"Potenzial für ein Desaster": Chaos im Qualifying von Melbourne?
Piloten müssen ihren Fahrstil komplett umstellen - Das Laden der Batterie wird zur Qual und könnte im Qualifying für ein echtes Desaster sorgen
Oliver Bearman im Haas VF-26 beim Formel-1-Shakedown 2026 in Barcelona
Foto: Haas/Audi Haas/Audi
Ein Aspekt des Formel-1-Reglements für 2026 kristallisiert sich durch das Feedback von Ingenieuren und Fahrern immer deutlicher heraus: Die extreme streckenabhängigkeit der neuen Boliden. Es gibt Kurse, auf denen die Fahrer kaum von ihrem natürlichen Fahrstil abweichen müssen, um Energie zu regenerieren - und es gibt Strecken, die das Laden der Batterie zu einer echten Mammutaufgabe machen.
Melbourne gehört definitiv zur zweiten Kategorie. Seit der Albert Park vor der Saison 2022 umgestaltet wurde, ist der Kurs deutlich schneller geworden. Durch den Wegfall einer Schikane am Lakeside Drive wurde der Übergang zwischen dem zweiten und dritten Sektor zu einer Vollgas-Passage, die nur noch eine einzige Bremszone vor einer Hochgeschwindigkeitskurve aufweist.
Abgesehen von den Kurven 3, 11 und 14 gibt es kaum noch langsame Ecken. Das bedeutet: Die Piloten können sich beim Thema Energierückgewinnung nicht mehr primär auf die klassische Lösung beim Bremsen verlassen. Stattdessen rücken Techniken wie "Superclipping", "Lift-and-Coast" und das Halten hoher Drehzahlen in den Kurven als zentrale Werkzeuge zur Energiegewinnung in den Fokus.
Out-Lap könnte Chaos bringen
Besonders kritisch wird das auf der Out-Lap im Qualifying. Um eine schnelle Runde zu starten, muss der Akku zwingend voll sein. Das gibt dem Fahrer deutlich mehr Spielraum beim Freisetzen der Energie, vor allem im ersten Sektor. Gelingt das nicht, steht weniger Leistung zur Verfügung, was sofort wertvolle Zehntelsekunden kostet.
"Man will die Runde mit einem vollen Energiepaket beginnen", erklärt Williams-Simulatorfahrer Harrison Scott gegenüber Autosport die Herausforderung. "Das ist extrem wichtig für die Rundenzeit. Gleichzeitig sind die Reifen aber superkritisch, was das richtige Temperaturfenster angeht. Diese beiden Dinge unter einen Hut zu bekommen, ist derzeit eine echte Herausforderung."
Scott ergänzt: "In den zwei Testwochen in Bahrain haben wir als Team viel daran gearbeitet. Wir müssen diesen Prozess so effizient wie möglich gestalten, denn beide Faktoren müssen zusammenspielen. Man will mit voller Energie in den ersten Run gehen und gleichzeitig die Reifen im perfekten Fenster haben."
Das Problem dabei: Um die Reifen auf Temperatur zu bringen, muss man Energie aufwenden. "Es ist ein schwieriger Balanceakt, aber es wird mit jedem Event leichter werden", so Scott. "Wir haben fantastische Werkzeuge, um diesen Prozess zu vereinfachen. In unseren Simulationen können wir verschiedene Szenarien durchspielen, um bestmöglich vorbereitet zu sein."
Die Krux mit der Geschwindigkeit
Zusätzlich zu den widersprüchlichen Anforderungen von Reifenaufwärmen und Energierückgewinnung arbeiten die drei relevanten Lademechanismen zu unterschiedlichen Zeiten: Das Laden in den Kurven erfordert langsames Fahren, ebenso wie "Lift-and-Coast". Um jedoch über das "Superclipping" Energie zu gewinnen, muss der Fahrer auf den Geraden schnell unterwegs sein - was wiederum Energie verbraucht.
Im Qualifying wird es daher zu massiven Geschwindigkeitsunterschieden auf der Strecke kommen. Für Fahrer auf einer schnellen Runde könnte es extrem knifflig werden, sich einen Weg durch die Konkurrenten zu bahnen, die gerade versuchen, ihre Batterien aufzuladen. Besonders in den letzten beiden Kurven dürfte dies offensichtlich werden, da die Fahrer zur Vorbereitung ihrer Hotlap dort alles andere als Vollgas geben werden.
Haas-Teamchef Ayao Komatsu skizziert die Herausforderung in Melbourne deutlich, insbesondere das Abwägen zwischen Laden und Reifenvorbereitung. Während die Teams die Freien Trainings früher hauptsächlich für neue Teile und die Reifenstrategie nutzten, geht es nun darum, die Balance für die Out-Laps im Qualifying zu finden.
"Potenzial für ein Desaster"
Komatsu warnt sogar davor, dass das Qualifying das "Potenzial für ein Desaster" habe, wenn die Teams das Gleichgewicht nicht finden. Die meisten werden bereits das erste Freie Training nutzen, um ihre Abläufe für den Samstag zu verfeinern.
"Um die Batterie auf der Out-Lap zu laden, muss man in bestimmten Kurven langsam fahren, auf gewissen Geraden aber Vollgas geben", erklärt Komatsu. "Wenn man dann auf einer Geraden jemanden vorbeilässt, auf der man eigentlich Vollgas geben müsste, hat man ein Problem."
Er betont: "Es gibt ehrlich gesagt viel Potenzial für Chaos im Qualifying. Deshalb ist das Training für mich so wichtig, um das so oft wie möglich zu simulieren. Man kann nicht ins Q1 gehen und das zum ersten Mal ausprobieren." Man müsse die Sessions eher operativ nutzen, um herauszufinden, wie sehr man die Reifenvorbereitung für die Energie opfern muss.
Melbourne ist nicht Bahrain
Während man beim Test in Bahrain bereits verschiedene Harvesting-Techniken sah, gilt Sachir aufgrund der vielen harten Bremszonen nicht als kritisch für das Energiemanagement. Komatsu vergleicht die Erwartungen für Melbourne eher mit dem Shakedown in Barcelona - speziell mit Blick auf die letzten Kurven.
In Bahrain muss ein Fahrer nicht so viel Speed auf die Start-Ziel-Gerade mitnehmen, da die letzte Kurve relativ langsam ist. Barcelonas zurückgekehrte Doppel-Rechts-Kombination am Ende legt hingegen viel mehr Gewicht auf dem Tempo am Ausgang aus den Kurven 13 und 14. In Albert Park ist die Situation ähnlich.
"Bahrain ist viel einfacher", so Komatsu weiter. "Hier ist es viel schwieriger, Energie zurückzugewinnen. Die Art der letzten beiden Kurven hat einen massiven Einfluss. Barcelona ist ein sehr schwieriger Kurs, um eine Runde ordentlich zu beginnen. Bahrain ist weniger ein Problem. Hier in Melbourne wird es ein großes Thema sein."
Was wird passieren?
Sein Fazit: "Wenn man nicht genug Speed mitnimmt, holt man das nie wieder auf. Man muss eine gewisse Geschwindigkeit fahren, obwohl man es eigentlich gar nicht will. Je nach Verkehr arbeiten Gasstellung, MGU-K-Deployment und Rekuperation gegeneinander. Das Management im Vkehr wird extrem schwierig. Das gilt für alle, jeder hat das gleiche Problem. Ich bin mir sicher, wir werden viele schimpfende Fahrer am Funk hören."
Ob man das neue Reglement nun mag oder nicht - der Samstag verspricht Hochspannung. Es ist mit Überraschungen zu rechnen: Einige werden im Verkehrschaos untergehen, andere werden über die Tücken der Energieverteilung stolpern. Mit der Zeit werden diese Prozesse zur Routine - doch beim ersten Mal in Melbourne wird davon noch keine Rede sein.
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