Regelzoff um F1-Motoren: Hersteller müssen sich an die eigene Nase fassen
Die Fahrer raten der FIA, hart bei der Umsetzung der geplanten Motorenregeln zu bleiben, doch manche Hersteller sollten auch einmal in sich gehen
Kann sich Max Verstappen mit seiner Meinung gegen die Hersteller durchsetzen?
Foto: Motorsport
Während Montreal auf der Strecke für unterhaltsamen Rennsport sorgte, wurde das Fahrerlager von einem ganz bestimmten Thema beherrscht: 2027. Im Vorfeld des Formel-1-Rennens von Kanada gab die FIA bekannt, dass eine grundsätzliche Einigung besteht, das Verhältnis zwischen Verbrennungsmotor und elektrischer Leistung auf 60:40 zu ändern, mit dem Ziel, den Verbrenner wieder in den Vordergrund zu rücken.
Im Laufe des Wochenendes wurde jedoch klar, dass das Wort "grundsätzlich" in dieser Erklärung die meiste Arbeit leistete. Wie so oft in der Formel 1 erwies sich die politische Realität als weitaus komplizierter, als es zunächst den Anschein hatte.
Das wurde auch Max Verstappen klar. Er hatte sich am Donnerstag noch positiv über die vorgeschlagene Richtung geäußert und gesagt, dass sie ihm "definitiv helfen" würde, auch nächstes Jahr in der Formel 1 zu bleiben.
Als er jedoch begriff, wie kompliziert die Angelegenheit hinter den Kulissen tatsächlich ist, warnte Verstappen, dass es für ihn "mental nicht machbar" sei weiterzumachen, sollten die Änderungen letztlich durch politische Spielchen blockiert werden.
Die Tatsache, dass sich das Rennen in Montreal - genau wie das in Miami - natürlicher anfühlte als die Grands Prix vor der April-Pause, ändert daran nichts. Verstappen argumentierte, dass der Unterhaltungswert nicht den Regeln zu verdanken sei und dass die Formel-1-Fahrer selbst in Mietwagen eine Show abliefern könnten.
Der Niederländer erhielt in der Medienrunde Unterstützung von vielen anderen Fahrern. Auf Nachfrage erklärten mehrere Piloten, dass trotz der optischen Verbesserungen für die Fans die grundlegenden Probleme aus Sicht des Cockpits unverändert bleiben.
"Manchmal ist es superleicht, ein Auto zu überholen, aber auf der nächsten Geraden wird man sofort wieder zurücküberholt. Es ist immer noch schwer, eine Art Rhythmus zu finden, bei dem man das Gefühl hat, wirklich Rennen zu fahren", sagte Alexander Albon.
"Manchmal sind die Geschwindigkeitsunterschiede [so groß], dass man quasi gar nicht mehr verteidigen will, weil es sich fast schon gefährlich anfühlt, sich auf der Geraden zu bewegen. Also bleibt man einfach auf seiner Linie und lässt sich vom anderen Auto wieder überholen."
Das bedeutet, dass sich fast alle Fahrer einig zu sein scheinen, dass mehr Änderungen nötig sind, damit sich das Rennfahren wieder natürlicher anfühlt - beginnend mit dem 60:40-Split für 2027.
Was Sainz mit seinem Appell an die FIA wirklich meinte
Als klar wurde, dass dieses Thema hochgradig politisch ist, gehörten Verstappen und Carlos Sainz zu denjenigen, die die FIA aufforderten, "hart durchzugreifen". Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Bei den überarbeiteten Startprozeduren konnte die FIA das tun, weil sie Änderungen aus Sicherheitsgründen durchdrücken durfte.
Die potenziellen Änderungen für 2027 scheinen jedoch kein direktes Sicherheitsrisiko darzustellen, auch wenn die Fahrer weiterhin argumentieren, dass die Annäherungsgeschwindigkeiten zu extrem bleiben. Wenn die FIA aber nicht die Sicherheitskarte spielen kann, sind dem Dachverband die Hände weitgehend gebunden, um Änderungen zu erzwingen.
In diesem Fall kommt es primär darauf an, eine Supermehrheit unter den Motorenherstellern zu erreichen, was die Unterstützung von vier der sechs Parteien erfordert. Nun mag man sich fragen, warum es sechs Hersteller gibt, wo es derzeit doch nur fünf verschiedene Motoren gibt. Das liegt daran, dass sich General Motors (Cadillac) offiziell eingeschrieben hat und somit ebenfalls stimmberechtigt ist.
Danach gefragt, was genau er damit meinte, dass die FIA "hart durchgreifen" solle, wenn der Verband gar nicht aus Sicherheitsgründen intervenieren kann, stellte Sainz klar:
"Ich weiß. Ich weiß, dass das tatsächlich [schwierig] ist. Als ich das gesagt habe und genauer darüber nachdachte, fiel mir ein, dass es eine Kommission gibt, in der man abstimmen kann und die Teams eine Stimme haben. Ich schätze, an diesem Punkt habe ich die FIA und das FOM aufgefordert, das durchzudrücken und daran festzuhalten."
"Denn wenn sie sagen, dass es so sein sollte, bin ich mir ziemlich sicher, dass die Teams, die sich beschweren oder vielleicht nicht ganz auf ihrer Linie sind, keine andere Wahl haben werden, als es umzusetzen", so Sainz.
"Natürlich müssen alle zustimmen. Aber gleichzeitig bin ich ein großer Fan davon, dass die Entscheidungsträger einen sehr harten Ansatz und eine starke Haltung einnehmen, wenn es dem Wohl des Sports, der Rennen und der Show dient."
Letztlich läuft es immer noch darauf hinaus, die erforderliche Unterstützung zu sammeln. Aber Sainz würde sich zumindest wünschen, dass die FIA vor der Abstimmung klar Stellung bezieht und den blockierenden Herstellern erklärt, warum die Änderungen notwendig sind.
Warum Ferrari der FIA Kopfzerbrechen bereiten könnte
Obwohl das ein valider Punkt ist, müssen sich einige Hersteller auch an die eigene Nase fassen. Zunächst muss man anerkennen, dass auf allen Seiten politische Interessen im Spiel sind - auch bei den Befürwortern der Änderungen.
Red Bull und Mercedes sind beide für die Änderungen, was kaum überrascht. Als Unternehmen hat Red Bull naturgemäß weniger Interesse an der Elektrifizierung als andere, und sie beschäftigen zudem Verstappen, den lautstärksten Fahrer zu diesem Thema.
Mercedes betont, im besten Interesse des Sports zu handeln und potenziell bereit zu sein, einen Vorteil aufzugeben - wenn man bedenkt, dass der Hersteller derzeit führt. Allerdings könnte eine Änderung des Motorenreglements für 2027 für Mercedes auch Entwicklungsmöglichkeiten schaffen, die es sonst nicht gäbe.
Mercedes scheint sich nicht für das ADUO-System - den Sonderregelungen zur Weiterentwicklung für unterlegene Hersteller - zu qualifizieren. Das bedeutet, dass bei einem stabilen Reglement nur die Konkurrenten Entwicklungsmöglichkeiten erhalten würden, Mercedes hingegen nicht. Regeländerungen wären für sie also vielleicht gar keine so schlechte Nachricht.
Das bringt uns direkt zu einem der Hersteller, der sich den Änderungen bislang konsequent widersetzt hat: Ferrari. Laut der FIA konzentriert sich die Scuderia besonders auf ADUO und hat daher versucht, alle Diskussionen hinter den Kulissen in diese Richtung zu lenken.
Ferrari ist besorgt, dass mögliche Änderungen für das nächste Jahr das ADUO-System beeinträchtigen könnten, welches derzeit Ferraris Hauptaugenmerk ist. Zudem betont das Team, dass dieselben Mitarbeiter, die für die Umsetzung der ADUO-Upgrades zuständig sind, auch etwaige Regeländerungen für 2027 auffangen müssten.
Es ist zwar bis zu einem gewissen Grad verständlich, dass Ferrari auf die eigene Wettbewerbsposition schaut - man will Entwicklungsmöglichkeiten für sich selbst und möchte verhindern, dass Mercedes welche bekommt -, aber der italienische Hersteller muss sich auch selbst hinterfragen.
Beide Ferrari-Fahrer haben in den letzten Wochen einmal mehr klargemacht, dass das aktuelle Reglement nicht optimal ist. Charles Leclerc sprach wiederholt über Qualifyings, in denen Fahrer praktisch dafür bestraft wurden, dass sie mehr herausquetschten, während Lewis Hamilton am Sonntagabend folgendes sagte:
"Es fühlt sich definitiv nicht natürlich an, das steht fest. Ich denke, es bleibt ein seltsames Gefühl. Man geht aufs Gas, öffnet den SM (Straightline-Modus; Anm. d. Red.), und dann bricht die Leistung auf halber Strecke der Geraden ein und die Drehzahl sinkt. So sollte sich Motorsport nicht anfühlen. Der Motor sollte bis zum Ende der Geraden am Limit drehen und einfach immer weiter anschieben."
Wenn Ferrari die Sorgen der Fahrer, einschließlich der eigenen Piloten, ernst nimmt und wirklich im Sinne des Sports handeln will, sollten sie vor der Sitzung der Formel-1-Kommission am Dienstag über ihre Position nachdenken.
Aber dies ist ein klassisches Beispiel für einen Interessenkonflikt: Das eigene Wettbewerbsinteresse steht gegen das Interesse des Sports - obwohl im Fahrerlager immer alle behaupten, Letzteres stehe an erster Stelle.
Können die finanziellen Bedenken von Audi und Honda gelöst werden?
Die zweite Sorge ist finanzieller Natur. Audi und Honda sorgen sich um zusätzliche Investitionen, die erforderlich werden könnten. Auf der Chassis-Seite scheint dieses Problem lösbar zu sein. Mehrere Teams wollen das diesjährige Chassis in die nächste Saison übernehmen, und die Teamchefs bestätigten am Freitag, dass bereits ein Plan auf dem Tisch liegt: Einige Rennen sollen um ein paar Runden verkürzt und die Runden in die Startaufstellung auf eine pro Fahrer begrenzt werden.
Auf der Motorenseite ist die Situation jedoch komplizierter. Wenn Anpassungen am Kraftstoffdurchfluss erforderlich sind, werden auch Hardware-Änderungen an den Motoren nötig - beispielsweise, weil ein höherer Kraftstoffdurchfluss Folgen für die Zuverlässigkeit hätte.
Diese Änderungen kosten Geld, worauf Audi keine Lust hat, auch weil die Marke aus Ingolstadt dann möglicherweise erneut mit dem gesamten Volkswagen-Konzern verhandeln müsste. Der Hersteller mit den vier Ringen argumentiert, dass bereits so viel in die aktuellen Antriebseinheiten investiert wurde, dass neue Investitionen nur ein Jahr später alles andere als wünschenswert sind.
Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies entgegnet, dass solche Investitionen unbedeutend seien, wenn sie den Sport als Ganzes verbessern.
"Ich denke nicht, dass die Höhe der Investition im Vergleich zur Größe des Sports relevant ist. Ich denke, um es mal so auszudrücken: Wir sollten das Problem ein für alle Mal lösen und es nicht zu einem ständig wiederkehrenden Thema machen", sagt er.
Mit Blick auf den Dienstag lautet die Kernfrage, ob eine dieser beiden Sorgen ausgeräumt werden kann. Sollten Ferrari, Audi und Honda aus unterschiedlichen Gründen bei ihrer Blockadehaltung bleiben, könnte eine schnelle Einigung schwierig werden - oder es läuft am Ende auf einen schwächeren Kompromiss als den vorgeschlagenen 60:40-Split hinaus.
Etwas, womit die Fahrer wiederum unzufrieden wären.
Wenn jedoch eines der beiden Probleme gelöst werden kann - beispielsweise über einen finanziellen Rahmen -, hat der in der FIA-Erklärung bereits veröffentlichte Plan immer noch eine realistische Chance auf Erfolg.
Noch einmal: Politische Interessen spielen auf allen Seiten eine entscheidende Rolle, sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern, und das war schon immer Teil dieses Sports.
Aber wenn die Fahrer geschlossen der Meinung sind, dass diese Änderungen notwendig sind, damit sich die Formel 1 wieder natürlicher anfühlt, müssen einige Hersteller vor dem Treffen nächste Woche vielleicht noch einmal in sich gehen.
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