Mysteriös: Wolffs Überholdiagramm wirft neue Fragezeichen auf

Exklusiv: Jenes Diagramm, das Toto Wolff an Michael Masi geschickt hat, war bei der FIA gar nicht bekannt - Recherchen verschaffen nun etwas mehr Klarheit

Mysteriös: Wolffs Überholdiagramm wirft neue Fragezeichen auf

Jenes Diagramm, das Toto Wolff nach der Kollision zwischen Max Verstappen und Lewis Hamilton an FIA-Rennleiter Michael Masi gemailt hat, entpuppt sich zunehmend als Mysterium. Denn wie Recherchen von 'Motorsport.com' ergeben haben, handelt es sich dabei nicht um ein offizielles FIA-Dokument, wie das die Mercedes-Seite am Rennsonntag in Silverstone zunächst suggeriert hatte.

Auf Anfrage erklärt der Automobil-Weltverband, dass das Diagramm "nie ein offizielles FIA-Dokument war" und dass es auch nie als solches veröffentlicht und an alle Teams als verbindliche Richtlinie kommuniziert wurde. Es sei auch derzeit nicht als solche Richtlinie in Verwendung, stellt der Verband klar.

Gleichzeitig ist es keineswegs so, dass Mercedes bewusst Fake News verbreitet hat. Vielmehr dürfte es sich um ein Missverständnis zwischen dem zuletzt so erfolgreichen Formel-1-Team und dem Verband handeln. Und zwar um eins, dessen Ursprung viele Jahre zurückliegt.

Es war 2015, als Mercedes-intern das Stallduell zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg zu eskalieren begann. Bei Mercedes wurde, um die teaminternen Spielregeln klar definieren zu können, an den sogenannten "Rules of Engagement" gearbeitet, die inzwischen (nach mehrfacher, laufender Überarbeitung) als "Racing Intent" bekannt sind.

Im "Racing Intent" werden unter anderem die Spielregeln dafür festgelegt, wie die beiden Mercedes-Fahrer auf der Strecke miteinander umzugehen haben und wo die Grenze zwischen hartem, aber fairem Racing und einem Verhalten, das vom Teammanagement nicht akzeptiert wird, liegt.

 

Als Mercedes gefragt hat, war Whiting noch Rennleiter

Im Zuge dieses Prozesses hat sich Mercedes irgendwann im Jahr 2015 an die FIA gewandt und um eine Präzisierung gebeten, wie Rad-an-Rad-Duelle von den Rennkommissaren bewertet werden. Als Antwort erhielt das Team damals jenes Diagramm, das Wolff nun als vermeintliches Beweismaterial an Masi gesendet hat.

Dass das Diagramm nur eine informelle Information an Mercedes war und keine offizielle Kommunikation an alle Teams, das war offenbar nicht allen Beteiligten klar. Teilweise verschwimmen auch die Erinnerungen. So hatte Masi zunächst keine Ahnung, woher das Diagramm stammt und warum Mercedes davon ausgeht, dass es als Entscheidungsgrundlage verwendet wird.

Erst die Anfragen von 'Motorsport.com' sowohl bei Mercedes als auch bei der FIA brachten ein wenig Licht ins Dunkel. Am wahrscheinlichsten ist: Mercedes ging davon aus, dass es sich um ein offizielles Dokument handelt, weil man jahrelang nichts Gegenteiliges gehört hat. Und bei der FIA wusste bis zum Rennsonntag in Silverstone keiner, dass das Diagramm überhaupt existiert.

Dazu muss man verstehen: 2015, als das Thema erstmals diskutiert und das Diagramm an Mercedes ausgehändigt wurde, war Charlie Whiting noch am Leben und Michael Masi noch nicht FIA-Rennleiter in der Formel 1. Masi und sein heutiges Team hatten schlicht keine Kenntnis darüber, was seinerzeit mit Mercedes besprochen wurde.

Seitens der FIA räumt man ein, dass der Ursprung des Diagramms schwer rekonstruierbar sei, es aber "möglich" und sogar "durchaus wahrscheinlich" sei, dass es in der Vergangenheit in vergleichbaren Situationen als Grundlage herangezogen wurde, um Klarheit zu schaffen. Heute sei das aber nicht mehr der Fall, und das Diagramm war auch nie explizit ein Teil der Formel-1-Regeln der FIA. Also ein Missverständnis.

Allison: Wie er vor Bekanntwerden argumentiert hat

Dem ist auch Mercedes-Technikchef James Allison aufgesessen, als er das Analysevideo aufgenommen hat, das von Mercedes unmittelbar nach dem Grand Prix von Großbritannien veröffentlicht wurde. Allison nimmt in dem "Race-Debrief" nämlich explizit Bezug auf das Diagramm - noch nicht ahnend, was danach noch alles darüber herausgefunden werden würde.

Man sei bei Mercedes nach der Kollision "besorgt" gewesen, weil man wirklich sicherstellen wollte, "dass die Kommissare die FIA-interne Richtlinie für die Kommissare (für die er das Diagramm zu dem Zeitpunkt fälschlicherweise gehalten hat; Anm. d. Red.) über das Richtig und Falsch bei Überholmanövern gesehen haben und auch danach handeln".

Denn für Mercedes stand fest: "Lewis' Manöver entsprach absolut der Überholrichtlinie der FIA. Wenn du innen überholst, dann erfordert die Richtlinie, dass du deutlich neben dem anderen Auto bist. Es ist nicht erforderlich, vorne zu sein, sondern du musst am Kurveneingang deutlich daneben sein. Und Lewis war definitiv deutlich daneben. Seine Vorderachse war weit vor der Mitte von Verstappens Auto."

Die zweite Voraussetzung, die im Diagramm skizziert ist, lautet, dass der überholende Fahrer die Kurve sauber schaffen muss. Das interpretiert Allison so: "Du musst die Kurve schaffen und darfst dabei nicht die Strecke verlassen oder die Kontrolle über das Auto verlieren. Das muss erfüllt sein." Und war es seiner Auffassung nach auch.

Mercedes in Video: Strafe war zu hart

"Wenn du die Kurve schaffst und wenn du deutlich neben dem anderen Auto bist, dann gehört die Kurve dir. Das bedeutet nicht zwingend, dass du vor dem anderen Auto aus der Kurve rauskommen musst. Sondern es bedeutet, dass du deine Position nicht aufgeben und dass du nicht zurückstecken musst, weil es die Pflicht des anderen Autos ist, dich nicht zu treffen."

Die Strafe sei so gesehen "hart" gewesen, findet Allison, denn: "Wenn wir uns an die Richtlinie für die Kommissare halten und uns Bild für Bild ansehen, was passiert ist, dann war Lewis deutlich daneben und er hätte die Kurve definitiv geschafft. Insofern gab es für ihn keinen Grund, an der Stelle zurückzustecken."

"Mir ist schon klar, dass nicht jeder damit übereinstimmt. Aber ich bin fest der Überzeugung, dass das der Fall ist, und ich finde auch, dass es keinen Unterschied macht, ob Copse eine schnelle Kurve ist oder nicht. So sind die Regeln im Hinblick aufs Überholen nun mal beschrieben, und in Bezug darauf kann ich nicht erkennen, dass Lewis irgendetwas falsch gemacht haben soll."

Doch auch wenn bekannt ist, dass sich Allisons Argumentation auf ein Dokument stützt, dessen Relevanz stark in Frage gestellt ist, ist zumindest für Außenstehende nicht hundertprozentig klar, auf welche Entscheidungsgrundlage sich die FIA-Kommissare heute stützen, wenn sie Entscheidungen treffen. Und solange werden die Diskussionen über die Schuldfrage auch nicht aufhören ...

Mit Bildmaterial von Motorsport Network.

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