Ocon nach Sensationssieg: Dankbar für das Vertrauen von Alpine

Wie groß die Erleichterung bei Alpine-Fahrer Esteban Ocon über den Sieg beim Formel-1-Rennen in Ungarn wirklich ist und warum das ein Wendepunkt sein könnte

Ocon nach Sensationssieg: Dankbar für das Vertrauen von Alpine

Der Sieg von Esteban Ocon im Ungarn-Grand-Prix ist eine Formel-1-Sensation, und das in mehrerlei Hinsicht. Denn dass ein Alpine-Fahrer am Hungaroring gewinnen würde, damit hatten wohl die wenigsten Beobachter gerechnet, noch weniger wahrscheinlich mit Ocon. Er hatte nämlich zuletzt mit einer handfesten Krise zu kämpfen gehabt. Doch die ist nun vorbei.

Ocon selbst sagt: "Es ist nicht immer einfach, wenn man in Q1 ausscheidet oder auf P17 steht. Da weißt du nicht richtig, wo du stehst, aber das Team hat mir nach den schwierigen Rennen sein großes Vertrauen geschenkt. Wir haben diese schwierige Phase gemeistert und haben in Silverstone unsere Pace wieder gefunden."

Damit verweist Ocon auf seine Formkurve in der Saison 2021, die nach dem Monaco-Grand-Prix einen deutlichen Knick aufweist. Bis dahin dominierte Ocon das Teamduell bei Alpine gegen Fernando Alonso, hatte die besseren Qualifyings und die besseren Rennergebnisse. Das drehte sich dann ab Baku zugunsten von Alonso, und dabei blieb es auch.

Zwischendurch, vor dem Frankreich-Grand-Prix, erhielt Ocon noch einen neuen Vertrag bei Alpine, der ihm bis mindestens 2024 einen Platz beim französischen Werksteam sichert. Die Ergebnisflaute aber hielt an.

Silverstone als Trendwende, mit neuem Chassis

Die Trendwende, so meint Alpine-Teamdirektor Marcin Budkowski, sei aber schon in Silverstone erkennbar gewesen. "Da hat Esteban zurückgeschlagen." Und das zeigen auch die Ergebnisse: Im Qualifying kam er bis auf ein Zehntel ran an Alonso, fuhr im Rennen erstmals seit Monaco in die Punkte. Und das alles mit einem neuen A521-Chassis.

Diesen Schritt ist Alpine gegangen, um "Zweifel auszuräumen", wie Budkowski erklärt. Ocon selbst strebte damit einen "Reset" an. Und dieser "Neustart" scheint gelungen zu sein, gerade noch rechtzeitig.

"Ich kann mir schon vorstellen, dass sein Selbstvertrauen gelitten hat", sagt Budkowski. "Da waren wahrscheinlich auch ein paar technische Probleme im Spiel. Die waren vielleicht nicht so schlimm für die Rundenzeit, aber sie haben an seinem Selbstvertrauen genagt."

Ocon habe allerdings "standgehalten", meint Budkowski weiter. "Und als er hier die Chance bekam, da hat er sie perfekt genutzt."

Ocon gewinnt erstmals seit 2015 wieder ein Rennen

In der Tat: Einmal in Führung, da gab es kein Halten mehr für den Alpine-Fahrer, der erstmals seit 2015 wieder ein Rennen gewonnen hat. Da fuhr Ocon noch als Mercedes-Junior in der GP3 und gewann in diesem Jahr den Meistertitel.

Jetzt hat er wieder gewonnen, aber in der Formel 1. "Da fehlen mir schier die Worte", meint Ocon. "Es ist verrückt: Vor gar nicht allzu langer Zeit haben wir im Team darüber gesprochen, dass der nächste Schritt für uns der Rennsieg sein muss, nachdem wir schon 2020 P2 erreicht hatten. Wir hatten das dieses Mal nicht erwartet, sicher nicht!"

Er selbst räumt ein: Da war auch Glück dabei!

Er habe natürlich von den Zwischenfällen zu Rennbeginn profitiert, sagt Ocon. "Wir sind aber eben in der Position, dass wir ständig auf solche Zwischenfälle warten. Das ist dieses Mal aufgegangen."

Vor dem Start auf feuchter Strecke habe er sich noch mit Aston-Martin-Fahrer Lance Stroll unterhalten, "weil er meist richtig gute Starts hat und solche Bedingungen genauso liebt wie ich. Er meinte: 'Das ist die Gelegenheit!' Natürlich sind da Fehler schnell passiert."

Startcrash beim GP Ungarn 2021 auf dem Hungaroring

Startcrash beim GP Ungarn 2021 auf dem Hungaroring

Foto: Mark Sutton / Motorsport Images

"Ich bin froh, dass er nicht mich getroffen hat. Er hat mir gewissermaßen die Straße freigeräumt. Da hatte ich Glück, natürlich."

Wie Ocon cool geblieben ist im Duell mit Vettel

Glück alleine habe ihm den Rennsieg in Ungarn aber nicht beschert, betont Ocon: "Es war nicht ohne, weil Seb [Vettel] ständig Druck ausgeübt hat. Wenn du aber vorne liegst, hast du freie Fahrt. Dann gibst du die Pace vor auf einer solchen Strecke. Und unterm Strich ist alles perfekt gelaufen."

Letzteres unterstreicht auch Budkowski und lobt seinen Fahrer: "Esteban ist einfach cool geblieben und das perfekte Rennen gefahren. Er musste Sprit sparen im Rennen. Und das ist nicht allzu toll, wenn dir Vettel im Nacken sitzt. Doch Esteban hat das perfekt gemacht und Benzin gespart, wann auch immer er ein bisschen mehr Puffer hatte."

Genau solche Umstände machen für ihn eine "tolle Rennleistung" aus. Das zeige auch, welche Fortschritte Ocon in diesem Jahr gemacht habe. "Wirklich große" nämlich, wenn man Budkowski zuhört. "Und dieser Sieg wird ihm weiteres Selbstvertrauen verleihen."

Ocon selbst gibt an, das breite Formel-1-Mittelfeld habe ihn ideal auf die Situation am Hungaroring vorbereitet. "Wir hatten also immer gutes Training", erklärt er, "denn im Mittelfeld ist es viel schwieriger. An der Spitze tut man sich leichter, weil die Gegner dann alle hinter dir liegen."

Schwierige Entscheidung: Reifenwechsel ja/nein?

Dafür sind Entscheidungen potenziell gravierender, wenn es vorne um deutlich mehr geht als nur um ein paar Punkte. Speziell der Boxenstopp von Intermediates auf Slicks direkt vor dem Restart sei ein solcher Knackpunkt gewesen.

"Wenn du von P2 reinfährst, bricht es dir zunächst das Herz", sagt Ocon. "Aber ich bin froh, dass wir es gemacht haben, weil am Ende lagen wir deutlich vorne. Und der schwache Stopp von Sebastian war dann, was wahrscheinlich den Unterschied ausgemacht hat. Er hätte sonst vielleicht einen Undercut geschafft."

Er könne seiner Boxenmannschaft daher nur ein "Kompliment für ihre gute Arbeit" und dem Team ein "großes Dankeschön für das Vertrauen" aussprechen. "Und jetzt stehen wir wieder da, wo wir hingehören. Das ist fantastisch."

Der Alpine als sichere Bank im Mittelsektor

Denn auch technisch habe Alpine am Hungaroring überzeugt. Der A521 sei ein Schlüssel zum Erfolg gewesen gegen Vettel, als dieser einmal seine große Chance witterte, nachdem sich Ocon von einem zu überrundenden Fahrzeug hatte ablenken lassen.

Esteban Ocon im Alpine A521 vor Sebastian Vettel im Aston Martin AMR21 beim Grand Prix von Ungarn der Formel 1 2021 in Budapest

Esteban Ocon im Alpine A521 vor Sebastian Vettel im Aston Martin AMR21

Foto: Motorsport Images

"Blaue Flaggen und ich, das ist keine Erfolgsstory", meint Ocon und verweist auf die Szene in Kurve 1, in der Vettel beinahe neben ihn gefahren wäre: "Das war sehr eng. Im Rennen waren wir insgesamt einen Tick langsamer als Sebastian. Und da hätte er beinahe ein Manöver gesetzt. Er war unheimlich nahe dran, ein bisschen zu nahe für meinen Geschmack."

Doch Ocon befreite sich aus der Drucksituation, weil sein Auto ihm das ermöglichte. "Im engen Mittelteil", erklärt der Alpine-Fahrer, "konnte ich mir wieder etwas Luft verschaffen, weil das Auto dort hervorragend lag. Wir hatten also nicht alles unter Kontrolle, aber es hat gereicht."

Und so kann Ocon jetzt von seinem ersten Formel-1-Sieg schwärmen: "Daran werde ich auf ewig zurückdenken! Und noch dazu auf dieser Strecke! Viele mögen den Hungaroring nicht, aber für mich ist dieser Kurs in den Top 2 in unserem Kalender, jetzt wahrscheinlich die Nummer eins."

Er finde großen Gefallen an der kurvenreichen Rennbahn bei Mogyorod bei Budapest. "Ich mag den Kurs, ich mag ihren Fluss. Und ich hatte ja bisher keine allzu tolle Bilanz hier, aber diese Bilanz ist jetzt ganz gut geworden!"

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

geteilte inhalte
kommentare
Carlos Sainz: Der Punkt, an dem Ferrari die Siegchance verlor
Vorheriger Artikel

Carlos Sainz: Der Punkt, an dem Ferrari die Siegchance verlor

Nächster Artikel

Frühes Aus für Leclerc: Ferrari ärgert sich über "dummen" Unfall mit Stroll

Frühes Aus für Leclerc: Ferrari ärgert sich über "dummen" Unfall mit Stroll
Kommentare laden