Reifendruck in der Formel 1: So versuchen die Teams zu tricksen

Nach den Schäden in Baku sind Tricksereien mit dem Reifendruck wieder im Fokus, das ist aber keine Neuerung in der modernen Formel 1

Reifendruck in der Formel 1: So versuchen die Teams zu tricksen

Nach den Vorfällen in Baku wird die Kritik an Teams, die mit den Reifendrücken herumspielen, mit Sicherheit zunehmen. Zwar wartet die Formel 1 noch auf die offizielle Auswertung von Pirelli über die Reifenschäden von Lance Stroll und Max Verstappen in Aserbaidschan, doch schon jetzt ist das Thema Reifendruck wieder in aller Munde.

Denn möglicherweise war ein Trick die Ursache der Schäden, um mit weniger Druck als vorgegeben fahren zu können.

Die Formel-1-Teams wissen seit langem, dass es einen Geschwindigkeitsvorteil gibt, wenn die Reifen mit niedrigem Druck gefahren werden. Daher gab es schon immer einen Anreiz, Wege zu finden, um den psi-Wert niedrig zu halten.

Allerdings können niedrige Drücke die Reifen einer unglaublichen strukturellen Belastung aussetzen, da sich die Konstruktion unter Belastung stärker verformt - und zu viel davon kann Probleme auslösen.

Die Kombination aus den aktuellen Formel-1-Autos mit hohem Abtrieb, superschwerem Gewicht und ultraniedrigem Reifendruck, plus den möglichen Freiheiten der Teams, kann ein Rezept für Probleme sein.

Pirelli hatte versucht, das Risiko solcher Bedrohungen einzudämmen, indem man höhere Mindestvorgaben beim Reifendruck gemacht hat. Das mögen die Teams aber nicht, weil das einen Rundenzeitenverlust bedeutet.

Sie wissen, dass man am besten Leistung herausholen kann, indem man bei der Messung des Reifendrucks am Limit ist und dann darunter fährt, wenn das Auto auf der Strecke ist und Leistung bringen muss.

Monza 2015 im Fokus

Ins Rampenlicht wurde das etwa in Monza 2015 gerückt, als Mercedes nach seinem Sieg beim Großen Preis von Italien untersucht wurde. Damals wurde festgestellt, dass die Reifen von Lewis Hamilton und Nico Rosberg bei der Messung vor dem Start unter dem Limit von 19,5 psi lagen.

Am Ende wurde das Team freigesprochen, da die FIA zufrieden damit war, dass die Reifen den richtigen Druck besaßen, als sie zum ersten Mal an die Autos montiert wurden. Mit sinkender Reifentemperatur im Grid sank aber auch der Druck in den Reifen.

Diese kurze Kontroverse zeigte jedoch, wie sehr sich der Reifendruck vom ersten Anbringen an den Autos bis zur Fahrt auf der Strecke verändern kann. Alle Kontrollen und Prozeduren, die es seit der Festlegung fester Richtlinien im Jahr 2015 gibt, beziehen sich auf diese erste Anbringung der Reifen.

Die Kontrollen finden also statt, kurz bevor ein Auto die Garage verlässt, oder in der Startaufstellung kurz vor dem Start des Rennens. Das lässt den Teams natürlich die Möglichkeit offen, den Druck nach solchen Kontrollen zu reduzieren, um sich möglicherweise einen Vorteil zu verschaffen.

Außerdem kann nicht jeder Reifen bei der ersten Montage am Auto überprüft werden - vor allem, wenn es sich um Reifen handelt, die während des Rennens bei Boxenstopps aufgezogen werden.

So tricksen die Teams

In der Vergangenheit gab es die Taktik, dass die Teams zu hohe Temperaturen in ihren Reifendecken einstellten, sodass sie am Ende die Luft im Inneren des Reifens erhitzen würden. Die heiße Luft dehnte sich aus und erhöhte den Druck zum Zeitpunkt der Messung. Als der Reifen wieder abkühlte und gebraucht wurde, sank auch der Druck wieder.

Doch die FIA schritt ein und gab eine maximale Temperatur für die Heizdecken vor, um dieser Taktik einen Riegel vorzuschieben.

Lewis Hamilton

Heizdecken können in der Formel 1 nicht nur den Fahrer wärmen

Foto: Motorsport Images

Aber da Formel-1-Teams clever sind, dürften sie mittlerweile andere Wege gefunden haben, um den Reifendruck nach den Kontrollen wieder zu senken. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es das ganze Feld betrifft - nicht nur ein oder zwei Teams. Denn die Teams geben nicht hunderte von Millionen Euro pro Jahr aus, um Leistungssteigerungen auf dem Tisch liegen zu lassen.

Schon Hamilton merkte im Anschluss an die Kontroverse in Monza 2015 an: "Wir fahren bis zum absoluten Minimum, die ganze Zeit ist es oben, aber so niedrig wie möglich. Wenn es 20 ist, sind wir 20,1 oder 20,001, was auch immer. Das ist es, worum es in der Formel 1 geht."

Teams liefern Daten selbst

Was die aktuelle Beurteilung der Lage schwierig macht: Die Teams sind selber für ihre Daten verantwortlich. Wenn sie also das Reglement umgehen, indem sie die Reifen unter den minimalen Startdruck bringen, gibt es für die FIA und Pirelli keine Möglichkeit, verlässliche, unabhängige Daten zu bekommen, um das zu überprüfen.

Auch das Reglement hindert die Teams nicht daran. Denn das schreibt aktuell nur einen Mindeststartdruck vor - keinen Mindestdruck während des Rennens.

Für 2022 führt die Formel 1 verpflichtende Standard-Reifendruck- und Temperaturüberwachungsgeräte ein, die der FIA und Pirelli den genauen Einblick geben, den sie brauchen, um die Situationen besser beurteilen zu können.

 

In einer aktuellen Änderung des Technischen Reglements für 2022 heißt es in Artikel 10.7.3: "Alle Autos müssen mit Reifendruck- und Temperaturüberwachungssensoren ausgestattet sein, die von einem von der FIA benannten Lieferanten gemäß einer von der FIA festgelegten Spezifikation hergestellt wurden."

 

"Die Felgen und die Reifendruck- und Temperatursensoren müssen gemäß dem Farb- und Beschriftungsschema gekennzeichnet sein, das im Anhang zum Technischen und Sportlichen Reglement festgelegt ist."

Sorge vor Silverstone

Dieser Schritt bringt zwar langfristig etwas Klarheit in das Vorgehen der Teams, kurzfristig ist jedoch unklar, wie die Reaktion ausfallen wird. Im kommenden Monat kehrt die Formel 1 zum britischen Grand Prix zurück. Die Hochgeschwindigkeitsstrecke in Silverstone ist dafür bekannt, eine der härtesten Strecken für die Pirelli-Reifen zu sein.

Eine Wiederholung des letztjährigen Rennens, bei dem eine Reihe von Reifen in der Schlussphase kaputtgingen, wird Pirelli vermeiden wollen.

Lewis Hamilton

In Silverstone standen die Reifen schon im Vorjahr im Fokus

Foto: Motorsport Images

Eine Option könnte also sein, dass Pirelli auf Nummer sicher geht und den minimalen Startdruck weit über den idealen Wert hinaus erhöht - wohl wissend, dass die Teams wahrscheinlich versuchen werden, diesen zu umgehen.

Alternativ könnten die Ereignisse von Baku für die FIA ausreichen, um die Kontrollen der Teams an den Grand-Prix-Wochenenden zu verschärfen - mit einer genaueren Überprüfung aller verwendeten Reifensätze.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.

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