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Newey über Imola 1994: "Die größte Erinnerung sind die Sirenen"

Wie Adrian Newey den tödlichen Unfall von Ayrton Senna 1994 in Imola erlebt hat und welche Fragen sich der damalige Williams-Designer im Anschluss stellte

Newey über Imola 1994: "Die größte Erinnerung sind die Sirenen"

Adrian Newey und Ayrton Senna arbeiteten in der Formel 1 nur kurz zusammen

Foto: Getty Images

Der Große Preis von San Marino am 1. Mai 1994 in Imola war ein einschneidender Moment in der Karriere von Adrian Newey. Ayrton Senna verunglückte tödlich im von Newey konstruierten Williams FW16 - und stellte den Briten damals vor die Frage, ob er weiter im Motorsport arbeiten möchte.

"So dumm es auch klingen mag: Ich habe niemals darüber nachgedacht, wie ich mich fühlen würde, wenn sich jemand in einem Auto, für das ich die Gesamtverantwortung trage, schwer verletzt - oder schlimmer", verrät Newey im Podcast High Performance.

Der heute 67-Jährige hatte für Williams bereits 1992 (Williams FW14B) und 1993 (Williams FW15C) zwei Weltmeisterautos gebaut. Nachdem Nigel Mansell und Alain Prost jeweils den Titel in einem Newey-Boliden gewonnen hatten, wechselte Senna 1994 zum Team.

Doch anders als seine beiden Vorgängermodelle war der neue FW16 zu Beginn des Jahres nicht das beste Auto im Feld. Während Michael Schumacher im Benetton B194 die ersten beiden Rennen gewann, startete Senna mit zwei Ausfällen in Brasilien und Japan in die Saison.

Beim dritten Lauf in Imola kam es zum tödlichen Unfall, als Senna kurz nach einer Safety-Car-Phase in Führung liegend in der Tamburello-Kurve abflog. "Die größte Erinnerung daran sind diese verdammten Sirenen", verrät Newey, der zudem noch die TV-Bilder von Senna im Auto nach dem Unfall vor Augen hat.

Unfallursache bis heute nicht restlos geklärt

"Du hoffst inständig, dass es ihm gut geht", so Newey. Doch Senna überlebte den Unfall nicht, weil sich eine Strebe der Radaufhängung durch seinen Helm gebohrt hatte. "Was für ein dummer Unfall. Und was für ein unglücklicher Unfall", erklärt Newey.

"Wäre da nicht damals dieser Querlenker gewesen, wäre er völlig unverletzt geblieben", betont er. Senna erlag seinen schweren Kopfverletzungen, und Newey stellte sich anschließend die Frage, ob er überhaupt weiter im Motorsport arbeiten möchte.

Zudem fragte er sich, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Denn bis heute sind die Umstände, die zu Sennas Tod führten, nicht restlos geklärt. "Ist die Lenksäule gebrochen? Haben wir bei der Konstruktion völlig versagt und ein unsicheres Auto gebaut, oder ist etwas anderes passiert?", so Newey.

Ein Umstand, mit dem sich in den folgenden Jahren auch die italienischen Gerichte beschäftigten. Hintergrund war die Frage, ob ein Fall von fahrlässiger Tötung vorlag. Im Mittelpunkt stand hier die Lenksäule des Autos, die zuvor modifiziert worden war.

Am Imola-Wochenende hatte Williams die Lenksäule auf Sennas Wunsch hin verlängert. Eine Theorie zum Unfall lautet daher, dass die Lenkung an der Schweißstelle mitten während der Fahrt brach und Senna dadurch keine Kontrolle mehr über das Auto hatte.

Newey: "Welche Rolle habe ich persönlich gespielt?"

Auch die italienische Justiz kam später zu dem Schluss, dass genau das mit großer Wahrscheinlichkeit der Grund für den Crash gewesen sei. "Keine Daten deuten darauf hin, dass die Lenksäule das Problem war", betont Newey jedoch auch heute noch.

"Die Daten zeigen vielmehr, dass das Auto in einer Kurve, die eigentlich mit Vollgas hätte gehen sollen, seitlich ausbrach", erklärt er und ergänzt: "In der ersten Runde [nach dem Safety-Car] hat er ohne Probleme Vollgas gegeben. Warum um alles in der Welt hat er die zweite Runde dann nicht geschafft?"

Ayrton Sennas Unfall beim Formel-1-Rennen 1994 in Imola

Ayrton Sennas überlebte seinen schweren Unfall in Imola nicht

Foto: Rainer Schlegelmilch

"In der ersten Runde hatte er zwar einen kritischen Moment, aber in der zweiten Runde hätte der Reifendruck höher sein müssen, und dann hätte alles in Ordnung sein müssen. Ich weiß es also nicht", so Newey über den Grund für den tödlichen Unfall.

Erst 2005, also mehr als zehn Jahre nach Sennas Tod, wurde Newey in Italien freigesprochen, "weil er als Designer nicht für spätere Veränderungen am Auto verantwortlich gemacht werden kann". Das Verfahren gegen den damaligen Williams-Technikchef Patrick Head wurde wegen Verjährung eingestellt.

"Das war zwar ein gewisser Druck", sagt Newey heute über den Prozess, "aber für mich war das nicht das Entscheidende. Das Entscheidende war, zu wissen, welche Rolle ich persönlich dabei gespielt habe und was genau passiert ist."

Newey gesteht: Habe beim Williams FW16 "Mist gebaut"

"Und ich glaube nicht, dass wir jemals mit hundertprozentiger Sicherheit erfahren werden, was passiert ist", betont er. Neben der Lenksäulentheorie, die er selbst für unwahrscheinlich hält, könnte es zum Beispiel auch einen Reifenschaden gegeben haben, erklärt Newey.

Doch weil der rechte Hinterreifen nach dem Unfall komplett zerstört gewesen sei, habe sich auch das nicht überprüfen lassen. Eine dritte Theorie lautet, dass es das Auto selbst war, das den Unfall auslöste. Dieser Verantwortung möchte sich Newey keinesfalls entziehen.

"Ich weiß, dass das Auto aerodynamisch instabil war, was definitiv an mir lag", gesteht er und räumt ein: "Ich habe bei der Aerodynamik des Autos Mist gebaut." So habe der Diffusor bei sehr geringer Fahrhöhe einen Strömungsabriss erzeugt, erklärt Newey.

Ob das bei Sennas Unfall letztendlich eine Rolle spielte, ist aber ebenso unklar wie die Lenksäulen- oder Reifenschadentheorie. So bleibt für Newey bis heute neben viel Ungewissheit lediglich die Tatsache, dass Senna in einem Auto tödlich verunglückt ist, das er konstruiert hat.

"Das ist die Verantwortung, mit der ich leben muss", so Newey.

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