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Ralf Schumacher erinnert sich: So erlebte er die Tränen seines Bruders

Nach Michael Schumachers Sieg in Monza 2000 folgte die wohl emotionalste Pressekonferenz der Formel 1: Ein Moment, der bis heute nachwirkt

Monza 2000: Michael Schumacher weint, als er an Senna denkt

Michael Schumacher auf dem Podium 2000 in Monza

Foto: Getty Images

Ferrari-Fahrer Michael Schumacher zeigt sich sichtlich emotional, als er sich nach dem Formel-1-Heimsieg in Monza am 10. September 2000 in der Pressekonferenz äußert. Er entschuldigt sich sogar dafür und sagt: "Es tut mir leid, ich bin einfach nur happy und erschöpft." Dann atmet er hörbar tief durch.

Schumachers sechster Saisonsieg ist besonders wichtig für den Deutschen: Er hat damit eine fünf Rennen währende Durststrecke ohne Sieg beendet, nach drei Ausfällen in Folge und zuletzt zwei Niederlagen gegen seinen WM-Rivalen Mika Häkkinen im McLaren. In Monza aber wendet sich das Blatt - und Schumacher feiert seinen 41. Grand-Prix-Sieg.

In der Pressekonferenz wird Schumacher auf diesen 41. Sieg angesprochen, weil er damit die Karriereleistung des dreimaligen Weltmeister Ayrton Senna eingestellt hat - mit dem er zu Beginn seiner Formel-1-Laufbahn mehrmals aneinandergeraten war und den er für ein Vorbild hält.

Schumacher sagt noch: "Ja, das bedeutet mir sehr viel." Dann senkt er den Kopf, schluckt, atmet nochmals tief ein, sagt "sorry" - und fängt vor laufenden Kameras an zu weinen.

Mika Häkkinen reagiert als Erster

Die meisten Beobachter sind verdutzt. Als Erster reagiert Häkkinen: Er legt Schumacher die Hand in den Nacken und signalisiert, man möge ohne Schumacher in der Pressekonferenz fortfahren. Neben ihm schluchzt Schumacher, und nun versucht auch dessen Bruder Ralf Schumacher zu trösten.

Die Szene bringt Häkkinen aus dem Konzept. Er sagt: "Können wir eine Pause machen? Macht doch mit Ralf weiter." Sein Blick geht immer wieder nach links zu Michael Schumacher, der den Kopf weiter gesenkt hält und weint. Derweil antwortet Ralf Schumacher auf die Fragen des Moderators.

Dann richtet der Moderator erneut eine Frage an Michael Schumacher: "Was bedeutet das für sie?" Doch Schumacher antwortet knapp: "Fragt mich bitte etwas anderes."

Dann sagt er: "Mir fällt nicht viel ein zu sagen, außer: Ein Dankeschön an alle, die das heute möglich gemacht haben - natürlich das Team im Vordergrund." Eine Pause. Dann: "Sorry, mir fällt nicht viel ein heute."

Was Ralf Schumacher heute darüber sagt

25 Jahre später sagt Ralf Schumacher im Video-Interview für den YouTube-Kanal von Formel1.de: "Ich weiß nur, dass mein Bruder immer sehr ehrlich in seinen Reaktionen ist und dass ihm das sehr nahe gegangen ist."

"Für mich [war das] in dem Moment etwas irritierend. Man kann es auch sehen, wenn man mich anschaut. Aber es ist schön, dass die Formel 1 trotz all des Geldes, des Drucks, der Technik, der Verantwortung trotzdem immer noch menschlich ist."

Michael Schumacher vs. Ayrton Senna

Er selbst habe Senna nicht gekannt, sagt Ralf Schumacher - "und auch nicht diese besondere Beziehung, die sich bei den beiden da so ergeben hatte, durch diesen Machtkampf in der Formel 1, den beide hatten."

"Ich glaube, Ayrton Senna war klar, da kommt jemand, der hat großes Potenzial und könnte mir mein Leben schwer machen, und wollte dann auch den Jungen gleich in seine Schranken weisen. Mein Bruder hat sich das damals nicht gefallen lassen und ist seinen Weg gegangen. Dementsprechend glaube ich, ist das auch der Grund, warum das da passiert ist."

Ralf verteidigt Michael Schumachers Emotionen

Michael Schumachers Tränen in Monza seien aus seiner Sicht auch ein Zeichen des hohen Erfolgsdrucks gewesen - etwas, das "Schumi" stets zu verbergen suchte.

"Aber wenn man so viel Druck hat, den Teststress, Rennstress, Marketingtermine, und auch noch ein bisschen Privatleben haben will, dann entwickelt man irgendwann so eine Art und Weise, um so viel wie möglich von sich fernzuhalten, um eben auch nicht so nahbar zu wirken. Bei mir war das ja auch so", erklärt Ralf Schumacher.

"Die Formel 1 verändert Menschen. Das ist einfach so - weil alles so schnell geht. Da muss man dem Menschen auch mal zugestehen, dass er das dann nicht immer zu hundert Prozent trifft, auch in der Außendarstellung."

In einer Zeit vor den sozialen Netzwerken, wie Ralf Schumacher betont: "Heute hat man eine ganz andere Chance, die es damals nicht gab. Das macht das auch viel nahbarer - auch für einen selbst. Du kannst einfach mal aus der Emotion raus ein Foto schicken und was dazuschreiben. Damit bist du automatisch viel nahbarer. Das macht nochmal einen großen Unterschied."

Ein tragischer Sonntag in Monza

Der Italien-Grand-Prix 2000 in Monza hatte bereits dramatisch begonnen: Ferrari-Fahrer Rubens Barrichello, die beiden Jordan-Fahrer Heinz-Harald Frentzen und Jarno Trulli sowie McLaren-Fahrer David Coulthard wurden in der Startrunde vor der Della-Roggia-Schikane in einen Zwischenfall verwickelt. Alle vier Fahrzeuge drehten sich in einer großen Staubwolke ins Kiesbett.

Erst, nachdem sich der Staub gelegt hatte, wurde klar: Ein Trümmerteil - das rechte Vorderrad von Frentzens Jordan - hatte den Sportwart Paolo Gislimberti getroffen und schwer verletzt.

Trotzdem entschied Formel-1-Rennleiter Charlie Whiting, das Rennen hinter dem Safety-Car fortsetzen zu lassen: Der Grand Prix lief weiter, während Helfer um Gislimbertis Leben kämpften - vergeblich.

Der italienische Sportwart wurde zwar noch ins Krankenhaus transportiert, erlangte aber nicht mehr das Bewusstsein und starb noch am Nachmittag - als erster Todesfall in der Formel 1 seit Senna 1994 in Imola. Als Reaktion auf den Zwischenfall verstärkte die Formel 1 die Halteseile an den Rädern und erhöhte die Sicherheitsstandards der Fahrzeuge.

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