Ohne Simulator schneller: Hamilton mit stärkstem Wochenende in Kanada
Lewis Hamilton verzichtet bewusst auf Ferraris Simulator - und schlägt Charles Leclerc in Montreal erstmals deutlich und konstant
Lewis Hamilton erlebt ein starkes Formel-1-Wochenende in Kanada
Foto: Sutton Images
Lewis Hamilton scheint bei Ferrari einen völlig neuen Weg gefunden zu haben - und der könnte sich ausgerechnet in Montreal erstmals richtig auszahlen. Der siebenmalige Weltmeister verzichtete vor dem Grand Prix von Kanada bewusst auf die Arbeit im Simulator und präsentierte sich anschließend so stark wie lange nicht mehr.
In beiden Qualifying-Sessions schlug Hamilton seinen Teamkollegen Charles Leclerc. Im Sprint-Qualifying lag er 0,084 Sekunden vorne, im Haupt-Qualifying sogar 0,108 Sekunden. Besonders bemerkenswert: Hamilton war in sämtlichen sechs Qualifying-Segmenten des Wochenendes schneller als der Monegasse.
Das ist eine deutliche Trendwende. Vor Montreal hatte Leclerc das interne Qualifying-Duell der Saison mit 27:9 klar angeführt. Und selbst von Hamiltons bisherigen Erfolgen gegen seinen Teamkollegen entfielen gleich vier auf das Wochenende in China - jenes Rennen, bei dem der Brite ebenfalls auf Simulatorarbeit verzichtet hatte.
Montreal scheint diese ungewöhnliche Herangehensweise nun erneut zu bestätigen. "Es hat sich großartig angefühlt", sagt Hamilton nach dem Qualifying. "Wir haben einige gute Änderungen vorgenommen. Ehrlich gesagt glaube ich sogar, dass ich ohne die verpatzte letzte Runde Dritter hätte werden können."
Hamilton fühlt sich endlich wohler im Ferrari
Vor allem beim Fahrgefühl habe Ferrari laut Hamilton zuletzt klare Fortschritte gemacht. Der 41-Jährige spricht offen darüber, dass er sich inzwischen deutlich wohler fühle, das Auto aggressiv am Kurveneingang zu attackieren.
"Es geht um die Bremsen, die Stabilität beim Einlenken und generell um das Set-up, zu dem ich mich inzwischen hingearbeitet habe", erklärt Hamilton. "Damit bin ich viel glücklicher und kann die Kurven deutlich aggressiver anfahren."
Gerade die Bremsproblematik hatte Hamilton in den vergangenen Monaten immer wieder beschäftigt. Mehrfach klagte er darüber, dass ihm beim Anbremsen das Vertrauen ins Auto fehle - ein zentrales Problem, wenn man auf höchstem Niveau konstant die letzten Hundertstel finden muss.
Hamilton: Ferrari-Simulator "der beste, den ich je gesehen habe"
In Montreal scheint Ferrari nun erstmals ein Fenster gefunden zu haben, das besser zu Hamiltons Fahrstil passt. Interessant dabei: Statt sich wie üblich intensiv im Simulator vorzubereiten, konzentrierte sich Hamilton diesmal fast ausschließlich auf Datenanalyse und direkte Arbeit mit seinen Ingenieuren.
"Ich habe mich entschieden, den Simulator diesmal auszulassen und mich stärker auf die Daten zu konzentrieren", erklärte er bereits am Donnerstag. "Wir haben uns intensiv mit der Balance in den Kurven, der mechanischen Balance, den Bremseinstellungen und meinem Kurvenansatz beschäftigt."
Hamilton betont dabei ausdrücklich, dass der Ferrari-Simulator keineswegs schlecht sei. "Der Simulator ist fantastisch", stellt er klar. "Es ist der beste Simulator, den ich je gesehen habe. Das Team dort ist unglaublich und wir entwickeln das System ständig weiter."
Hamilton zweifelt seit Jahren am Nutzen von Simulatoren
Trotzdem blickt Hamilton inzwischen grundsätzlich skeptischer auf die moderne Simulatorarbeit. Der Brite erklärt ausführlich, dass ihn die virtuelle Vorbereitung oft eher verwirre als helfe. Seine ersten Simulator-Erfahrungen machte Hamilton bereits Ende der 1990er-Jahre bei McLaren.
Doch selbst über seine dominanten Mercedes-Jahre hinweg nutzte er das Tool nur selten. "Bei Mercedes war der Simulator am Anfang ziemlich weit entfernt von der Realität", erinnert sich Hamilton. "In all den Jahren, in denen wir Weltmeisterschaften gewonnen haben, habe ich ihn kaum benutzt."
Erst ab 2020 habe er den Simulator regelmäßiger verwendet - allerdings mit mäßigem Erfolg. "Es gab in 20 Jahren eigentlich nur ein einziges Mal, dass das Simulator-Set-up exakt zum echten Auto passte", sagt Hamilton lachend. "Das war wahrscheinlich Singapur 2012."
Das Hauptproblem: Die Eindrücke aus dem Simulator lassen sich auf der realen Strecke oft nicht reproduzieren. "Du arbeitest die ganze Woche im Simulator, findest ein Set-up, mit dem du dich wohlfühlst, kommst an die Strecke - und plötzlich fühlt sich alles komplett anders an", erklärt Hamilton. "Dann musst du vieles wieder rückgängig machen, was du gelernt hast."
Gerade im vergangenen Jahr habe ihn das zunehmend frustriert. "Oft war es einfach ein Treffer oder ein Fehlschlag", sagt er. "Deshalb wollte ich diesmal einen anderen Ansatz ausprobieren."
Regen könnte Hamilton zusätzlich helfen
Und bislang scheint dieser Ansatz aufzugehen. Besonders bemerkenswert ist, dass Hamilton in Montreal nicht nur Leclerc schlagen konnte, sondern Ferrari insgesamt deutlich konkurrenzfähiger wirkte. Der Brite glaubt sogar, dass die angekündigten Regenbedingungen im Rennen zusätzliche Chancen eröffnen könnten.
"Ich hoffe, dass uns der Regen etwas näher an die Jungs vorne bringt", sagt Hamilton. "Vielleicht gibt uns das die Möglichkeit, mit Mercedes zu kämpfen." Die Voraussetzungen dafür könnten tatsächlich günstig sein. Hamilton gilt seit Jahren als einer der stärksten Regenfahrer der Formel 1, auch wenn seine bisherigen sieben Siege in Montreal allesamt auf trockener Strecke erzielt wurden.
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