Nachruf auf Carlos Reutemann (1942-2021): Eine rätselhafte F1-Legende

Carlos Reutemanns (79) Formel-1-Karriere lässt bis heute viele Fragen offen - Wir blicken zurück auf die Höhen und Tiefen des Argentiniers in der Königsklasse

Nachruf auf Carlos Reutemann (1942-2021): Eine rätselhafte F1-Legende

Carlos Reutemann, der in der Formel 1 für Brabham, Ferrari, Lotus und Williams fuhr, gewann zwölf Grands Prix. Doch obwohl er in greifbare Nähe des Titels kam, wurde er nie Weltmeister.

1974 feierte der Argentinier in Kyalami in Südafrika seinen ersten Grand-Prix-Sieg. Es war nicht nur der erste Formel-1-WM-Triumph eines Brabham seit 1970, sondern auch der erste Sieg eines von Gordon Murray konstruierten Formel-1-Autos - zufällig in Murrays Heimatland.

Dass Reutemann bereits in seiner dritten Saison auf diesem Niveau erfolgreich sein sollte, war für das Formel-1-Establishment kaum ein Schock. Die meisten seiner Konkurrenten hatten damit gerechnet, seit er 1972 von Brabhams neuem Besitzer Bernie Ecclestone unter Vertrag genommen wurde - und bei seinem Grand-Prix-Debüt die Poleposition holte.

Ein Auf und Ab bei Brabham

Während Reutemann in seiner Rookie-Saison mit dem mittelmäßigen Brabham BT37 weitgehend chancenlos blieb, verlief das Jahr 1973 mit Murrays BT42 vielversprechend. In einer Ära, in der nur die sechs Erstplatzierten in die Punkte kamen, wurde Reutemann in den letzten neun Rennen der Saison sechsmal belohnt, feierte zwei Podiumsplätze.

Als Murray dann den markanten BT44 für 1974 entwarf, begann Brabham wieder wie ein Team auszusehen, das seines Gründers, Sir Jack Brabham, würdig war. Und Reutemann sollte in diesem Jahr drei Siege einfahren.

Das BT44B-Update für 1975 stand Laudas schnellem und zuverlässigem Ferrari 312T gegenüber. Murray hatte die Fehler des Originals ausgebügelt: Das Auto war zuverlässiger, aber es fehlte ihm nun ein entscheidender Vorteil in Sachen Geschwindigkeit, sodass Reutemann seine Reifen zerstörte, wenn er versuchte, am Renntag mit Ferrari mitzuhalten.

Mit einem Sieg - einem glücklichen Triumph auf dem Nürburgring - und fünf weiteren Podiumsplätzen wurde er Dritter in der Meisterschaft. Aber zum ersten Mal in seiner Karriere hatte er es mit einem starken Teamkollegen, Carlos Pace, zu tun und musste sich im Qualifying geschlagen geben - ein Trend, der sich bis 1976 fortsetzte.

Carlos Reutemann

Carlos Reutemann im Brabhma BT44

Foto: Motorsport Images

Wenn man bedenkt, wie schnell Reutemann sein konnte, war Pace - der 1977 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam - vielleicht eines der größten unerfüllten Talente des Grand-Prix-Sports. Oder, wie einige spekulierten, Reutemann ließ sich hängen.

Denn der Argentinier war ein sensibler Mann. Und wenn man feststellen muss, dass zwischen der Brabham-Teamleitung und Pace eine engere Bindung bestand, ist es nicht unvorstellbar, dass ihn das in außergewöhnlichem Maße beunruhigte.

Sieger gab es bei Brabham 1976 aber ohnehin nicht. Nach dem Umstieg von Cosworth-V8 auf Alfa-Romeo-F12 waren die Maschinen im Martini-Look weder schnell noch zuverlässig. Das bekam Reutemann zu spüren: Neun der zwölf Rennen, die er in diesem Jahr für das Team startete, konnte er nicht beenden.

Ferrari: Reutemann vs. Lauda

Enzo Ferrari rannte also offene Türen ein, als er den Argentinier ansprach, um Clay Regazzoni für 1977 zu ersetzen. Als sich Lauda 1976 auf dem Nürburgring lebensgefährlich verletzte, schien der Wechsel früher zustande zu kommen als erwartet.

Doch gerade als Ferrari Reutemann für den Italien-Grand-Prix in Monza bestätigte, kündigte der angeschlagene Titelverteidiger seine kaum zu glaubende Rückkehr an und zwang die Scuderia, drei Autos einzusetzen. Lauda schlug seinen baldigen Vollzeit-Teamkollegen sowohl im Qualifying als auch im Rennen in Monza.

Die verbleibenden drei Rennen der Saison musste Reutemann schließlich aussetzen, nachdem er Brabham verlassen hatte und Ferrari auf den zusätzlichen Einsatz verzichtete.

Carlos Reutemann, Niki Lauda

Carlos Reutemann und Niki Lauda im Ferrari 312T2

Foto: Motorsport Images

In der Saison 1977 waren Lauda und Reutemann in Bezug auf das Qualifying ungefähr gleichauf. Aber im Rennen lag der Österreicher klar vorn: Er feierte drei Siege und die Weltmeisterschaft, während Reutemann einen einsamen Sieg und den vierten Platz in der Punktewertung nach einer Saison holte, in der er manchmal brillant und manchmal mittelmäßig aussah.

Doch als Lauda das Team vor Saisonende verließ, wurde Reutemann in die Rolle des Teamleaders gedrängt, mit Rookie Gilles Villeneuve als Teamkollegen - und der Argentinier reagierte großartig. Zwar fuhr Lotus 1978 acht Siege ein und gewann mit Mario Andretti die Weltmeisterschaft gewann, doch Reutemann gelangen mit dem Ferrari 312T3 - anders als der Lotus ohne Ground-Effect - vier Siege und der dritte Platz in der WM.

Die Jahre bei Lotus und Williams

Seine Aktien waren daher hoch, als er für 1979 zu Lotus wechselte, aber der Schritt war schlecht getimt: Der neue Lotus 80 funktionierte auf den meisten Strecken nicht gut. Andretti landete beim Debüt des neuen Autos auf dem dritten Platz, setzte es danach aber nur noch zweimal ein. Reutemann weigerte sich, damit überhaupt Rennen zu fahren.

Stattdessen entschied er sich, auf den Lotus 79 zurückzugreifen, der mittlerweile jedoch nicht mehr schnell genug war, um ernsthaft um den Sieg zu kämpfen.

Carlos Reutemann

Carlos Reutemann im Lotus 79

Foto: Motorsport Images

Das Auto, das in der zweiten Hälfte der Saison stark aufkam, war der Williams FW07, und Reutemann ergriff die Chance, für 1980 zum Team von Frank Williams zu wechseln und das neue B-Modell zu fahren - auch wenn das bedeutete, dass er einen Vertrag als Nummer 2 hinter Alan Jones unterschreiben musste.

Der Australier gewann fünf Rennen und die Weltmeisterschaft, während Reutemanns einen einzigen Sieg in Monaco holte und den dritten Platz in der Punktetabelle belegte - Brabhams Nelson Piquet zwischen den beiden Williams-Teamkollegen.

1981 schien Reutemann mit dem FW07C den Spieß umzudrehen und seine Qualifying-Pace zu verbessern (10:5 gegen Jones). Doch es kam zu Reibereien im Team, weil Reutemann noch immer als Nummer-2-Fahrer fungierte. In Brasilien ignorierte er die Anweisungen des Teams, ließ seinen Teamkollegen nicht vorbei und fuhr stattdessen selbst zum Sieg. Jones und das Team waren nicht begeistert.

In Zolder gewann Reutemann erneut. Es war ein emotional aufgeladener Triumph, denn im Training war ein Osella-Mechaniker in der Boxengasse in den Weg des #2-Williams geraten und an seinen Verletzungen gestorben. Auf dem Podium war Reutemanns Betroffenheit deutlich zu spüren. Später flog er nach Italien, um sich mit den Eltern des jungen Mechanikers zu treffen.

Kein WM-Titel und zwei Rücktritte

Nach Rennen neun von 15 hatte Reutemann 17 Punkte Vorsprung in der Meisterschaft. Doch in den verbleibenden sechs Rennen schaffte er es nur noch zweimal unter die ersten Sechs. Und in den letzten drei Rennen des Jahres fuhr er so, als ob er den Titel gar nicht wirklich wollte. Seinen einzigen wirklichen Kontrahenten Piquet und Jones bot er nur wenig Widerstand.

Carlos Reutemann

Carlos Reutemann im Williams FW07C

Foto: Motorsport Images

Wenige Tage nach dem Saisonfinale beschloss Reutemann, den Sport aufzugeben. Später machte er die Entscheidung rückgängig und bestritt die ersten beiden Grands Prix des Jahres 1982 für Williams. Er erreichte einen Podiumsplatz, bevor er erneut aufhörte - diesmal endgültig.

Während er als Gouverneur von Santa Fe in die Politik wechselte, rätselte die Motorsportwelt über das Phänomen Reutemann. War er zu sensibel? Hatte er mehr Zuspruch gebraucht, um konsequenter sein Bestes zu geben? War er bewusst oder unbewusst abgeschreckt von der Aufmerksamkeit, die ein Titel gebracht hätte?

Hatte er einfach zu viel über die Dinge nachgedacht? Wie konnte ein Mann, der mental stark genug war, die Tragödie in der Boxengasse in Zolder 1981 zu überwinden, um die Poleposition und den Sieg zu holen, nicht die gleiche Stahlkraft im Umgang mit Teamkollegen wie Lauda oder Jones zeigen?

Niemand - vielleicht nicht einmal der Mann selbst - hatte alle Antworten. Aber die meisten würden zustimmen, dass Reutemann zu seinen besten Zeiten nahezu unantastbar war.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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