Rennvorschau Hockenheim: Silber-Revanche bei Vettel-Party?

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Rennvorschau Hockenheim: Silber-Revanche bei Vettel-Party?
Autor: Sven Haidinger
18.07.2018, 06:14

Welche Schwächen Mercedes ausmerzen muss, damit Lewis Hamilton Sebastian Vettels ersten Hockenheim-Sieg vereiteln kann und wieso das Wetter dagegenspricht

Es ist angerichtet: Sebastian Vettel kommt mit acht WM-Punkten Vorsprung auf seinen großen Rivalen Lewis Hamilton zum großen Heimspiel in Hockenheim, das er noch nie gewonnen hat. Dabei liegt der Kurs in Baden-Württemberg, auf dem zuletzt 2016 und 2014 gefahren wurde, nur rund 50 Kilometer von seiner Heimatgemeinde Heppenheim entfernt. "Im Jahre 2000 habe ich hier mein erstes Formel-1-Rennen gesehen, und da hier immer Freunde und Familie dabei sind, ist Hockenheim etwas ganz Besonderes für mich", will Vettel, der 2013 bereits den Deutschland-Grand-Prix auf dem Nürburgring für sich entschieden hat, unbedingt gewinnen.

Der Ferrari-Pilot reist mit breiter Brust an, denn er hat nicht nur an den vergangenen drei aufeinanderfolgenden Rennwochenenden die meisten Punkte geholt, sondern auch den Silberpfeilen mit dem Triumph auf der "Mercedes-Strecke" in Silverstone eine empfindliche Niederlage zugefügt.

Dementsprechend sauer war Hamilton nach seinem Heimrennen. Vettels Provokation, als er nach dem Triumph "Wir haben sie in ihrer Heimat geschlagen!" in den Boxenfunk brüllte, motiviert den viermaligen Weltmeister sicher zusätzlich, zumal Hockenheim auch für Mercedes ein Heimspiel darstellt. Ein Sieg am kommenden Wochenende wäre eine gelungene Revanche.

Ferrari-Starts: Findet Mercedes eine Lösung?

Doch dafür muss Mercedes unbedingt ein paar Schwächen beseitigen: Seit Kanada gelingen den Ferrari-Piloten Vettel und Kimi Räikkönen in der Regel bessere Starts als den Silberpfeilen. Das ist einer der Gründe, warum Hamilton in Silverstone und Valtteri Bottas in Le Castellet abgeschossen wurden. Und auch in Spielberg, als sich Räikkönen mit einem Traumstart auf den ersten Metern zwischen das Mercedes-Duo zwängte, lag eine Kollision in der Luft.

"Wenn wir von der Pole losfahren, dann müssen wir unbedingt mindestens genauso schnell vom Fleck kommen wie die Ferraris", fordert Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin von seiner Truppe ein. "Das haben wir uns für das nächste Rennen in Hockenheim vorgenommen." In Silverstone waren durchdrehende Räder der Grund für die mäßigen Starts. In Brackley rauchen seitdem die Köpfe: "Wir investieren viel Arbeit darin, dieses Problem zu verstehen." Offenbar liegt es daran, dass Ferrari die Kupplung verbessert hat.

Antriebsvorteil könnte sich für Ferrari rechnen

Bei Mercedes spürt man, dass sich die Scuderia dieses Jahr auch in der zweiten Saisonhälfte nicht so einfach unterkriegen lassen wird wie noch im Vorjahr, denn selbst auf Kursen, auf denen man seit der Reglementrevolution 2014 stets überlegen war, hat man seinen Vorteil verloren. Und auch der Power-Bonus ist Geschichte: Die Ferrari-Antriebseinheit scheint inzwischen überlegen.

Das könnte sich auch in Hockenheim zum entscheidenden Vorteil für Ferrari herausstellen, denn auf dem Kurs, der über zahlreiche Geraden verfügt, beträgt der Vollgasanteil mit den aktuellen Boliden über 65 Prozent.

Kein Mercedes-Wetter: Hitze, aber auch Regengefahr

Dazu kommt, dass für das kommende Wochenende erneut hohe Temperaturen an die 30 Grad erwartet werden, während am Samstag Regenschauer für Action und eine durcheinandergewirbelte Startaufstellung sorgen könnten. Eine Hitzeschlacht wäre für die Silberpfeile vermutlich eine bittere Pille, denn schon in Spielberg hat es sich als rennentscheidend herausgestellt, dass der SF71H deutlich besser mit den Pneus umgeht als der F1 W09. Und auch auf dem Hockenheimring stehen die Hinterreifen auf dem Prüfstand.

"In Hockenheim wird es entscheidend, wie wir mit den Reifen umgehen", weiß auch Renault-Technikchef Bob Bell. "Dort ist die Traktion sehr wichtig, daher ist das Überhitzen der Hinterreifen ein großes Thema. Wer das verhindern kann, hat gute Karten." Das hat vor allem mit den zahlreichen langsamen Kurven zu tun - eine weitere Parallele zu Spielberg. Das sollte Ferrari entgegenkommen.

Pirelli überspringt Supersoft-Mischung

Interessant ist, dass Pirelli in Hockenheim neben den Mischungen Soft und Medium nicht wie gewohnt den Supersoft-Reifen bringt, sondern diese Mischung überspringt. Stattdessen müssen sich die Teams mit dem Ultrasoft-Reifen herumschlagen, der zwar im Qualifying für schnelle Runden sorgen wird, aber im Rennen relativ rasch in die Knie gehen könnte.

Das sorgt aus strategischer Sicht für eine spannende Ausgangssituation, da die Unterschiede zwischen den verschiedenen Pirelli-Mischungen dieses Jahr ohnehin zu gering ausfallen. Der womöglich rasche Abbau des Ultrasoft-Pneus hat die Team im Vorfeld jedenfalls nicht abgeschreckt: Der am meisten Grip bietende Reifen stellte sich als bevorzugte Mischung heraus.

Je sieben Sätze wurden von den Ferrari- und Mercedes-Piloten sowie von Red-Bull-Pilot Max Verstappen nominiert, Teamkollege Daniel Ricciardo setzt sogar auf acht Sätze. Das Stiefkind unter den Reifenmischungen ist hingegen der Medium-Pneu, von dem die WM-Rivalen Vettel und Hamilton sowie das Red-Bull-Duo nur einen Satz bestellten, die Finnen Bottas und Räikkönen setzen hingegen auf zwei Sätze.

 

Red Bull: Ricciardo von ganz hinten?

Apropos Red Bull: Verstappen und Ricciardo dürfen sich nach der Schlappe von Silverstone, als man pro Runde wegen des Renault-Motors laut eigenen Messungen nur in den Vollgaspassagen ganze neun Zehntel einbüßte, in Deutschland wieder bessere Chancen ausrechnen. Vor allem der schonende Umgang mit den Reifen und die gute Traktion gelten als Stärken des RB14.

Man darf gespannt sein, ob die österreichische Truppe mit Sitz in Milton Keynes mit Updates nach Hockenheim anreist, denn der Red-Bull-Bolide ist seit einigen Rennen so gut wie unverändert. Auch bei Mercedes gab es in Silverstone eine Flaute, während bei Ferrari die Update-Maschine auf Hochtouren läuft. Der neue Unterboden und die Änderungen im Heck haben voll eingeschlagen - und auch für Vettels Heimspiel werden neue Entwicklungen aus Maranello erwartet.

Vettels Ex-Teamkollege Ricciardo, der bei den vergangenen drei Rennen nicht auf dem Podest stand, steht währenddessen ein schwieriges Wochenende bevor: Der Australier muss voraussichtlich eine neue Antriebseinheit einbauen lassen, weshalb ihm eine Gridstrafe droht. "Hockenheim ist am günstigsten, denn dort kann man überholen", argumentiert der zweimalige Saisonsieger. Ihm fehlen bereits 65 WM-Punkte auf WM-Leader Vettel, während Spielberg-Sieger Verstappen ganze 78 Zähler zurückliegt. "Es sieht nicht gut aus für uns, aber der Titel ist nicht unmöglich", will Ricciardo nicht aufgeben. "Die WM dauert noch zu lange, um zu sagen, dass es vorbei ist."

Spritsparen in Hockenheim ein Thema

Neben der Leistung und der Haltbarkeit der Antriebseinheiten spielt in Hockenheim auch der Verbrauch eine große Rolle: Diesbezüglich sah es bei den Wintertests so aus, als wäre Mercedes gegenüber Ferrari und Renault deutlich im Vorteil. Haas-Teamchef Günther Steiner relativiert dieses Bild allerdings: "Diesbezüglich gibt es keine großen Unterschiede zwischen den vier Herstellern."

Während Nico Rosberg übrigens das bislang letzte Hockenheim-Gastspiel im Jahr 2016 für sich entschied, gibt es dieses Jahr neben Vettel mit Nico Hülkenberg nur noch einen weiteren Lokalmatador. Und der spürt derzeit den heißen Atem des Mittelfelds: In Silverstone waren beide Haas-Boliden, ein Force India und ein Sauber im Qualifying schneller als Hülkenberg, der dann beim Start von den Turbulenzen profitierte und acht Punkte holte.

Neuer Frontflügel zu Hülkenbergs Heimspiel

Fakt ist aber: Renault ist rein vom Tempo nicht mehr das schnellste Team im Verfolgerfeld. Das für Hockenheim angekündigte Update-Paket, dessen Schlüsselelement der neue Frontflügel ist, soll das aber wieder ausmerzen. "Wir hoffen, dass er uns einen Schritt weiterbringt und die Leistung des Autos verbessert", sagt Technikchef Bell. Außerdem sollte Hockenheim dem R.S.18 besser liegen als Spielberg und Silverstone.

Hülkenberg kommt mit einem guten Gefühl nach Hockenheim: "Mein allererstes Rennen, das ich in einer Nachwuchsserie gefahren bin, war in Hockenheim, und ich habe es auf Anhieb gewonnen. Das ist eine der besten Erinnerungen."

Gelingt Leclerc die nächste Sensation?

Hülkenberg sollte beim Heimrennen erneut sein Ex-Team Sauber nicht unterschätzen, denn obwohl der Bolide vermutlich auf den ersten Blick unverändert aussehen wird, gibt es unter der Haube grundlegende Änderungen: Das Auto von Senkrechtstarter wird mit einem neuen Kühlsystem ausgestattet. Es ist also keinesfalls unmöglich, dass der Monegasse einmal mehr ins Q3 und im Rennen in die Punkteränge eindringen wird.

Das Haas-Team muss hingegen möglicherweise kleinere Brötchen backen: Schuld daran ist das winkelige Motodrom, das dem VF-18 nicht entgegenkommt. "Unser Auto ist besser in schnellen Kurven", bestätigt Teamchef Steiner. "Auf den langsamen Kursen hatten wir hingegen Probleme. Das bereitet mir ein paar Sorgen für die langsamen Passagen in Hockenheim."

Haas droht leichter Rückfall

Sein Pilot Romain Grosjean, der in Silverstone mit Teamkollege Kevin Magnussen kollidierte und so erneut bei Steiner für Unmut sorgte, ist währenddessen nicht so pessimistisch: "Das vergangene Update war ein großer Schritt nach vorne - auch in den langsamen Passagen." Konträr sind die Aussichten bei Toro Rosso: Dort setzt man seine Hoffnungen wegen des Honda-Defizits vor allem auf den winkeligen Teil des Hockenheimrings. "Vielleicht haben wir dort eine Chance", meint Pierre Gasly. "Es ist aber schwer einzuschätzen."

McLaren ist in den vergangenen Rennen im Qualifying immer weiter zurückgefallen, doch in Hockenheim sollte es wieder etwas besser laufen: Auf dem Kurs kann man überholen, außerdem ist die aerodynamische Effizienz - die Schwachstelle des MCL33 - nicht mehr so entscheidend wie in Silverstone. Aber auch Force India muss man nach dem heißersehnten Unterboden-Update in Großbritannien auf jeden Fall auf der Rechnung haben. "Damit wir können wir jetzt auf allen Kursen im Mittelfeld ganz vorne mitfahren", warnt Esteban Ocon die Rivalen.

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