"Party-Modus": Fehlen wirklich 55 PS auf Mercedes?

Renault erklärt, warum Red Bulls Vorschlag in Bezug auf die Motorenmodi nicht realistisch ist, während Helmut Marko einen Verdacht gegen Mercedes hegt

Zwar haben inzwischen alle Motorenhersteller spezielle Einstellungen entwickelt, für die sie für eine schnelle Runde im Qualifying zusätzliche Leistung freigeben können; aber es besteht in Expertenkreisen Einigkeit darüber, dass Mercedes den besten sogenannten "Party-Modus" hat. Aus dem Red-Bull-Camp hört man, dass der Mercedes-Motor zwischen 30 und 55 PS mehr leisten soll als der Renault-Antrieb. 30 im Rennen, 55 im "Party-Modus".

Es liegt in der Natur der Sache, dass Red Bull davon - sollten die Angaben so stimmen - nicht begeistert ist. Weshalb Teamchef Christian Horner nun mit einem Vorschlag daherkommt: "Man könnte doch sagen, dass für das ganze Wochenende der gleiche Motorenmodus verwendet werden muss", sagt er im Gespräch mit 'Motorsport.com'.

Den Vorteil für Mercedes könne man mit freiem Auge sehen: "In Q1 und Q2 gehen sie keine Risiken ein, und in Q3 drehen sie dann plötzlich auf. Man muss sich nur das Qualifying in Melbourne anschauen: Die Differenz zwischen Q2 und Q3 war erheblich. So viel schneller ist die Strecke in der Zeit nicht geworden."

Doch eine Regeländerung dahingehend, dass die Motorenmodi quasi "abgeschafft" werden und jeder Motor nur noch mit einer Einstellung gefahren werden kann, sei "technisch extrem schwierig" umzusetzen, befürchtet Renault-Sportchef Cyril Abiteboul. "Dabei hätte ich jeden Grund, die Meinung von Dr. Marko zu unterstützen. Aber ich kenne die technischen Details, und ich glaube nicht, dass das gehen wird."

 

 

Stattdessen schlägt er im Interview mit 'Motorsport.com' vor, den Hebel woanders anzusetzen, und zwar beim Ölverbrauch: "Momentan sind 0,6 Liter Verbrauch erlaubt, dabei braucht unser Motor nur 0,1 Liter. Ich verstehe nicht, warum wir da nicht noch weiter gehen. Für mich wäre das ein ganz offensichtlicher Ansatz, wenn wir in Bezug auf dieses Thema etwas unternehmen wollen: sicherzustellen, dass alle auch im Geist des Reglements operieren."

Bekanntlich hatte die FIA 2017 Wind davon bekommen, dass einige Motorenhersteller bewusst Öl mit dem Benzin mitverbrennen, um die Performance zu steigern. Also wurde die maximal erlaubte Menge Öl, die im Motor verbrannt werden darf, von 0,9 auf 0,6 Liter pro 100 Kilometer verringert. Peaks in der Ölverbrennung nachzuvollziehen, ist für die FIA mit ihren technischen Mitteln jedoch schwierig.

Der Verdacht liegt nahe, dass Mercedes im "Party-Modus" auf eine schnelle Runde von etwa fünf Kilometern deutlich mehr Öl mitverbrennt, als das dem Schnitt von 0,6 Litern auf 100 Kilometer entsprechen würde. Wobei das nur einer von vielen Faktoren ist, der zum "Party-Modus" beiträgt.

Ständig "Party-Modus" zu fahren, um mehr Leistung zu haben, ist aber auch nicht möglich. Dann würden die Motoren nicht die sieben Rennen schaffen, die notwendig sind, um straffrei durch die Saison zu kommen. Denn bekanntlich sind 2018 nur noch maximal drei Motoren für die komplette Saison erlaubt.

In Zusammenhang mit den Motorenmodi gibt es noch eine weitere Frage, und zwar in Zusammenhang mit jener technischen Richtlinie, die die FIA zum Thema Behandlung von Kundenteams veröffentlicht hat. Diese besagt, dass Kundenteams wie Force India oder Williams das exakt gleiche Material zur Verfügung gestellt bekommen müssen wie das Werksteam Mercedes.

 

 

Doch Beobachter finden es verwunderlich, dass sich Hamilton/Bottas im Q3 stets deutlich mehr steigern können als Ocon/Perez oder Stroll/Sirotkin. Bei Red Bull schrillen jedenfalls die Alarmglocken, denn dass Situationen wie in Baku 2017, als Valtteri Bottas in der letzten Runde mit einem riesigen Geschwindigkeitsüberschuss an Lance Stroll vorbeigefahren ist, mit rechten Dingen zugehen (im Sinne der FIA-Richtlinie), kann sich Helmut Marko nicht vorstellen.

"Wenn wir uns jetzt das konkrete Beispiel Aserbaidschan anschauen, wie ein Bottas - ich glaube mit über 30 km/h Überschuss - an einem anderen Mercedes-Auto vorbeifliegt, dann ist wohl klar, dass das nicht mit der gleichen Software passiert. Die Hardware mag die gleiche sein, aber da war das ganz sicher der Fall", erklärt der Red-Bull-Motorsportkonsulent im Interview mit 'Motorsport.com'.

Bei Mercedes entgegnet man auf solche Anschuldigungen mit einem Konter. Denn dass Red Bull Höchstgeschwindigkeit auf Mercedes fehlt, habe ganz andere Gründe als die PS-Leistung: "Red Bull fährt eine starke Anstellung. Im Heck ist ihr Auto 30 Millimeter höher als unseres. Das kostet sie vier oder fünf Punkte mehr Luftwiderstand", zitiert 'auto motor und sport' einen namentlich nicht genannten Mitarbeiter aus dem Silberpfeil-Camp.

Dass sich in Sachen "Party-Modus"-Regeln noch 2018 etwas ändern wird, gilt als unwahrscheinlich. Somit wird es an Renault und Honda liegen, den Rückstand in diesem Feld möglichst aufzuholen. Renault hat dies auch vor. Allerdings wollte man nach den Zuverlässigkeitsproblemen Ende 2017 bewusst etwas konservativer in die neue Saison starten.

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Rennserien Formel 1
Teams Red Bull Racing , Mercedes
Artikelsorte News
Tags helmut marko, mercedes, motoren, party-modus, red bull, renault