Red Bulls Ultrasoft-Poker: Wie die Strategie aufgehen könnte

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Red Bulls Ultrasoft-Poker: Wie die Strategie aufgehen könnte
Autor: Sven Haidinger
Co-Autor: Edd Straw
14.04.2018, 10:56

Wieso Red Bull im Schanghai-Qualifying nur dritte Kraft war und wie man mit dem als schlechter Rennreifen verschrienen Ultrasoft-Gummi Mercedes besiegen will

Wie schon bei den ersten beiden Saisonrennen hatte Red Bull auch in Schanghai mit dem Kampf um die Pole-Position nichts zu tun. Max Verstappen und Daniel Ricciardo, bei dem wegen eines Turbodefekts im Freien Training in nur zwei Stunden der Motor gewechselt wurde und der erst in den letzten Sekunden ins Qualifying eingreifen konnte, kamen auf die Plätze fünf (+0,701) und sechs (+0,853).

Während der Rückstand auf Ferrari im Red-Bull-Lager für einen kleinen Schock sorgte, haben beide Mercedes nicht einmal zwei Zehntel Vorsprung auf den Niederländer. "Ferrari war viel zu schnell und irgendwie haben die wohl auf den Geraden einen Turbo-Knopf gefunden", sagt Verstappen, der im Qualifying mit der Motorleistung auf den Geraden sehr unzufrieden war, was laut eigenen Angaben auch mit den eigenen Motoreneinstellungen zu tun hatte. "Im Rennen sollten wir in Sachen Topspeed näher dran sein, hoffentlich hilft uns das ein bisschen."

 

Ricciardo sieht die Roten aber nicht wirklich in Schlagdistanz: "Ich könnte jetzt nicht sagen, dass wir morgen ihr Tempo mitgehen werden, aber dafür scheint Mercedes definitiv in Reichweite. Sie waren dieses Wochenende nicht besonders stark. Ich denke, dass da noch ein Platz auf dem Podest zu haben ist - das ist unser Ziel."

 

Red Bull: "Lieblingsgegner" Mercedes schlagbar

Zumal er darauf hofft, dass der Rückstand nur im Qualifying so groß ist: "Im Vorjahr waren wir in Bahrain im Qualifying innerhalb einer Sekunde und hier lagen wir dann plötzlich zwei Sekunden zurück. Im Rennen war es trotzdem nicht so schlecht. Wir scheinen hier einfach auf eine Runde nicht so stark zu sein."

Red Bull hat also "Lieblingsgegner" Mercedes ins Visier genommen. Und wähnt einen Joker in der eigenen Hand: Während Ferrari und Mercedes mit dem Soft-Reifen ins Q2 gegangen sind und die mittlere Mischung damit als Startreifen nominiert haben, hebt sich Red Bull strategisch wie gewohnt ab: Verstappen und Ricciardo starten mit dem Ultrasoft-Reifen, also mit der weichsten Mischung, in den Grand Prix von China.

"Ferrari ist an diesem Wochenende unglaublich schnell, aber wir beginnen das Rennen auf einem anderen Reifen. Das könnte ganz interessant werden", hofft Teamchef Christian Horner gegenüber 'Sky Sports F1' auf eine glückliche Wendung. Doch wie kann der Ultrasoft-Reifen, der als schlechter Rennreifen gilt, ein Vorteil sein?

Startreifen Ultrasoft: So soll der Poker aufgehen

Ricciardo verweist auf den Start: "Da der Weg bis zur ersten Kurve hier kurz ist, spielt die Traktion wahrscheinlich eine größere Rolle als die Leistung. Und da haben wir mit dem Ultrasoft-Reifen natürlich einen Vorteil. Wenn wir gut wegkommen, dann können wir zumindest einen Platz rein dadurch gewinnen."

Mercedes-Star Lewis Hamilton muss also besonders aufpassen, um nicht ein Opfer des Red-Bull-Duos zu werden. Doch was bringt all das, wenn es Verstappen und Ricciardo nicht schaffen, mit einem Stopp durchzufahren? "Bei den Reifen gibt es viele Möglichkeiten: Es wird vielleicht ein Einstopp-, aber möglicherweise ein Zweistopprennen, da sind wir uns noch immer nicht sicher", gibt der Niederländer die Ungewissheit zu. "Zumindest machen wir etwas anderes als die anderen."

Wir haben uns schon am Freitag bei Pirelli schlau gemacht: Leiter Mario Isola meinte, dass der Ultrasoft-Reifen voraussichtlich maximal zehn Runden lang halte, aber selbst mit der weichsten Mischung als Startreifen ein Einstopprennen nicht ausgeschlossen sei, wenn man danach auf den Medium-Reifen wechselt. Da die Strecke aber durch den Gummiabrieb immer mehr Grip gewinnt, könnten nun aber deutlich mehr Runden möglich sein.

Einstopp-Strategie nicht ausgeschlossen

Eine Erfahrung, die Kevin Magnussen gemacht hat. "Wenn man damit 16 bis 18 Runden fahren kann, ist eine Einstoppstrategie wahrscheinlich", meint der Haas-Pilot, bei dem die weichsten Reifen am Freitag nach zehn Runden nicht mehr zu gebrauchen waren. Am Samstag-Vormittag fuhr der Däne damit aber 18 Runden. "Da war es in Ordnung, aber es war auch wirklich kalt."

Für den Sonntag soll es nicht nur wärmer sein, sondern auch die Sonne scheinen, wodurch mit einer deutlich höheren Asphalttemperatur zu rechnen ist. Das kann für die Ultrasoft-Piloten zur Zitterpartie werden, spielt aber auch den Soft-Startern nicht unbedingt in die Karten, wie Magnussen offenbart: "Der Soft bekommt mehr Probleme, wenn es heiß wird, denn sein Arbeitsfenster liegt bei niedrigeren Temperaturen." Ricciardo ist guter Dinge: "Wir sind seit Anfang des Jahres zuversichtlich, was unsere Longrun-Performance angeht, auch wenn wir es in Bahrain nicht zeigen konnten."

 

Und dann könnte Red Bull ja auch noch von glücklichen Umständen profitieren - zum Beispiel, wenn es eine frühe Safety-Car-Phase gibt, alle an die Box kommen und man damit keinen Haltbarkeitsnachteil durch den Ultrasoft-Reifen mehr hat. Oder man strategisch überhaupt anders plant als die Konkurrenz und durch mehrere Neutralisierungen an die Spitze gespült wird.

Sah sich Red Bull zu Ultrasoft-Strategie gezwungen?

Bleibt die Frage, ob sich Red Bull freiwillig für die Ultrasoft-Reifen entschieden hat oder man durch den Qualifying-Nachteil in Q2 zum möglichen Glück gezwungen wurde, weil man ein Ausscheiden befürchtete. "Wenn wir einen guten Morgen gehabt hätten und in Q1 vorne dabei gewesen wären, dann hätten wir vielleicht auch den Soft-Reifen in Betracht gezogen", erklärt Ricciardo, der die Q1-Hürde um nur 0,185 Sekunden gepackt hat. "Wir waren bereits im Hintertreffen, und als wir sahen, wie schnell die anderen sind, dachten wir uns: Was bringt es uns, wenn wir die gleiche Strategie wie sie wählen?"

Verstappen glaubt, dass er es auch mit Soft-Reifen geschafft hätte, in Q3 aufzusteigen. "Es war knifflig, und es stimmt, dass die Lücke nach hinten nicht sehr groß war", spielt er auf die 0,177 Sekunden an, die ihn am Ende in Q2 gerettet haben. "Wenn wir aber einen weiteren Satz aufgezogen hätten, dann wären wir automatisch fünf, sechs Zehntel schneller gewesen. Das war aber nie mein Plan."

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