Formel-1-Technik: Auch Red Bull kupfert ab - bei Williams!
Red Bull bedient sich beim Übergang vom Unterboden zum Diffusor bei Williams, Mercedes experimentiert am Heck und Aston Martin mit neuen Flügeln
Formel-1-Technik mit Giorgio Piola
Giorgio Piola analysiert und erklärt die Technik in der Formel 1!
Das Kopieren von Ideen der Konkurrenz gehört in der Formel 1 seit jeher dazu. So haben mittlerweile fast alle Teams das von Red Bull übernommen. Doch das Kopieren ist bei weitem keine Einbahnstraße. Auch die Bullen kupfern ab - und das bei einem Team, das wahrlich nicht auf Augenhöhe mit ihnen kämpft.
Konkret geht es um den Übergang vom Unterboden zur Diffusor-Oberseite, der beim Spanien-Grand-Prix Premiere feierte. Max Verstappens dominante Fahrt zum Sieg wurde durch ein Design ermöglicht, das eine deutlich sichtbare Delle aufwies (Pfeile). Interessanterweise stammt dieses Design von Williams - aus dem Jahr 2022!
In der Beschreibung an die FIA betont Red Bull: "Eine leichte Erhöhung des Anpressdrucks wurde am oberen Teil des Diffusors mit einem kurvigeren Profil erreicht, das sich an Designs von Konkurrenten orientiert". Der Fachbegriff für die Wölbung lautet "Inverse Pocket Arrangement", was so viel wie "nach innen gekehrte Tasche" bedeutet.
Red Bulls Chefingenieur Paul Monaghan antwortet auf unsere Frage: "Man kann nicht davon ausgehen, dass man in allen Bereichen des Autos die beste Lösung hat, wenn das Auto debütiert. Unsere Währung ist die Rundenzeit, nicht wahr?
Darum geht's: Unterboden/Diffusor am Red Bull RB19 mit Kerbe Foto: Motorsport Network
Denn nicht jede Idee passt in jedes Fahrzeugkonzept. Ein wenig mehr Abtrieb an dieser Stelle des Autos kann die gesamte Balance beeinflussen, der Schuss kann also auch nach hinten losgehen.
Williams ist mit dem eingekerbten Diffusor bereits seit 2022 unterwegs Foto: Motorsport Images
Monaghan spielt die Sache herunter: "Es sieht größer aus, als es ist. Es geht um das Ende des Unterbodens. Das ist nicht das Wichtigste, aber es hilft ein wenig. Und man ist in der Höhe sehr eingeschränkt. Wir hatten das schon länger in der Pipeline. Jetzt waren wir in der Lage, es zu bringen, und das haben wir getan".
Noch mehr Ideen übernommen
Die Einkerbungen an den oberen Ecken des Diffusors sind nicht die einzige Idee, die Red Bull von der Konkurrenz übernehmen konnte, ohne allzu viel Zeit in die streng limitierten CFD- und Windkanalstunden investieren zu müssen.
Die neue Biegung nach oben schaufelt Luft von der Unter- auf die Oberseite des Unterbodens Foto: Motorsport Network
Dies könnte auch mit der oben erwähnten Veränderung einhergehen, da sie die richtige Anströmung auf der Oberseite benötigt. Außerdem erzeugt die Luftströmung an dieser Stelle eine Art Schürze, da jegliche Luft von außen abgehalten wird und der Ground-Effect besser wirken kann.
Allerdings ist diese Veränderung ein zweischneidiges Schwert. Denn durch die Entnahme der Luft an der Unterseite nach oben verändert sich die Performance des Diffusors an zwei Stellen.
Mercedes: Die Folgen des Konzeptwechsels
Welche Auswirkungen die Änderung eines ganzen Fahrzeugkonzepts haben kann, zeigt sich bei den Rückspiegeln von Mercedes, die scheinbar einen Rückschritt darstellen. Mercedes hat sich von seinem anfänglich umstrittenen "Zeropod"-Konzept endgültig verabschiedet und sich dem von Red Bull eingeführten "Down-Wash"-Konzept angeschlossen.
Scheinbarer Rückschritt an den Außenspiegeln des Mercedes W14 - links alt, rechts neu Foto: Motorsport Network
Wie im rechten Teilbild (neue Lösung) zu sehen, ist die komplette Verkleidung des Außenspiegels verschwunden. Zuvor wurde der Luftstrom durch die Vollverkleidung um den Spiegel herumgeleitet. Jetzt ist er "nackter" und durchlässiger, sodass mehr Luftstrom die "Rutsche" nehmen kann, die die nach hinten abfallenden Seitenkästen mit dem "Down-Wash"-Konzept jetzt bilden.
Dank der Kran-Bilder aus Monaco haben wir einen kompletten Blick auf den Unterboden des Mercedes W14 Foto: Giorgio Piola
Um damit in Einklang zu kommen, testete Mercedes auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya verschiedene Lösungen für das Bodywork über dem Diffusor. Es gab Versuche mit einem Heckflügel für mittleren Abtrieb (oben) und mit viel Abtrieb (unten). Letzterer wurde im Rennen eingesetzt.
Mercedes W14 mit unterschiedlichen Heckflügeln und Kühlauslässen in Barcelona Foto: Motorsport Network
Aston Martins neuer Frontflügel
Aston Martin hat einen starken Saisonstart hingelegt, muss nun aber im Entwicklungsrennen mit den Topteams der Formel 1 mithalten. Erst Recht, wenn zur Saisonmitte der Reset ansteht, mit dem die Windkanal- und CFD-Stunden neu verteilt werden.
Frontflügel (alt) des Aston Martin AMR23 Foto: Giorgio Piola
Zunächst wurden die beiden oberen Flaps (drei und vier) neu gestaltet. Dadurch wanderte das Verbindungsstück weiter nach innen. Außerdem wurde die Befestigung des Flaps an der Endplatte überarbeitet (in der Zeichnung der alten Version mit einem roten Pfeil gekennzeichnet).
Frontflügel (neu) am Aston Martin AMR23 Foto: Motorsport Network
Durch all das entsteht mehr "Out-Wash". Es kann also mehr Luft um den Vorderreifen geleitet werden.
Heckflügel und Halo ebenfalls modifiziert
Auch am Heck des Autos gibt es Änderungen, damit die Vorteile des Frontflügels nicht verpuffen. Der neue Heckflügel kam bereits in Monaco zum Einsatz. Auffällig ist eine neue Lösung an der Ecke des Flügels, der so genannten "Tip Section".
Heckflügel Aston Martin AMR23, im Kreis die alte Version Foto: Motorsport Network
Das wiederum beeinflusst die Wirbel hinter dem Flügel, die bei hoher Luftfeuchtigkeit gerne als Wirbelschleppen sichtbar werden. Die hier entstehenden Wirbel können von den anderen Teilen des Flügels noch weiter vorteilhaft genutzt werden.
Geänderte Heckflügel-Endplatte am Aston Martin AMR23 Foto: Motorsport Network
Wie beim Flap weiter oben geht es auch hier darum, den Luftstrom für andere Teile des Flügels nutzbar zu machen. Der "Beam Wing", also der Doppelflügel um den Auspuff herum, wurde ebenfalls so verändert, dass er mit dieser Endplatte entsprechend interagiert.
Halo-Winglet am Aston Martin AMR23 Foto: Motorsport Network
Es ist davon auszugehen, dass das Team bei den nächsten Rennen mit einer weiterentwickelten Variante dieser Lösung aufwarten wird. Ziel ist es, den Luftstrom rund um den Halo weiter zu optimieren und die Performance des Fahrzeugs weiter hinten zu verbessern.
Weiterer Co-Autor: Jonathan Noble, Giorgio Piola. Mit Bildmaterial von Motorsport Images.
Diese Story teilen oder speichern
Registrieren und Motorsport.com mit Adblocker genießen!
Von Formel 1 bis MotoGP berichten wir direkt aus dem Fahrerlager, denn wir lieben unseren Sport genau wie Du. Damit wir dir unseren Fachjournalismus weiterhin bieten können, verwendet unsere Website Cookies. Dadurch wird Dein Nutzererlebnis optimiert und die Werbung auf Deine Interessen zugeschnitten. Wir wollen dir aber natürlich trotzdem die Möglichkeit geben, eine werbefreie Website zu genießen.