Pirelli rätselt über Reifenschäden: Nur die Kerbs oder Teilschuld der Teams?

Gleich vier Fahrer erlitten beim Formel-1-Rennen in Katar Reifenschäden, alle vorne links - Pirelli hat einen Verdacht, aber haben die Teams auch zu viel riskiert?

Pirelli rätselt über Reifenschäden: Nur die Kerbs oder Teilschuld der Teams?

Der erste Große Preis von Katar in der Geschichte der Formel 1 dürfte den Verantwortlichen bei Reifenlieferant Pirelli noch einige schlaflose Nächste bereiten. Gleich vier Fahrer erlitten im Laufe des Rennes einen Reifenschaden, was Pirelli verständlicherweise einige Kritik einbrachte.

Besonders drastisch äußerte sich Lando Norris. Der McLaren-Pilot hatte dabei noch Glück im Unglück. Er spürte wenige Meter vor der Boxeneinfahrt, dass irgendetwas an seinem linken Vorderrad nicht stimmte und schaffte es noch an die Box, ehe der Reifen endgültig versagte. Dennoch musste er ein potenzielles Topergebnis hergeben. Vor dem Reifenschaden war er Vierter, ins Ziel kam er auf Rang neun.

"Man erwartet nicht, dass der Reifen platzt, vor allem nicht der harte Reifen", sagt Norris und war vor allem aufgrund der Stintlänge fassungslos. Seine Reifen waren zum Zeitpunkt des Schadens erst 24 Runden alt. "Unser Stint war noch gar nicht so lang, irgendetwas bei 20 Runden. Und ein Reifen sollte viel länger halten als 20 Runden", sagt er und stellt klar: "Das war ziemlich gefährlich für einige. Das darf nicht passieren."

Norris: Pirelli soll bessere Reifen herstellen!

Während Norris noch vergleichsweise glimpflich davonkam, sah es bei den beiden Williams-Piloten George Russell und Nicholas Latifi sowie bei Valtteri Bottas anders aus. Bei Russell und Latifi gab der harte Reifen jeweils nach 32 Runden den Geist auf, bei Bottas war es der Medium, der nach 33 Runden versagte.

"Es darf einfach nicht passieren. Wenn da eine Mauer gewesen wäre, hätte es viel gefährlicher werden können", schimpft Norris und fordert: "Sie sollen einfach die Reifen besser machen. Für uns Fahrer ist es gefährlich. Wir riskieren jedes Mal viel und wenn man nicht einmal ein Formel-1-Auto um die Strecke fahren kann, was soll man da machen?"

Bei allen vier Fahrern war es jeweils der linke Vorderreifen, der Probleme bereitete. "Wir müssen die Reifenschäden untersuchen. Uns war klar, dass links vorne dem größten Stress ausgesetzt ist", sagt Pirelli-Sportchef Mario Isola. Doch die Reifenschäden in Katar seien wohl nicht nur auf die Abnutzung zurückzuführen.

Pirelli empfahl keine Einstoppstrategie

"In diesem Fall passierten die meisten Reifenschäden nach einem Stoß auf die Randsteine. Wir müssen jetzt verstehen, ob der Druckverlust plötzlich kam oder was das Problem war", sagt Isola. Die Reifen werden nun erst einmal zu einer eingehenderen Untersuchung in die Fabrik nach Mailand geschickt.

"Wir haben hier nur eine schnelle visuelle Überprüfung gemacht. Aber die Reifen haben ordnungsgemäß funktioniert. Und wie erwartet waren die meisten Fahrer auf einer Zweistoppstrategie unterwegs", meint er.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn Bottas und auch Norris hatten eigentlich nicht die Absicht, planmäßig zweimal zu wechseln. Und von denen, die ohne Reifenschaden durchgekommen waren, hatten auch die beiden Alpines, die beiden Ferraris, die beiden Aston Martins, Daniel Ricciardo und die beiden Haas-Piloten nur einmal gewechselt.

Allerdings: Bei den Strategieoptionen, die Pirelli den Teams vor jedem Rennen als Empfehlung an die Hand gibt, war von einer Einstoppstrategie gar nicht die Rede. Die optimale Stintlänge der Mediums und harten Reifen - mit Blick auf die Rundenzeit - war zwischen 20 und 25 Runden angegeben. Sind die betroffenen Teams also doch zu risikofreudig gewesen?

Isola: Abnutzung fast bei 100 Prozent

"Der Grund, warum wir eine Zweistoppstrategie vorhergesagt haben, lag vor allem an den Daten vom Freitag begründet. Und der Reifenverschleiß vorne war sehr hoch. Heute waren beispielsweise die beiden Vorderreifen links und rechts zu fast 100 Prozent abgenutzt", sagt Isola. Allerdings müsse geklärt werden, warum alle Schäden nur vorne links auftraten.

Was auffällig war: Es gab für die Fahrer keinerlei Anzeichen, dass die Reifen ein Problem haben. "Es gab keine Vorwarnung, keine Vibrationen, die Pace war konstant. Auch der Grip war okay. Es ist einfach passiert", schildert Bottas.

Auf der Start- und Zielgeraden begann für den Finnen das Problem, der Mercedes zog zur Seite. Doch Bottas glaubte zuerst an stärkeren Wind. "Und dann war es in Kurve 1 ein Reifenschaden. Das war die ungünstigste Stelle, direkt nach der Boxenausfahrt", schildert er.

Latifi: Meine Reifen waren in Ordnung

Ähnlich passierte es auch Latifi, der es aber nicht mehr zurück zur Box schaffte und sein Auto abstellen musste. Auch er erklärt, von dem Schaden "ziemlich überrascht" gewesen zu sein, unmittelbar zuvor habe sich der Reifen noch "gut angefühlt". Eine Runde zuvor hatte es seinen Teamkollegen Russell erwischt, worüber Latifi auch informiert wurde.

"Als ich hörte, dass es der Reifen war, dachte ich noch, okay, meine fühlen sich gut an. Ich hatte vorne gar keine Schwierigkeiten", sagt der Kanadier.

Isola erklärt, bei der Sichtkontrolle der betroffenen Reifen seien Schnitte erkennbar gewesen. "Diese befanden sich an der Seitenwand, dem schwächsten Teil des Reifens. Der Reifenverschleiß war sehr hoch, das müssen wir uns also auch ansehen. Aber die Reifen waren alle in einem Stück", sagt er: "Sie haben nur Druck verloren." Die Randsteine seien daher die wahrscheinlichste Ursache.

Schon in den Trainings am Freitag hatten die Randsteine zu zahlreichen Beschädigungen geführt, bei Pierre Gasly brach der Frontflügel im Qualifying und verursachte einen Reifenschaden.

Pirelli stellt klar: Prognosen waren okay

Einen Fehler bei der Prognose der Lebensdauer der Reifen auf der neuen Strecke schließt Isola als Ursache für die Schäden aus. "Die Strecke war neu, aber wir haben am Freitag Simulationen von den Teams bekommen und haben diese Simulationen mit den Telemetriedaten verglichen. Und das sah alles gut aus. Die Teams haben auch die Energie, die auf den Reifen wirkt, gut vorhergesagt", erklärt Isola.

Die entscheidende Frage sei nun, ob die Schnitte in den Reifen vor oder nach dem Druckverlust in den Reifen entstanden sind. "Alle Reifen waren extrem abgenutzt, nahezu 100 Prozent", hält Isola fest. Ganz aus der Verantwortung nehmen will er die Teams daher nicht.

"Die Kerbs wurden mit hoher Geschwindigkeit überfahren, sie hatten großen Einfluss. Es ist ja kein Geheimnis, dass wir hier viele Schäden gesehen haben, an den Chassis, am Unterboden, an den Flügeln. Und wenn ein Reifen stärker abgenutzt ist, ist er auch nicht mehr so gut gegen die Randsteine geschützt", erklärt Isola: "An diesem Punkt musst du entweder wechseln oder er geht kaputt."

Weitere Co-Autoren: Alex Kalinauckas. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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