeit und finanziellen Unterstützung von Stroll sen. betrieben wird.

Bleibt noch die Frage, ob Vettel bei Aston Martin tatsächlich faire Bedingungen vorfindet? Schließlich hat er mit Lance Stroll den Sohn des Teambesitzers zum Teamkollegen. Ist das ein Nachteil? "Das glaube ich nicht. Perez ist ja auch bei uns gefahren, den kennen wir gut. Und er hat neben Stroll gut ausgesehen."

Auf einem ähnlichen Niveau wie Sergio Perez werde "sicherlich" auch Vettel abliefern können, ist Mücke überzeugt. "Aber ich sage immer, es gibt keine Wunder. Auch das wird ein bisschen Zeit brauchen. Dann sollte das aber auch funktionieren."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

geteilte inhalte
kommentare
"Fire-up" geglückt: Haas startet Ferrari-Motor in Bahrain zum ersten Mal

Vorheriger Artikel

"Fire-up" geglückt: Haas startet Ferrari-Motor in Bahrain zum ersten Mal

Nächster Artikel

Entscheidung heute: Sprintrennen in Silverstone wahrscheinlich

Entscheidung heute: Sprintrennen in Silverstone wahrscheinlich
Kommentare laden

Artikel-Info

Rennserie Formel 1
Fahrer Sebastian Vettel
Teams Ferrari , Mücke Motorsport
Urheber Maria Reyer