Nachruf auf Patrick Tambay: Das schwere Erbe des Villeneuve-Nachfolgers

Am Sonntag ist Patrick Tambay im Alter von 73 Jahren nach langer Krankheit verstorben: Ein Rückblick auf die Karriere des Mannes, der ein schweres Erbe antrat

Nachruf auf Patrick Tambay: Das schwere Erbe des Villeneuve-Nachfolgers
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Die Formel-1-Welt trauert um Patrick Tambay, der am Wochenende im Alter von 73 Jahren verstorben ist und vor allem als Nachfolger von Gilles Villeneuve bei Ferrari bekannt wurde. Zwar konnte er in seinen zwei Jahren in Maranello nur zwei Siege einfahren, dennoch spielte er eine große Rolle dabei, das Team durch eine traumatische Zeit zu führen.

Denn nur wenige Monate nach dem Tod von Villeneuve folgte ein weiterer verheerender Unfall, der die Karriere von Didier Pironi beendete. Durch seine lässige Persönlichkeit war Tambay der ideale Mann, um Ferrari danach zu helfen. Mit einem enormen Charme, einem einnehmenden Lächeln und tadellosen Umgangsformen hatte er sich überall Freunde gemacht.

Es sagt viel darüber aus, dass er in seiner Karriere nach Jahren häufig wieder mit Teams und Schlüsselpersonen zusammen kam, mit denen er früher zusammengearbeitet hatte. Leute hatten ihn gerne um sich herum.

Wie so viele andere Franzosen seiner Generation wurde Tambay von Elf an die Spitze des Sports gebracht. Als begnadeter Skifahrer in seiner Jugend fuhr er gerne Straßenautos bei verschneiten Bedingungen, und ein Trip zum Großen Preis von Monaco inspirierte ihn, sich der Winfield School in Paul Ricard anzuschließen.

Mit schon 23 Jahren gewann er den Preis der Pilote-Elf-Rennfahrerschule, der zu einem bezahlten Cockpit in der Formel Renault 1972 führte - zu den Juroren gehörten damals unter anderem Ken Tyrrell und Francois Cevert.

In seiner zweiten Saison wurde er hinter Rene Arnoux Vizemeister der französischen Meisterschaft, und nachdem er Elf überzeugt hatte, dass er die Formel 3 auslassen sollte, ging er mit Alpine 1974 direkt in die Formel 2.

Er wurde Siebter und ging 1975 mit der erneuten Unterstützung von Elf zum Werksteam von March. Mit einem Sieg in Nogaro und fünf zweiten Plätzen wurde er Vizemeister, allerdings deutlich hinter Meister Jacques Laffite.

Er blieb 1976 noch ein drittes Jahr in der Formel 2 und wechselte zum Martini-Team, wo er erneut in Nogaro gewann und hinter Jean-Pierre Jabouille und Teamkollege Arnoux Dritter wurde. In jenem Jahr gab er an der Seite von Jabouille auch sein Le-Mans-Debüt in einem Werksrenault und bekam auch einen ersten Eindruck der US-Szene, als er an einem F5000-Rennen in Riverside teilnahm.

Für Tambay war es mittlerweile an der Zeit, die Formel 2 hinter sich zu lassen. Er ging 1977 einen ungewöhnlichen Schritt zur Seite und wechselte in die CanAm-Serie, als Ersatz für den verletzten Brian Redman bei Haas. Er gewann sechs Rennen und holte den Titel - und er fuhr ein zweites Mal für Renault in Le Mans.

Erste Formel-1-Chance in Dijon

In diesem Sommer kam auch endlich seine Formel-1-Chance. Bei seinem Heimrennen in Dijon wurde ihm in letzter Minute ein Cockpit bei Surtees angeboten, allerdings konnte er sich nicht qualifizieren. Für den Rest der Saison hatte er bereits für ein Ensign-Cockpit bei Theodore Racing unterschrieben.

Nach einem soliden Debüt in Silverstone fuhr er gleich in seinem zweiten Rennen in Hockenheim auf Platz sechs. In Zandvoort lag er sogar auf Rang drei, bevor ihm das Benzin ausging und er Fünfter wurde.

Seine Leistungen zogen die Aufmerksamkeit von Ferrari auf sich, allerdings wurden Gespräche über ein Cockpit aufgrund einer Erkrankung von Enzo erst einmal verschoben. Bevor eine zweite Chance kam, wurde er von McLaren-Boss Teddy Mayer als Ersatz von Jochen Mass für 1978 verpflichtet.

"Ich sollte zu einem CanAm-Rennen nach Kanada zurückfliegen", erinnerte er sich vor einiger Zeit. "Aber ich ging zu John Hogan von Marlboro, um zu besprechen, was ich tun sollte und dies und jenes. Und plötzlich betrat Teddy Mayer das Büro, mit seiner wirklich schönen Lederaktentasche."

"Also begannen wir miteinander zu reden. Er sagte: 'Du hast ein Angebot von Ferrari? Du wirst nicht gut zu Carlos Reutemann passen, er ist ein seltsamer Typ, die Atmosphäre wird schwierig sein, die Beziehung wird schwierig sein. Außerdem wechseln sie zu Michelin, und das wird mit Sicherheit kein gutes erstes Jahr werden.'"

Tambay zu McLaren, Villeneuve zu Ferrari

"Und dann öffnete er seine schöne Aktentasche und nahm einen McLaren-Vertrag heraus. Ich hatte keinen Manager, ich hatte keinen Agenten, ich hatte gar nichts. Ich rief meinen Vater an, und er sagte: 'Hey, Junge, mach, was du willst, es ist dein Job, und wenn du glaubst, dass du damit umgehen kannst, ist es besser, auf Nummer sicherzugehen.' Also nahm ich einen Stift, unterschrieb und ging nach Kanada."

Bedenkt man, dass das Team mit Gilles Villeneuve schon einen jungen Fahrer an der Angel hatte, der sein Debüt in Silverstone gegeben hatte, war die Verpflichtung von Tambay eine Überraschung.

"Ich sagte zu Gilles: 'Hey, du hattest eine Option mit McLaren für '78. Ich habe gerade einen Vertrag mit ihnen unterschrieben. Aber andererseits habe ich ein Angebot von Ferrari, also solltest du nach Monza fahren und sie sehen.'"

"So hätten wir es unter Freunden gemacht", so Tambay. "Ich schlug Gilles vor: 'Gib Gas, fahr nach Monza, sprich mit ihnen, sie wollen einen jungen Mann an der Seite von Carlos, vielleicht kann es klappen'. Ich hatte keine Ahnung, dass es klappen würde."

"In der Zwischenzeit bin ich nach Monza mit [Mauro] Forghieri zum Alten Mann gegangen, um mich zu entschuldigen, dass ich unterschrieben habe, bevor ich mit ihm gesprochen hatte."

"Forghieri übersetzte das ganze Gespräch, und am Ende sagte der Alte Mann auf Französisch: 'Patrick, was für ein dummer Fehler, den du gemacht hast. Mit uns wärst du Weltmeister geworden, und du hättest viel mehr Geld verdient ...'"

McLaren im freien Fall

James Hunt hatte zwei der letzten drei Rennen 1977 gewonnen, also sah es für Tambay nach einer großen Chance aus. Allerdings kam McLaren 1978 etwas vom Weg ab und wurde von Lotus zum Start der Ground-Effect-Ära deutlich abgehängt.

Hunt verlor schnell das Interesse, während Tambay Probleme hatte, irgendetwas mit dem M26 zu reißen. In Schweden wurde er Vierter und vier weitere Male kam er in die Top 6, was am Ende Platz 14 in der Meisterschaft machte. Villeneuve wurde derweil bei Ferrari zu einem großen Star.

"Ich habe einige Punkte erzielt, aber nicht genug", sagte Tambay. "Ich war mit so vielen Hoffnungen gekommen. Ich glaube, Ende 1977 war ich zusammen mit Gilles einer der aufstrebenden Jungs, auf die die Leute gewartet haben."

"Aber für mich ging es nach unten und für ihn nach oben. Aber das störte mich nicht. Wäre es Rene Arnoux gewesen, dann wäre ich verärgert gewesen. Aber es war Gilles, von daher konnte ich das alles vergeben und damit leben. Ich habe mich sogar für ihn gefreut."

1979 mit John Watson an der Seite von Tambay versuchte McLaren in Sachen Ground-Effect-Technologie aufzuholen, aber der M28 erwies sich als Desaster.

"Ich erinnere mich an den ersten Tag, an dem sie das Auto für den Fototermin aus der Werkstatt rollten. Drei Räder standen auf der Straße, und eines war nicht auf der Straße, sondern in der Luft. Das ganze Team stand hinten, und ich saß auf dem Rad, das nicht auf dem Boden war."

"Und wir hörten dieses knackende Geräusch - die Verklebung war nicht trocken oder so, und ich machte einen Torsionstest. Sie sahen sehr, sehr besorgt aus, das kann ich Ihnen sagen. Ich weiß nicht, was danach passiert ist, aber ich glaube, sie mussten es deutlich versteifen."

Keine Lust auf Shootout mit Prost

Das Auto hatte sich als so problematisch erwiesen, dass Tambay zeitweise sogar auf den veralteten M26 zurückgreifen musste. In der zweiten Saisonhälfte folgte der schnell zusammengebastelte M29, der aber auch nicht viel besser war. Tambay holte keinen einzigen Punkt, und Mayer ersetzte ihn für 1980 durch Formel-3-Star Alain Prost.

"Am Ende der Saison rief mich Teddy an und sagte, ich solle zu einem Test nach Paul Ricard fahren", erzählte Tambay. "'Übrigens kommt ein neuer Typ mit dir mit, er heißt Prost.'"

"'Was?', sagte ich, 'Ich werde nicht gegen Prost antreten. Du hast es mir das ganze Jahr über mit diesem Auto schwer gemacht, und ich werde mich nicht mit ihm vergleichen lassen.'"

"Ich wollte keinen Shootout, das hatte ich nicht verdient. Aber ich habe den Weg für Alain geebnet, indem ich nicht zu diesem Test gegangen bin. Sie mussten eine Entscheidung treffen, und ich denke, dass Marlboro vielleicht auf ihn drängte. Ich habe den Kampf dort aufgegeben, weil ich das Gefühl hatte, dass ich es nicht verdiene, mit ihm verglichen zu werden."

1980 ging Tambay zurück in die CanAm, wo er mit Haas einen zweiten Titel holte und wieder sechs Rennen gewann. 1981 kehrte er in die Formel 1 zurück, wo er wieder einmal mit Teddy Yip zusammenarbeitete und den nicht konkurrenzfähigen Theodore fuhr.

Zu Saisonmitte wechselte er zu Ligier, um den verletzten Jabouille an der Seite von Laffite zu ersetzen. Für ihn war das keine glückliche Zeit: Er kam nicht ein einziges Mal ins Ziel und hatte das Glück, sich bei einem schweren Unfall, bei dem die Front seines Autos abgerissen wurde, nicht stärker zu verletzen.

Schweres Erbe bei Ferrari

Ein Fehlstart mit Arrows ließ ihn 1982 zunächst außen vor, doch als Villeneuve im Mai bei einem Unfall in Zolder ums Leben kam, rief Enzo Ferrari Tambay an, damit dieser an der Seite von Pironi fährt - seinem früheren Formel-2-Rivalen.

Bei seinem zweiten Rennen in Brands Hatch wurde er Dritter, und bei seinem vierten Start mit dem Team in Hockenheim gewann er sogar. Es war der Tag, nachdem Pironi schwer verletzt wurde.

"Es war dramatisch. Der Geist des Teams war zerrüttet, sie verloren einen ihrer Fahrer und dann auch noch gleich den zweiten", so Tambay. "Sie waren so niedergeschlagen und deprimiert, sie waren am Boden zerstört."

"Ich kam gerade erst zurück und konnte das Drama nicht so sehr spüren wie sie. Ich war weg gewesen, und ich war noch nicht wirklich im Team, auch wenn ich Gilles zwei oder drei Rennen zuvor ersetzt hatte."

Tambay half dem Team weiterzumachen, und mit seinen soliden Ergebnissen sicherte er Ferrari in diesem Jahr den Konstrukteurstitel.

1983 kam sein früherer Formel-2-Teamkollege Arnoux zu ihm ins Team. Er feierte ein Jahr nach dem Zerwürfnis von Villeneuve und Pironi einen emotionalen Sieg in Imola und gehörte in der ersten Saisonhälfte zu den Titelanwärtern. Doch seine Hoffnungen wurden durch eine Serie an Ausfällen zerstört - drei davon kamen in Rennen, in denen er auf Pole stand. Das Jahr beendete er als Vierter.

Bei Renault und Haas geht nicht mehr viel

Er wurde von Ferrari fallengelassen und ging 1984 zurück zu Renault und Elf, wo er als Teamkollege von Derek Warwick verpflichtet wurde, der Tambay immer noch als seinen Lieblingsteamkollegen erachtet. Die Pole und Platz zwei beim vierten Rennen in Dijon waren vielversprechend, aber die zwei Jahre beim Team waren schwierig, und er wurde durch starke Zuverlässigkeitsprobleme gehandicapt.

Nach dem Formel-1-Aus von Renault am Ende der Saison 1985 wagte Tambay beim neuen Haas-Team einen frischen Anlauf an der Seite von Alan Jones. Dort kam er wieder mit seinem CanAm-Chef Carl Haas und den früheren McLaren-Männern Mayer und Tyler Alexander zusammen und arbeitete dort auch mit den späteren Technikgurus Adrian Newey und Ross Brawn.

Doch mit dem Ford-getriebenen Autos wurde es erneut ein schwieriges Jahr. Nur in Österreich holte er als Fünfter Punkte. Und als das Team am Ende des Jahres wieder einmal zusperrte, war die Formel-1-Zeit von Tambay vorbei.

1989 engagierte Tom Walkinshaw ihn als Partner von Jan Lammers für Silk Cut Jaguar in der Sportwagen-Weltmeisterschaft. Der XJR10 mit V6-Turbomotor war weitgehend unterlegen, und das einzige gute Ergebnis war der zweite Platz in Jarama, während er in Le Mans mit der V12-Maschine Vierter wurde.

Danach war es mit Tambays Rennsportkarriere vorbei. Er konzentrierte sich auf Off-Road-Veranstaltungen, nahm regelmäßig an der Rallye Paris-Dakar teil und erreichte mehrere Podiumsplätze. In den Jahren 2005 und 2006 gab er ein Comeback in der Grand-Prix-Masters-Serie und nahm an Rennen in Kyalami, Katar und Silverstone teil.

Auch außerhalb des Cockpits war er sehr aktiv. In den letzten Jahren war er für kurze Zeit im Larrousse-Team tätig und schlug parallel dazu eine Karriere als TV-Kommentator und Politiker ein. Er diente auch als Mentor von Jacques Villeneuve, als der junge Kanadier seine Karriere begann, und half später seinem eigenen Sohn Adrien, in der Karriere aufzusteigen.

Tambay hatte seit vielen Jahren mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, vor allem mit der Parkinson-Krankheit, und leider hat er seinen letzten Kampf verloren.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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